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Ausgabe Nr. 35/2018 vom 28.08.2018, Foto: zvg
Patientin Ingrid Streitmeier und Dr. Gerald Gruber
Es fühlt sich an wie mein Knie“
Eine Gelenksabnützung in den Knien betrifft nicht immer die gesamte Knorpelfläche. In vielen Fällen ist nur eine Seite des Gelenkes betroffen, so wie bei der Kärntnerin Ingrid Streitmeier. Anstatt das ganze Knie durch eine Prothese zu ersetzen, wird immer öfter nur der defekte Teil ersetzt. Für die Patienten hat das zahlreiche Vorteile.
Fünfzehn Jahre lang quälten Ingrid Streitmeier Schmerzen in den Knien. „Ich habe zahlreiche Spritzen bekommen, Medikamente geschluckt und mich in Schonhaltung bewegt“, erzählt die 65jährige Pensionistin aus dem Lavanttal. Die Kärntnerin hatte starke Abnützungen an den Gelenksinnenseiten, ausgelöst durch eine Fehlstellung beider Knie. Die Gelenke durch Voll-Implantate zu ersetzen, davon sei ihr oft abgeraten worden. Die Belastung wäre zu groß, hieß es. Andere Ärzte hielten Frau Streitmeier mit Anfang 50 noch zu jung dafür. Heute sind die Knieschmerzen Geschichte, ebenso Spritzen, Tabletten und Schonhaltung, denn Ingrid Streitmeier hat in beiden Knien ein Implantat.

„Tatsächlich war bis vor wenigen Jahren das Motto, ganz oder gar nicht, wenn die Frage nach einer Knieprothese im Raum stand. Das heißt, Patienten hatten entweder die Wahl, das komplette Gelenk austauschen zu lassen oder weiterhin vor den Schmerzen ‚in die Knie‘ gehen zu müssen. Doch das hat sich geändert. In jüngster Zeit ist die Teil-Knieprothese als hochwertige Alternative zum Komplettimplantat hinzugekommen, und das hat auch Frau Streitmeiers Leiden beendet“, erklärt Dr. Gerald Gruber, Leiter der Sektion Knorpel-, Sport- und Gelenkschirurgie der Univ.-Klinik für Orthopädie und Traumatologie in Graz.

Einseitige Knorpelschäden sind bei Menschen häufig
Eine Arthrose betrifft nicht immer zwangsläufig das gesamte Kniegelenk. In deutlich mehr Fällen, als gemeinhin vermutet, ist nur eine Seite betroffen, während andere Teile des Knorpels völlig intakt sind. „Es gibt zahlreiche Patienten, bei denen aufgrund der natürlichen Belastung nur die Innenseite des Kniegelenks abgenützt ist. Das kann durch einen, mitunter unentdeckten Meniskusschaden verursacht sein, durch einen Unfall oder eine Fehlstellung der Kniegelenke“, klärt der Gelenkschirurg auf. Früher oder später schmerzt das betroffene Knie. Anfangs nur bei Belastung im Stehen und Gehen sowie bei Drehbewegungen, später auch in Ruhestellung und in der Nacht. „Die Schmerzen im Knie sollten Betroffene nicht ignorieren, denn eine Teilprothese im Knie ist nur möglich, wenn tatsächlich nur eine Seite des Knorpels beschädigt ist. Wer zu lange wartet, riskiert, dass sich der Knorpelschaden auf die gesamte Knorpelfläche ausbreitet und ein Voll-Implantat notwendig wird.“

Weniger Risiken für den Patienten
Im Hinblick auf die Vorteile zwingt die kleine Schwester des Komplettimplantates selbiges in die Knie, weiß Dr. Gruber. „Mit der Teilprothese wird nur der beschädigte Teil im Kniegelenk ersetzt. Alle intakten Teile, vor allem die Kreuzbänder, bleiben erhalten und damit auch das Kniegefühl. Bewegungsabläufe sind leichter spürbar und der Patient ist rascher wieder auf den Beinen. Schließlich ist das Risiko von Infektionen, Thrombosen und Embolien bis zu fünf Mal geringer. Die Belastung für den Körper bei der Operation sowie die Wahrscheinlichkeit, dass eine Bluttransfusion notwendig ist, sind ebenso niedriger. Zudem ist es viel einfacher, das Implantat im Bedarfsfall zu ersetzen. Der größte Pluspunkt ist jedoch, dass die Patienten weitaus schneller wieder mobil sind. Das Belasten des Fußes ist am Tag nach dem Eingriff möglich, natürlich gestützt auf zwei Stöcke. Und neun von zehn der Betroffenen können ihre Sport- und Freizeitaktivitäten wieder ausüben“, erklärt Gruber.

„Sogar hockerln kann ich wieder“
Ingrid Streitmeier bestätigt all das nur zu gerne. „Ein Teilimplantat war lange Zeit kein Thema, denn diese Möglichkeit wurde mir überhaupt nie vorgeschlagen. Heute kann ich gar nicht glauben, wie gut sich meine Knie entwickelt haben, und nur jedem zu so einem Implantat raten. Der Eingriff ist wirklich nicht schlimm. Ich bin wenige Wochen danach wieder Auto gefahren und kann mich heute sogar wieder hinhocken. Es fühlt sich an wie mein Knie“, sagt die agile Pensionistin, die sich sogar eine langwierige Reha ersparen konnte.

Die Nachfrage wird steigen
In Fragen der Haltbarkeit sind aktuelle Studien zuversichtlich. „Wissenschaftlich dokumentiert ist, dass 80 bis 93 Prozent der Teilprothesen nach zehn bis 20 Jahren voll funktionstüchtig sind. Damit liegen sie nahezu gleichauf mit der Haltbarkeit von Totalimplantaten. Vorausgesetzt, die Teilprothesen wurden ordnungsgemäß eingesetzt, und die Patienten benützen vier bis sechs Wochen nach der Operation ihre Stöcke und besuchen ein bis zwei Mal in der Woche die Physiotherapie“, betont der Spezialist.

Die guten „Noten“ in Fragen der Haltbarkeit und Alltagstauglichkeit haben einen Aufschwung beim Einsatz von Teilprothesen bewirkt. Lag ihr Anteil vor zehn Jahren noch bei fünf bis neun Prozent aller Knieprothesen, ist dieser heute auf fast dreißig Prozent gestiegen. Dr. Gruber ist zuversichtlich, dass noch mehr Menschen mit den risikoärmeren Teilprothesen geholfen werden kann. „Meiner Einschätzung nach könnten in Zukunft vierzig bis fünfzig Prozent aller Knieprothesen solche Teilimplantate sein.“
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