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Ausgabe Nr. 37/2018 vom 11.09.2018, Fotos: Bobipix, Kay Uwe Fischer
Die Wienerin Nicole Wesner boxt ums vierte WM-Gold
Ring frei …
Früher führte die Akademikerin Nicole Wesner, 41, harte Verhandlungen am Managertisch im nadelgestreiften Geschäfts-Kostüm. Heute ist die Wienerin die ungewöhnlichste Boxerin der Szene, verschrieb sich dem Buddhismus, liest Märchen und kämpft in rund einer Woche um ihren vierten Weltmeister-Titel.
Eigentlich lehnt Nicole Wesner, 41, Gewalt grundsätzlich ab, bekämpft Diskriminierung und Massentierhaltung. Trotzdem wird die Leichtgewichts-Boxerin am 22. September im Wiener Verein „Gym23“ bei ihrem Kampf um den WM-Titel gegen Lina Tejada aus der Dominikanischen Republik so hart zuschlagen, dass Körperflüssigkeiten fließen und Knochen knacken. Gnadenlos. „Ich sehe Boxen als technische Sportart, Aggression hat für mich nichts damit zu tun“, versichert die in Köln (D) geborene und in Wien lebende Sportlerin. „Meine Faust muss von Punkt A nach Punkt B und das ist eben das Gesicht der Gegnerin. Dabei will ich ihre Kampfkraft zermürben, aber niemanden verletzen.“

Den präzisen Transport der Schlaghand von A nach B hat die Blondine inzwischen perfektioniert, bereits drei WM-Titel eroberte Wesner seit 2014 für verschiedene Verbände, obwohl ihr Weg zum Erfolg extrem spät begann.

„Bis zum 32. Lebensjahr hatte ich einen schönen Büroarbeitsplatz in der Wirtschaft, verdiente super und fuhr ein großes Auto“, erinnert sie sich schmunzelnd zurück. Bis sie in einem Fitnessstudio die Liebe zum Boxen entdeckte und eines Tages alles hinschmiss, um Profiboxerin zu werden. „Ich zog in eine kleinere Wohnung, erstellte Trainingspläne und begann ein Leben nur für den Kampfsport.“ Die große Welle der Entrüstung und des Unverständnisses, die in ihrem Umfeld aufkam, ebbte freilich nur langsam wieder ab. Die Erfolge geben ihr nicht nur Recht, die rhetorisch routinierte Wesner spricht inzwischen auch als gefragte Rednerin bei Firmen wie Mercedes oder Daimler darüber, wie sie das vorgeblich Unmögliche möglich machte. Deswegen würde die Sportlerin heute auch gerne sehen, dass mehr Damen sich dem Boxen zuwenden. „Frauen gelten in der Gesellschaft als schwaches Geschlecht, sollen weich sein und immer lieb lächeln“, meint die Leichtgewichtlerin. „Das Boxen lässt sie jedoch mit mehr Selbstvertrauen über die Straße gehen.“

Wesner selbst schlug auf dem Weg zu ihrem Erfolg völlig andere Wege ein als die Konkurrenz, las mitunter Abends spanische Märchen und änderte ihren Speiseplan. „Ich ernährte mich jahrelang nur von Rohkost“, erzählt sie. „Als ich einige Monate lang ausschließlich Bananen aß, erreichte ich einen geistigen Zustand der Klarheit, wie ich ihn noch nie hatte.“ Trotzdem nimmt sie heute wegen der Proteinzufuhr hie und da warme Mahlzeiten zu sich.

Nicht weniger wichtig war es für Wesner aber, sich der Philosophie des Buddhismus zu verschreiben. „Die Menschen denken zu viel, vor allem an die Zukunft und die Vergangenheit“, bringt sie die Lehre auf den Punkt. „Ich meditiere nunmehr stundenlang, um in einen ausgeglichenen Zustand im Hier und Jetzt zu kommen. Denn dieser Zustand macht mich auch zu einer besseren Boxerin.“

Das beweist auch ihr spirituell eindrucksvollstes Erlebnis, das sie im Boxring hatte, als ihr wie in Trance der ultimative Schlag gelang, druckvoll und wirkungsvoll wie nie zuvor. „Diesen einen Augenblick lang war ich im Hier und Jetzt“, ahnt sie, warum der Schlag so gut war. „Ich versuchte lange, den Augenblick zu reproduzieren, doch er lässt sich nicht erzwingen.“

Steht die schlanke, 62 Kilo leichte Sportlerin heute vor einem, erinnert nur der Schatten eines blauen Flecks im Gesicht an ihren Brotberuf. Damit hat sie aber kein Prob-
lem. „Als Frau mache ich mir wenig Sorgen um meine Schönheit. Ich habe eine stabile Nase, die viel aushält.“ Dass die friedliebende Buddhistin von Berufs wegen hart zuschlägt, hat ihr auch im Privatleben kaum Nachteile eingetragen, im Gegenteil. „Wenn ich beim Ausgehen Männer kennenlerne und sie erfahren, dass ich Profiboxerin bin, sind sie meistens fasziniert und es bricht das Eis“, verrät die alleinstehende Wesner, die bisher noch nicht an Familiengründung dachte.

So wie sie auch in der Sportlerkarriere mit dem stolzen Sportleralter von 41 Jahren im Sinne des Buddhismus alles auf sich zukommen lässt. „Ich weiß nicht, was mich erwartet, nehme das Leben aber so, wie es kommt.“ Zusatz: „Aber einmal in Las Vegas (USA) kämpfen zu dürfen, das wäre wirklich schön.“ Wolfgang Kreuziger
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