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Ausgabe Nr. 34/2018 vom 21.08.2018, Foto: Richard Schmögner
Auf der Fassade der Zentrale der Magistratsabteilung 48 in Wien wachsen 17.000 Pflanzen – von der Katzenminze bis zum Thymian.
Grüne Wände statt Klimaanlagen
Immer häufigere Hitzewellen verwandeln unsere Städte in glühend heiße Betonwüsten. Wo schattenspendende Bäume fehlen, können begrünte Hauswände und Dächer für Kühlung
sorgen. Sie ersetzen Klimaanlagen und machen die Hitze-Tage und -Nächte erträglicher.
In der Wiener Innenstadt wurde der Tropennacht-Rekord schon Mitte August gebrochen. 18 Mal hintereinander zeigte das Thermometer mehr als 20 Grad. Die bisherige „Höchstleistung“ waren 17 Tropennächte in Folge im Jahr 1994.

Vor allem in den Städten leiden die Bewohner unter der Hitze. Der Asphaltboden, die Glas- und herkömmlichen Fassaden heizen sich untertags auf bis zu 70 Grad auf. Sie speichern die Wärme und geben sie nur langsam wieder ab. Deshalb wird es auch in der Nacht in den Betonwüsten nicht wesentlich kühler.

Grüne Dächer und Fassaden schaffen Abhilfe. Doch sie sind nach wie vor ein Minderheitenprogramm. Dabei könnten viele Dächer und Fassaden begrünt werden. „Am geringsten ist der Aufwand bei einem Flachdach“, weiß die Expertin Susanne Formanek. Sie ist mit der Landschaftsplanerin Vera Enzi die Geschäftsführerin der Plattform „Grünstattgrau“, die unter anderem Haus- und Wohnungseigentümer bei der Dach- und Fassadenbegrünung begleitet. Sie wird auch von der öffentlichen Hand gefördert.

Ein grünes Dach kommt in der einfachsten Ausführung in etwa so teuer wie ein Kiesdach. „Rund 15 Euro pro Quadratmeter kostet die günstigste Variante. Sie kann auch mit Solaranlagen kombiniert werden“, erklärt Vera Enzi. Für diese sogenannte „extensive Dachbegrünung“ reichen wenige Zentimeter Aufschüttung, sie kann mit Dickblattgewächsen, Kräutern oder Gräsern bepflanzt werden. Je nach Bundesland gibt es außerdem Förderungen. Diese Maßnahme „bringt schon eine deutliche Kühlung der darunterliegenden Wohnung und verlängert die Lebensdauer des Daches“, sagt Enzi. Denn die Pflanzen „schwitzen“, sie verdampfen Wasser und die Blätter heizen sich nicht auf. Der Nährboden wirkt als Pufferschicht gegen Hitze und Kälte.

Die „Grünstattgrau“-Expertinnen haben über ihrem Büro im vierten Wiener Gemeindebezirk eine grüne Oase. Bäume, Sträucher und eine Wiese laden zum Verweilen ein. „Das ist eine intensive Dachbegrünung, sie besteht seit 29 Jahren“, sagt Susanne Formanek, „der Boden ist je nach Bewuchs zwischen 80 und 30 Zentimeter aufgeschüttet.“ Dass sich das Regen- oder Gießwasser seinen Weg in die darunterliegenden Zimmer bahnt, muss niemand befürchten. „Es gibt genaue Vorschriften für Gründächer. Zum Beispiel ist eine wurzelsichere Abdichtung Pflicht.“ Auch die Statik muss geprüft werden, aber das gilt auch für andere Dachvarianten.

Wer mit einfacheren Mitteln mehr Grün am Haus haben will, kann sich für Kletterpflanzen entscheiden. Wobei die Landschaftsplanerin Vera Enzi Efeu als Pflanze für Fortgeschrittene einstuft. „Er hat einen hohen Pflege- und Kontrollaufwand und kommt nur bei einem intakten Baubestand in Frage. Zudem wächst er vom Licht weg und in dunkle Ecken und Ritzen.“ Empfehlenswert ist der Veitschi, der Wilde Wein. „Er ist nicht so schwer und wächst rasch in Richtung Licht.“ Auf jeden Fall verlängern die Pflanzen die Lebensdauer des Verputzes, weil sie vor Wettereinflüssen schützen.

Aufwändiger sind Gerüste für Kletterpflanzen oder gar „Lebende Wände“, eine vorgehängte hinterlüftete Fassade mit unterschiedlichen Pflanzen. Solche senkrechte Gärten sind bei uns noch selten, in Paris (F) oder London (GB) aber häufiger zu sehen. Denn auch dort sind Grünflächen Mangelware.

Wir gehen verschwenderisch mit Wiesen und Wäldern um. Mehr als zehn Fußballfelder werden täglich bei uns zubetoniert. Dabei ist das Grün bitter notwendig, denn der Klimawandel trifft unser Land hart.

Die Hitzewellen werden jedenfalls immer häufiger. „In Innsbruck, Klagenfurt, Eisenstadt und Wien muss mittlerweile fast jedes Jahr mit zumindest einer Hitzewelle gerechnet werden“, sagt der Klimatologe Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). Früher war das nur jedes zweite Jahr der Fall. Zudem werden die Hitzeperioden länger. Vor fünfzig Jahren dauerte eine Hitzewelle in den Landeshauptstädten zwischen fünf und sieben Tage. Heute schwitzen wir ein bis zwei Tage länger.

Das beeinträchtigt bei den meisten das Wohlbefinden. Und es kann lebengefährlich sein. Im Vorjahr starben fast 600 Menschen an den Folgen der Hitze, haben Experten der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) errechnet. Mehr Menschen, als im Straßenverkehr ums Leben kamen.

Trotzdem ist die Dach- und Fassadenbegrünung bei uns noch im Werden. In Favoriten, dem zehnten Wiener Gemeindebezirk, wird das jetzt anders. Bis zum Jahr 2020 soll in einem Bezirks-Viertel ein Fünftel der dafür in Frage kommenden Flächen „grün“ werden.
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