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Ausgabe Nr. 36/2018 vom 04.09.2018, Foto: GEPA
Didi Kühbauer braucht Typen mit Charakter
„Begabung allein bringt einem Kicker nichts“
Seit Didi Kühbauer, 47, im April dieses Jahres als Trainer den SKN St. Pölten übernahm, wandelte sich der Nachzügler zum Musterschüler und steht nach sechs Runden auf Platz zwei der Tabelle. Im Interview erklärt der Burgenländer, warum guter Charakter im Fußball für ihn der Erfolgsschlüssel ist.
Sechs Runden sind gespielt und St. Pölten lacht immer noch von Platz zwei der Tabelle. Wie haben Sie diese Steigerung geschafft?
Als ich den Verein übernommen habe, war nach 137 Gegentoren in den vergangenen zwei Saisonen klar, dass wir Stabilität brauchen. Außerdem war zuviel Angst vor Fehlern da, die musste ich aus den Köpfen kriegen. Ich habe den Burschen gesagt, macht Fehler, aber wenn ihr jetzt auch noch Angst habt, Fußball zu spielen, werden wir nie auf Erfolgskurs kommen. Wer nie den Ball fordert, macht zwar nichts falsch, hilft aber auch der Mannschaft nicht. Als Resultat erleben wir einen Erfolgslauf, der nicht ewig anhalten wird. Im Gegenteil, es wird immer schwerer, weil der eigene Anspruch höher wird.

Könnte nicht die Stimmung in Überheblichkeit umschlagen?
Ich kann mit Sicherheit sagen, dass das nicht passieren wird, weil ich die richtigen Spieler dafür ausgesucht habe.
Es klingt nach einer Floskel, aber ich brauche Typen mit Charakter, Kicker, die nach dem Hinfallen wieder aufstehen. Und das ist kein Pathos, sondern Realität. Ich musste gute Techniker wie Riski aussortieren, weil er nicht dazupasste, mit fünf super Spielgestaltern im Mittelfeld würde ich Schiffbruch erleiden. Es geht um die Balance zwischen Arbeit und Spiel.

Wird im Fußball generell zu sehr auf Geld und zu wenig auf Charakter gesetzt?
Mit viel Geld kannst du höherwertige Spieler einkaufen, aber das heißt nicht, dass die Mannschaft das auch auf den Rasen bringt. Ich konnte nicht viel Geld ausgeben, bei kleinen Klubs muss das „Wir“ funktionieren und der Egoismus hinten angestellt werden. Außerdem müssen wir immer die 100 Prozent voll ausschöpfen, sonst werden wir schnell schlagbar.

Beklagt werden zu viele glatte, gleichgeschaltete Typen im Fußball. Leben Sie als einer der wenigen noch Emotionen im Fußball vor?
Gefühle zu zeigen ist nichts Schlechtes, ich halte nichts davon, bei jedem Tor wie ein Eisblock auf dem Rasen zu stehen. Wenn ich emotional werde, trifft‘s mich wie der Blitz und jeder kriegt das mit, aber ich mag nur authentische Gefühle und verwahre mich gegen eine Show. Andererseits muss das Gefühl kanalisiert werden, sonst vergessen wir aufs Wesentliche. Ich habe schon viel Lehrgeld bezahlt und früher Aussagen gemacht, die zwar in der Sache richtig waren, mir aber geschadet haben.

Wie viele emotionale Kühbauers als Spieler würde eine
Mannschaft vertragen?

Wenn ich Trainer wäre, würden fünf Kühbauers auch gehen, denn ich würde sie ja gut kennen und kontrollieren (lacht). Für andere Trainer wäre das wahrscheinlich zu viel. Wir reden da von guten Typen, weil sie für den Erfolg leben, das Spiel lieben, bis über die Grenzen gehen, fast schon zuviel wollen, und immer den Erfolg suchen.

Einige St. Pöltner Talente wie Ingolitsch spielen schon in diversen ÖFB-Auswahlen. Sehen wir ein paar Nationalteamkicker heranwachsen?
Mit dem Wort Talent tu ich mir ein bisserl schwer. Das ist für mich eine Begabung, die einem der liebe Gott mitgegeben hat, die allein nichts bringt. Fußball ist ein Laufsport und ohne Arbeit geht nichts, du brauchst außerdem den Willen und im optimalen Fall auch die Persönlichkeit. Ingolitsch, Haas oder Meisl haben gute Anlagen, müssen aber den nächsten Schritt selbst schaffen.

Das ÖFB-Nationalteam testet gegen Schweden und startet dann gegen Bosnien-Herzegowina in der neuen Nations League. Wo stehen wir? Vor zwei Jahren waren wir noch Nummer zehn der Welt, dann kam der Absturz …
Ich finde, mit der Übernahme des Teams durch Teamchef Franco Foda ist neues Leben reingekommen, das ist auch an den Ergebnissen zu sehen, obwohl der Sieg über Deutschland nicht überbewertet werden sollte. Nüchtern betrachtet, hatten wir zuvor auf Platz zehn der Weltrangliste nie etwas verloren, aber wir können mit der derzeitigen Mannschaft auch so gut wie jeden Gegner ärgern, davon bin ich überzeugt. Weh tut nur, dass wir uns schon seit 20 Jahren für keine WM mehr qualifiziert haben. Wir können uns im Gegensatz zu anderen Nationen keine drei Ausfälle von Stammspielern leisten, darunter leidet die Konstanz.

Welche neuen Trends konnten Sie denn von der WM mitnehmen?
Offen gesagt, gar keine. Ich zumindest habe keine großen Erkenntnisse daraus gewonnen, die wir umsetzen könnten. Im Gegenteil, viele kleine Länder haben ihr Heil in der Defensive gesucht, Große haben gegen Kleine Probleme gehabt, alles ist enger zusammengerückt.

Im Nationalteam sind Fuchs, Janko oder Harnik zurückgetreten, einige Junge nachgerückt …
Eine gute Entwicklung, ich sehe viel Qualität, denn die Nachwuchsarbeit ist weit besser als vor 20 Jahren. Wir haben gute zukunftsträchtige Spieler mit Potenzial für Top-Klubs, Leo Lainer wäre fix bei Napoli gelandet, wenn Salzburg ihn hätte gehen lassen, Florian Grillitsch ist bei Hoffenheim ein Stammspieler und auch die jungen Xaver Schlager oder Hannes Wolf werden über kurz oder lang bei Top-Adressen landen.

Fehlen uns nicht die Superstars?
Wer hat schon die Superstars? Diejenigen, die ich Superstars nenne, sind an einer oder zwei Händen abzuzählen und wie bei Messi heißt das noch lange nichts fürs Nationalteam. Selbst die Italiener waren nicht bei der WM und Polen, das sich qualifizierte, hat viel mehr Bewohner als unser Land.

Sehen wir eines Tages Didi Kühbauer als Teamchef?
Das ist kein Thema für mich. Jetzt bin ich noch zu jung, außerdem liebe ich die tägliche Arbeit am Platz zu sehr, um immer Monate aufs nächste Spiel zu warten.
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