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Ausgabe Nr. 31/2018 vom 31.07.2018, Fotos: Fotolia, picturedesk
Tempo-140-Pilotprojekt von Norbert Hofer (FPÖ)auf der Westautobahn (A1).
Zwischen Melk und Oed (NÖ) sowie Haid und Sattledt (OÖ) darf ein Jahr lang probehalber mit 140 Stundenkilometern gefahren werden.
„Tempo 140 schädigt Mensch und Natur“
Verkehrsminister Norbert Hofer schraubt das Tempo auf zwei Abschnitten der Westautobahn (A1) für ein Jahr nach oben. Während es hierzulande auf vereinzelten Autobahnstrecken sogenannte „Luftschutzzonen“ mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern gibt, gilt zwischen Melk und Oed (NÖ) sowie zwischen Haid und Sattledt (OÖ) nun Tempo 140. Experten verweisen auf mehr Schadstoffe und ein höheres Unfallrisiko.
Mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 130 Stundenkilometern auf heimischen Autobahnen bewegen wir uns im europäischen Vergleich im Mittelfeld. Inklusive unserem Land gilt dieses Tempolimit in 18 Staaten.

Eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h gibt es nur in Polen und Bulgarien. Deutschland kommt ohne Tempolimit aus, dafür gibt es einen Richtwert von 130 km/h, er gilt allerdings als reine Empfehlung.

Geht es nach Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ), könnte Tempo 140 bald auch auf unseren Autobahnen Realität werden.

Mit 1. August beginnt ein entsprechendes Pilotprojekt auf der Westautobahn (A1). Das etwa 88 Kilometer lange Teilstück zwischen Melk und Oed in Niederösterreich sowie die 32 Kilometer zwischen Haid und Sattledt in Oberösterreich werden für ein Jahr probehalber für Tempo 140 freigegeben. Gelten sollen die 140 in beiden Fahrtrichtungen und nur tagsüber von 5 bis 22 Uhr.

Die ASFINAG (Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft) begleitet den Testlauf, indem sie die Luftgüte, Lärm, Durchschnittsgeschwindigkeiten und Unfallzahlen bei Tempo 130 und 140 vergleicht. Im nächsten Jahr entscheidet das Verkehrsministerium, ob die höhere Geschwindigkeitsbeschränkung beibehalten und ausgeweitet wird. Laut Hofer kommen dafür „weniger als 50 Prozent der heimischen Autobahnkilometer infrage“.

Der Verkehrsminister will „dem Anliegen vieler, rascher ans Ziel zu kommen, entsprechen, ohne negative Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit. Tempo 130 stammt aus dem Jahr 1974, damals gab es den VW-Käfer, das war eine völlig andere Zeit. Heute sind die Autos um einiges sicherer“, meint Hofer.

Kritik kommt vom ehemaligen Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ). „Wir haben beispielsweise in Linz, Salzburg und in Tirol schon jetzt einige Luftschutzzonen mit Tempo 100. Nicht weit davon sollen jetzt mit Tempo 140 noch mehr Abgase rausgeblasen werden. Das ist ein absoluter Widerspruch und der komplett falsche Ansatz. Womöglich müssen am Ende aufgrund der neuen Luftbelastungen noch mehr Tempo-100-Zonen eingeführt
werden.“

Letzendlich würden durch Tempo 140 Mensch und Natur geschädigt, ist Leichtfried überzeugt.

„Schadstoffausstoß steigt“
Ins gleiche Horn stoßen die Experten vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ). Sie berufen sich auf eine Studie der Technischen Universität Graz, wonach sich der CO2-Ausstoß bei einer Geschwindigkeitserhöhung von 130 km/h auf 140 km/h um zwölf Prozent erhöht. „Eigentlich sollte es das Ziel der Bundesregierung sein, die CO2-Emissionen des Verkehrs bis 2030 um ein Drittel zu reduzieren. Tempo 140 steht dazu im Widerspruch“, erklärt Verkehrsexperte Christian Gratzer.
Er verweist zudem darauf, dass auch die gesundheitsschädlichen Stickoxide und die Feinstaubbelastung um jeweils etwa 20 Prozent zunehmen.

Höhere Unfallgefahr
Wer schneller fährt, benötigt auch einen längeren Anhalteweg. Er verlängert sich von Tempo 130 auf Tempo 140 von 116 Meter auf 132 Meter. Ein Auto kommt also erst 16 Meter später zum Stillstand.

An jener Stelle, an der das von 130 Stundenkilometer heruntergebremste Auto bereits steht, ist ein von 140 km/h abbremsendes Auto immer noch 56 km/h schnell. Eine Geschwindigkeitsdifferenz, die über Leben und Tod entscheiden kann.

Der Zeitgewinn durch Tempo 140 ist übrigens minimal. Auf der 88 Kilometer langen Teststrecke zwischen Melk und Oed beträgt die Ersparnis knapp drei Minuten, die 32 Kilometer zwischen Haid und Sattledt fahren sich rund eine Minute schneller.

Niedrigeres Tempo, weniger Verkehrstote
Am sichersten unterwegs sind Verkehrsteilnehmer laut VCÖ in „jenen Staaten, in denen niedrigere Tempolimits gelten“, sagt der Verkehrsexperte Christian Gratzer. Die Zahlen sprechen für sich. Die Schweiz hat mit mehr als acht Millionen Menschen eine vergleichbare Einwohnerzahl zu unserem Land. Auf Schweizer Autobahnen (Tempo 120) starben im Vorjahr 24 Menschen. Auf unseren (Tempo 130) waren es im gleichen Zeitraum mit 50 Toten mehr als doppelt so viele. rb
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