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Ausgabe Nr. 35/2018 vom 28.08.2018
Seit 30 Jahren rettet Ulrich Kettner Esel vor dem Zugrundegehen.
Die Mitglieder des Vereins „Eselrettung Österreich“ kümmern sich rührend um die insgesamt 80 Tiere.
Am Hof der geretteten Esel
Ulrich Kettner aus Leoben (Stmk.) hat sich einem Tier verschrieben, das ein wenig beachtetes Dasein fristet. Seit 30 Jahren rettet er Esel vor dem Zugrundegehen. Ob verwahrlost auf einer Alm oder als „störrischer“ Esel für die Bespaßung von Kindern nicht mehr zu gebrauchen – alle finden bei ihm ein neues Zuhause.
Dumm wie ein Esel? „Das ist ja der große Irrtum“, erwidert Ulrich Kettner, als er mit dem Vorurteil konfrontiert wird. „Esel sind äußerst intelligent. Laut Studien sind sie auf dem selben Niveau wie Delfine“, erklärt der Steirer. „Ein Verhalten, das bei ihnen als ‚dumm‘ bezeichnet wird, entwickeln die Tiere, wenn sie falsch gehalten werden.“ Als wollten sie seine Worte unter Beweis stellen, versammeln sich auf einem Weidegrundstück bei Leoben (Stmk.) einige der Grautiere um den 60jährigen, stupsen ihn mit der Nase, suchen in seinen Taschen Futter und schmiegen sich an ihren Wohltäter. Als solcher darf der Arbeiter aus Leoben durchaus bezeichnet werden. Seit 30 Jahren finden Esel, die schlecht gehalten werden, bei ihm ein neues Zuhause.

„Und es ist kaum zu glauben, wie viele es davon gibt“, sagt Kettner, während er gerade wieder zwei Neuankömmlinge, die er aus Kärnten geholt hat, aus seinem Transporter auf die Weide entlässt. „Fast bei jedem Reitstall steht ein Esel, der zur Bespaßung der Kinder dient. Aber wenn die Pferde gemeinsam auf der Koppel herumtoben, steht dann der Esel irgendwo allein herum.“ Was nach seinen Worten für das intelligente Tier geradezu eine Qual ist. „Das sind soziale und gesellige Tiere, die unbedingt einen Partner brauchen. Wenn sie sich einsam fühlen, werden sie stur und bockig. Und das ist dann meist der Zeitpunkt, an dem sie ihr Besitzer zum Schlachter bringt.“ Das zu verhindern hat sich Kettner, der den Verein „Eselrettung Österreich“ (Spendenkonto: Sparkasse Leoben-Göss, IBAN: AT14 2081 5000 4169 9117, BIC: STSPAT2GXXX) gegründet hat, zur Aufgabe gemacht.

Sich neugierig umsehend treten „Sebastian“ und „Biene“ aus dem Transporter des Tierschützers auf den neuen Weideboden, der von nun an ihr Zuhause sein wird. Von den sechs Tieren, die sich auf dem weitläufigen Gelände seines gepachteten Bauernhofes befinden, werden die Neuankömmlinge zuerst neugierig beschnuppert. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, traben sie nach wenigen Minuten mit den Alteingesessenen mit, die ihnen den besten Platz zeigen, an denen sie ihr Fell pflegen können – eine sandige Bodenvertiefung, ähnlich einer Suhle für Schweine. „Wenn es regnet, ist es da ziemlich morastig“, erklärt Kettner den Platz. Genau das Richtige für das struppige Fell der Tiere. „Manche Besitzer meinen es besonders gut und striegeln ihre Esel wie Pferde. Damit tun sie ihnen aber nichts Gutes, weil Esel ihr Fell mit Dreck gegen Parasiten schützen.“

Etwa 80 dieser wenig geschätzten Tiere bietet Kettners Verein Nahrung und Unterkunft. Sie verteilen sich neben seinem Bauernhof auf Gründen der Pampichler Warte, dem Schanitzgraben und auf einer Weidefläche von der Größe zweier Fußballfelder auf dem Gelände der Brauerei Göss, das Kettner zur Verfügung gestellt wurde. „Natürlich gibt es auch überall Unterstände für die Tiere, damit sie vor dem Wetter geschützt sind.“

Und die aus den unterschiedlichsten Gründen bei ihm gelandet sind. „Einmal bekam ich einen Anruf aus Tirol, wo Wanderer auf einer Alm beim Alpbachtal einen Esel einsam herumstehen sahen. Er hat ihnen so leid getan, weil er verwahrlost gewirkt hat“, erinnert sich Kettner. Er fand heraus, dass das Tier einem der größten Bauern der Region gehörte. „Als ich ihn anrief, sagte er mir, dass ich den Esel haben könne, weil er ihm egal sei. Er hat ihn schon vor 15 Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen.“ Natürlich nahm der Eselretter die 400 Kilometer Wegstrecke auf sich, um den vereinsamten Esel abzuholen. „Der war damals schon 40 Jahre alt. Ich dachte, dass er bald sterben würde, als ich ihn mit hängendem Kopf und Ohren stehen sah, aber bei uns verlebte er noch sieben schöne Jahre in Gemeinschaft seiner Artgenossen.“

Aber nicht immer ist Herzlosigkeit die Ursache für einen Neuzugang. Oft sind es die privaten Umstände der Besitzer, die den Einsatz des Eselretters erfordern. „Eine alte Bäuerin rief mich an, weil sie ihre beiden Esel nicht mehr versorgen konnte, seit ihr Mann nach einem Hirnschlag ein Pflegefall und sie selbst schon gebrechlich war. Sie haben ihre Tiere gut versorgt und sie waren ihnen wie Familienmitglieder ans Herz gewachsen. Es war ein tränenreicher Abschied“, erinnert sich Kettner.

Nachdem der Bedarf an Eseln überschaubar ist, nur zwischen drei und fünf Tiere im Jahr vom Steirer an einen neuen Besitzer vermittelt werden, bleiben die meisten Tiere auf Kettners Weiden, bis sie sterben. „Allein, wie die Esel von einem Artgenossen Abschied nehmen, zeugt von ihrem ausgeprägten Sozialverhalten. Jedes Tier kommt zu dem toten Herdenmitglied und verabschiedet sich von ihm. Es ist berührend“, sagt Kettner. Der seine Tiere lieber bis ins hohe Alter auf seinen Weiden hat, als sie in falsche Hände zu geben. „Wenn einer anruft und meint, er hätte gern einen Esel, dann sage ich: ‚Einen allein gibt‘s schon gar nicht. Über zwei können wir reden‘“, lacht der Steirer und verabschiedet sich für heute von seinen struppigen Freunden.
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