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Ausgabe Nr. 37/2018 vom 11.09.2018, Foto: Agency People Image
Leopold Altenburg wurde im Jahr 1971 in der steirischen Landeshauptstadt Graz geboren. Er ist der Enkel von Clemens Salvator von Österreich-Toskana. Dessen Mutter Marie Valerie war die Tochter von Kaiser Franz Joseph I. und Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn. Altenburg arbeitet als Schauspieler, Dokumentarfilmer und Krankenhaus-Clown. Er spielte unter anderem in den Krimi-Reihen „Tatort“ und „SOKO Wismar“ mit. Altenburg lebt mit seiner Familie in der deutschen Hauptstadt Berlin
„Sisi konnte äußerst boshaft sein“
Vor 120 Jahren betrauerten die Menschen den Tod von Kaiserin Elisabeth, bekannt als „Sisi“. Sie wurde am 10. September 1898 in Genf von einem Italiener mit einer spitzen Feile ermordet. Am 17. September fand die Beisetzung in der Kaisergruft in Wien statt. Ein trauriges Jubiläum, das aber der Ururenkel von „Sisi“, Leopold Altenburg zum Anlass nahm, in der Familienchronik nachzuforschen. Hier erzählt der Adelige, welches Bild er von seiner Ururgroßmutter hat.
Herr Altenburg, der Tod von „Sisi“ jährt sich zum 120. Mal. Sie haben sich eingehend mit ihr befasst, in welcher Art und Weise?
Mithilfe von historischen Biografien und Dokumentationen – eine gibt‘s zum Beispiel mit meinem Vater, in der er als Urenkel befragt wurde. Kaiserin Elisabeth ist in unserer Familie immer ein Thema, und jeder in der Familie hat seine eigene Meinung zu ihr. Die einen finden sie wunderbar und wichtig als emanzipierte Frau, andere finden sie völlig uninteressant, weil sie sich nur ein einziges Mal politisch engagiert hat – in punkto Ungarn. Ansonsten habe sie nur das Geld verprasst und ihr Amt als Kaiserin gar nicht ausgeübt. Bei uns wird bis heute oft über sie diskutiert. Ich selber habe auch eine Filmdokumentation über sie gedreht und dafür Orte besucht, die für Elisabeth wichtig waren – darunter Wien, Budapest und Bad Ischl. Es war eine Reise zu meinen eigenen Wurzeln.

Welcher Mensch war Kaiserin Elisabeth?
Am meisten fasziniert mich an ihr, dass sie in allem, was sie gemacht hat, extrem war. Dahinter stand eine unstillbare Sehnsucht nach Liebe. Diese Liebe wollte sie erlangen, indem sie gezeigt hat: „Ich bin die schönste Frau der Welt. Ich will, dass ihr das erkennt. Und dass ich die sportlichste Frau der Welt bin.“ Absolut widersprüchlich – weil sie diese Liebe eigentlich abgelehnt hat. Im späteren Verlauf ihres Lebens hat sie sich gar nicht mehr in der Öffentlichkeit gezeigt, sie wollte nicht mehr gesehen werden.

Aber sie soll gern gereist sein?
Sie hatte einen unbändigen Drang, viel zu reisen und Sprachen zu lernen. Sie sprach fließend Englisch – was dazu führte, dass sie mit ihrer Schwester Englisch redete, wenn sie wollte, dass die Diener bei Hofe nicht mitkriegen, was sie mit ihr bespricht. Am Hof sprach außer ihr niemand Englisch. Sie sprach auch akzentfrei Ungarisch. Später lernte sie Italienisch, Griechisch und Französisch. Das Reisen und die vielen Sprachen gaben ihr das Bewusstsein, in einem riesigen Land zu leben. Einerseits floh sie auf diesen Reisen vor sich selber als Person, andererseits suchte sie sich aber auch selber dabei. Bezeichnend dafür ist für mich der Palast auf Korfu. Sie sagte: „Hier möchte ich leben, hier möchte ich alt werden – weit weg vom Kaiser, weit weg von Wien. Hier ist das Meer, das ich liebe.“

