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Ausgabe Nr. 31/2018 vom 31.07.2018, Foto: Judith Maria Trölß
Mit dem ReWalk-Anzug kann Christoph Stadlbauer wieder gehen.
Der „Superheld“ im Rollstuhl
Vor 15 Jahren wurde Christoph Stadlbauer bei einem schweren Autounfall das Rückenmark durchtrennt. Vom Bauchnabel abwärts gelähmt, war sein großes Ziel, einmal wieder gehen zu können. Mit einem speziellen Anzug konnte er seinen Traum verwirklichen. Jetzt hat sich der Oberösterreicher ein neues Ziel gesetzt. Der 33jährige will Olympiasieger werden.
Ein wenig wie der Superheld „Ironman“ wirkt Christoph Stadlbauer. In einem Metallrahmen, der sich beidseitig von den Füßen über Unter- und Oberschenkel zur Hüfte zieht, und der mit Kunststoffteilen verkleidet ist, sitzt er in seinem Sessel. Als er sich vorbeugt, beginnen Motoren leise zu surren und Stadlbauer erhebt sich, auf Krücken gestützt, aus seinem Sessel. Dann tippt er etwas in seine Armbanduhr ein, es piepst, und nach wenigen Sekunden setzt sich der 33jährige, wieder von dem surrenden Geräusch begleitet, in Bewegung. Aber Stadlbauer will nicht die Welt retten. Es reicht ihm, dass er gehen kann. Denn der Oberösterreicher aus Aigen-Schlägl ist querschnittgelähmt. Erst jenes sogenannte Exoskelett ermöglicht ihm diese für uns so selbstverständliche Art der Fortbewegung.

„Sie werden nie wieder gehen können“, hörte der damals 18jährige Patient auf der Intensivstation des Allgemeinen Krankenhauses Linz, wo sich Stadlbauer nach seinem schweren Autounfall 14 Tage lang befand. Die Wirbelkörper des zehnten und elften Brustwirbels waren fünf Zentimeter weit auseinandergerissen worden. Das bedeutete eine vollständige Querschnittlähmung ab Bauchnabelhöhe bis zu den Zehen.

„Erst nach einer Woche, als ich auf die normale Station gekommen bin, habe ich realisiert, was das heißt, dass ich nie wieder gehen werde können. Erst da hab‘ ich gemerkt, ich kann nichts mehr bewegen und dass das mein Leben lang jetzt so sein wird“, erinnert sich der Oberösterreicher. Doch Stadlbauer blickte nicht zurück, um darüber zu verzweifeln, was nicht mehr geht. „Ich habe von diesem Zeitpunkt an nur nach vorne geschaut.“ Mit einem großen Ziel, einmal wieder gehen zu können.

Die zehn Wochen Reha in Bad Häring (T) nützte er, um zu lernen. Und er hatte viel zu lernen. „Zuerst im Bett einmal aufsitzen und, so gut es geht, das Gleichgewicht halten, wobei da eine Person vor mir und eine zweite hinter mir gestanden ist, um zu verhindern, dass ich umfalle“, berichtet Stadlbauer. Nach einer Woche bekam er seinen Rollstuhl und lernte, sich damit zu bewegen, Hindernisse zu überwinden und sogar Stiegen zu steigen. „Wie ich die Körperhygiene erledige, habe ich auch in der Reha gelernt. Denn am Anfang wusste ich nicht einmal, wie ich in eine Dusche oder Badewanne komme.“

Besonders ins Zeug legte sich der Beeinträchtigte beim Sport. „Basketball, Sitzball, Badminton, Tennis – ich habe alles ausprobiert“, lacht der ehemalige Verteidiger der Union Aigen-Schlägl. Und der Sport gab ihm so viel, dass er unbedingt aktiv bleiben wollte. So trat Stadlbauer nach der Reha dem Behindertensportverein RSC Heindl in Linz (OÖ) bei und spezialisierte sich aufs Handradfahren, das er seit zwei Jahren intensiv als Spitzensportler betreibt. „Mein Trainingsumfang liegt derzeit bei zehn bis elf Stunden in der Woche, andenen ich mit dem Handrad fahre.“

Das positive und lebensbejahende Wesen des Oberösterreichers bewirkte, dass Stadlbauer trotz seiner Behinderung vor neun Jahren seine Jasmin kennenlernte. Am 28. Mai 2016 heiratete er die Liebe seines Lebens. Die heute 28jährige schenkte ihm mit Anna, 7, und Elena, 3, auch zwei herzige Töchter.

So selbstverständlich, wie der Behindertensportler sein Schicksal akzeptierte, nützte er seine Einschränkung auch beruflich. Stadlbauer arbeitet beim Rehatechnik-Anbieter Re-Mobility in Oberneukirchen (OÖ). „Dort werden Rollstühle verkauft, behindertengerechte Fahrzeugumbauten gemacht, eben alles, was mit dem Rollstuhl zusammenhängt.“ Diese Tätigkeit im Außendienst verhalf ihm auch dazu, sein großes Ziel zu verwirklichen. Der „Superhelden-Anzug“ mit der Bezeichnung ReWalk wird von seinem Arbeitgeber vertrieben. „Ich darf das Gerät gratis verwenden, so oft ich möchte“, sagt Stadlbauer. „Emotional war es ein Wahnsinn, als ich das erste Mal wieder einen Fuß vor den anderen setzen konnte“, erinnert sich der 33jährige. „Ich fühlte zum ersten Mal seit Jahren wieder eine innere Freiheit.“ Aber nicht nur seine Seele profitierte. „Therapeutisch gesehen verbessert der Anzug die Spastik in den Füßen, zumindest ist das bei mir so. Ich habe weniger Krämpfe. Die Durchblutung wird gefördert. Der Kreislauf wird trainiert. Und von anderen Rollstuhlfahrern habe ich gehört, dass die Harnwegsinfekte, mit denen Rollstuhlfahrer zu kämpfen haben, wegen der aufrechten Position weniger wurden. Und das bedeutet, weniger Medikamente zu nehmen. Es ist also ein gesundes Gerät und nebenbei auch noch gut für die Fitness.“ Dass, trotz aller Vorteile, erst zwei Kunden den Anzug gekauft haben, liegt an dessen Preis. Der ReWalk kostet inklusive Steuer € 98.000,– (Infotel.: 0664/1545506).

Nachdem sich Stadlbauer nun sein großes Lebensziel mit Hilfe des ReWalks erfüllt hat, schmiedet er schon wieder neue Pläne. Die nicht weniger schwer erreichbar scheinen. „Ich will in zwei Jahren bei den Paralympics in Tokio (Japan) Olympiasieger im Handbikefahren werden“, sagt der Behindertensportler, hebt sich geschickt aus dem Rollstuhl in seine Rennmaschine und braust davon.
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