Das tat sie aber nicht …
Nein, sie ließ zehn Jahre lang auf Korfu einen neuen Palast bauen. Als er fertig war, wollte sie ihn nicht mehr. Damals sagte sie: „Träume sind schön, solange sie nicht erfüllt sind. Das Nichterfüllte ist das Ewige, das bleibt.“ Das war bei ihr öfter so: Sobald sich ihre Vorstellungen erfüllt hatten, flüchtete sie auch wieder davor. Der Weg zu einem Ziel war für sie das Spannende, nicht das Erreichen, das Ankommen. Sie bat den Kaiser, den Palast auf Korfu zu verkaufen, aber das wollte er dann doch nicht. Und Elisabeth war weiterhin wie eine Getriebene in der Welt unterwegs, vor allem nach dem Tod ihres Sohnes Rudolf. Sie war pausenlos auf Tour – zu Fuß, zu Schiff, per Kutsche. Sie rannte die Berge hinauf, der ganze Hofstaat hinterher. Die Hofdamen waren völlig am Ende und wurden dann ausgetauscht.

Warum war sie so eine Getriebene?
Heute würden wir das Selbstoptimierung nennen. Das ist genau der Aspekt von Sisi, der uns heute betrifft. Diese Philosophie: „Optimiere dich selbst, dann veränderst du auch dein Umfeld.“ Deshalb hat Elisabeth unaufhörlich an sich selbst gearbeitet und gesagt: „Ich hungere, ich mache Sport, ich werde noch schlanker, ich lerne Sprachen, ich reise und lerne dabei, werde zur Dichterin, habe mein Leben selber in der Hand und übernehme Verantwortung dafür.“ Eine absolut heutige Lebenseinstellung.

Andererseits war sie ein Mensch, der uns leidtun muss …
Auf jeden Fall – weil sie nicht ihre wirkliche Berufung leben durfte. Sie war 15 Jahre alt, als sie sich mit Franz Joseph verlobte. Sie war ja fast noch ein Kind. Viel zu jung für eine Verlobung. Und zur Politikerin fühlte sie sich absolut nicht berufen. In der heutigen Zeit wäre sie eine berühmte Hochleistungssportlerin oder eine prominente Autorin, Dichterin. Sie hätte heute Karriere machen können. Weil sie den Willen hatte, etwas aus sich zu machen. Im Gegensatz zu ihrem Sohn, Kronprinz Rudolf, an dem eine regelrechte Wohlstandsverwahrlosung zu beobachten war. Der hätte ein großartiger Naturwissenschaftler sein können, aber das wurde ihm vom Vater verboten. Stattdessen wurde er auf die Militärakademie geschickt, wurde dort regelrecht gebrochen. Zeit seines Lebens hatte er Albträume, weil er nicht so leben durfte, wie er wollte. Deshalb hat er sich ja später auch erschossen. Solche Schicksale sind in aristokratischen Häusern häufig. Da muss einer Herrscher werden, also wird er von klein auf zurechtgestutzt. Die Pflicht steht immer an erster Stelle.

Damit hatte ja auch Sisi Schwierigkeiten.
Die Pflicht ist es, nicht den eigenen Wünschen und Gefühlen zu folgen, sondern der Aufgabe, die du als Mitglied einer Herrscherdynastie hast. Das wurde Sisi ja übel genommen, dass sie diese Pflichten nicht übernehmen wollte. Stattdessen ist sie alldem entflohen. Sie wollte mit den Pflichten nichts zu tun haben, wohl aber mit dem enormen Vermögen, das die Habsburger-Dynastie besaß.

Das Leben am Hof war nicht erstrebenswert?
Alle haben darunter gelitten. Mein Großvater hat das auch noch erlebt, zwölf Jahre lang. Er wollte nicht viel darüber erzählen. Aber er hat öfter einmal angedeutet, wie bedrückend das Leben in der Hofburg für ihn war. Es gab ein strenges Protokoll und Zeremonien, ganz klare Regeln, wie sich jeder zu verhalten hat. Jegliches Ausbrechen aus dem Protokoll war verpönt. Und jeder – bis hin zum Hofbäcker – hatte sich an die Regeln zu halten. Der Hofstaat bestand aus rund 2.000 Menschen. Damit war der Hof der größte Arbeitgeber im Land.

In den legendären „Sissi“-Filmen mit Romy Schneider in der Titelrolle wurde eine nette Kaiserin dargestellt. Welche schlechten Seiten haben Sie an Ihrer Ururgroßmutter gefunden?
Sie konnte äußerst boshaft sein. Konnte Menschen rigoros verurteilen. Die böhmischen Frauen beispielsweise mochte sie überhaupt nicht, weil die viel getratscht haben und sich körperlich nicht im Griff hatten. Und was ich auch sagen muss: Elisabeth führte ein ausschweifendes Leben. Wenn sie auf Reisen war, mussten Hunderte von Menschen aus dem Hofstaat mitreisen. Zum Beispiel hatte sie immer ihre eigene Bäckerei dabei. Sie aß zwar kein Brot, aber es wurde jeden Tag für sie Brot gebacken. Kühe und Schafe sind mitgereist. Ganz spezielle Kühe, die eigens für sie gezüchtet wurden, weil ihr nur die Milch von diesen Kühen schmeckte. Ein Bote brachte ihr immer ein Glas Milch.

Sogar Fitnessgeräte soll sie dabei gehabt haben …
Ja, Ringe und eine Sprossenwand, Gewichte und ein Reck. Und später war das Reiten ihr Ein und Alles. Sie konnte es mit den besten männlichen Reitern ihrer Zeit aufnehmen. Und sie war oft sogar besser als die Männer. Über die machte sie sich gern lustig – vor allem, wenn einer vom Pferd gefallen war. Allerdings ist Elisabeth auch mehrmals vom Pferd gefallen, hatte aber sozusagen einen Schutzhelm – ihr üppiges Haar, kunstvoll um den Kopf herumgeflochten. Die Haare haben sie einige Male gerettet. Elisabeth hatte ja auch eine gute Friseurin, die verblüffenderweise wie Sisis Doppelgängerin aussah. Wenn Elisabeth keine Lust auf einen Termin hatte, ließ sie dort einfach ihre Friseurin auftreten.

Stimmt es, dass sie eine Tätowierung hatte?
Ja, das war natürlich ungewöhnlich für die damalige Zeit. Einen Anker auf der linken Schulter. Der Kaiser war ziemlich schockiert darüber, er sprach von einer „schrecklichen Überraschung“.

Finden Sie Charakterzüge von Sisi in sich selber wieder?
Ihre Vorliebe für den Zirkus. Ähnlich wie ihr Vater, der einen eigenen Zirkus betrieb und dort selber als Kunstreiter auftrat, fand auch Elisabeth den Zirkus schön. Sollten wir uns jemals im Jenseits begegnen, kann ich mir gut vorstellen, mich mit ihr über den Zirkus zu unterhalten. Und die Leidenschaft, unterwegs und auf Reisen zu sein – die habe ich auch mit ihr gemeinsam. Ich kann diese Leidenschaft ja gut in meinem Beruf als Schauspieler ausleben. Und ähnlich wie meine Ururgroßmutter zog es mich weg von Wien – ich lebe mit meiner Frau und unseren beiden Töchtern bürgerlich in Berlin-Hermsdorf (D).

Warum heißen Sie Altenburg und nicht Habsburg?
Der Name Altenburg entstand, als mein Großvater eine Gräfin heiraten wollte, was Kaiserin Zita nicht erlaubte. Also stand er vor der Wahl, entweder seinen Namen zu ändern oder auf seinen Adelstitel zu verzichten. Da entschied er sich doch lieber für die Namensänderung.

Sie wären ja Prinz …
Rein juristisch ist er Teil meines Namens, aber meine Eltern haben mich gelehrt, damit nicht zu dick aufzutragen. Ich bin auch nicht auf einem Schloss aufgewachsen, sondern in einem ganz normalen bürgerlichen Haus in Graz (Stmk.). Meine Mutter sagte gern: „Auf deinen Titel kannst du dir nichts einbilden, dein Klo musst du trotzdem selber putzen.“ Manchmal, wenn Post von unserer Verwandtschaft kommt, Einladungen zu Hochzeiten und sonstigen Familienfeiern, steht „Seine Durchlaucht Prinz von Altenburg“ oder „Prinzessin“ auf dem Briefumschlag – meine Frau und meine Töchter dürfen sich „Prinzessin“ nennen. Unser Postler lacht dann immer.

Warum lebten Sie nicht in einem Schloss?
Die Schlösser der Habsburger waren immer staatlich. Mit der Abschaffung des Adels sind diese Immobilien alle in Staatseigentum verblieben.
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