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Ausgabe Nr. 26/2018 vom 26.06.2018, Fotos: Parlamentsdirektion/Wilke, Kurt Prinz/IV
Wolfgang Katzian, Georg Kapsch
Droht die 60-Stunden-Woche?
Die türkis-blaue Koalition pocht auf ein neues Gesetz zur „Arbeitszeitflexibilisierung“. Mit Anfang 2019 soll die Höchstarbeitszeit auf zwölf Stunden am Tag und 60 Stunden in der Woche angehoben werden. Die Wirtschaft beruft sich auf die Wettbewerbsfähigkeit und sieht keine Verschlechterungen für die Arbeitnehmer in unserem Land. Deren Vertreter sprechen hingegen von Lohnraub und weisen auf die gesundheitlichen Folgen einer 60-Stunden-Woche hin. Auch Streiks stehen im Raum.
JA: Wolfgang Katzian,
ÖGB-Präsident

„Leider ja. Sie droht für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Regel zu werden. Die Regierung will die Höchstarbeitszeiten generell auf zwölf Stunden am Tag und 60 in der Woche anheben. Was derzeit in Ausnahmefällen bei besonderem Arbeitsbedarf und nur unter Einbeziehung des Betriebsrates möglich ist, soll der Arbeitgeber nun anordnen können. Und die angebliche Freiwilligkeit, länger zu arbeiten, die jetzt nach vielen Protesten im Gesetzesentwurf verankert werden soll, ist relativ. Eine Ablehnung muss begründet werden, sie muss schwerer wiegen als die Interessen des Unternehmens. Wer oft ablehnt, riskiert seinen Arbeitsplatz. Das weiß jeder, der die Realität in der Privatwirtschaft kennt. Kurzfristig angeordnete 60-Stunden-Wochen zerstören die Freizeit, das Familienleben, die Freiwilligenarbeit. Sie erhöhen das Unfallrisiko und belasten die Gesundheit, wie namhafte Mediziner und Experten bestätigen. Das Vorhaben dieser Regierung ist ein Anschlag auf die innerbetriebliche Mitbestimmung, es ist ein Raubzug auf die Gesundheit und auf die Geldbörsen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dagegen wehren wir uns vehement.“

NEIN: Georg Kapsch,
Präsident Industriellenvereinigung

„Wollen wir allgemeinen Wohlstand, Arbeitsplätze und damit Errungenschaften des Sozialstaates wie das Gesundheits-, Bildungs- und Pensionssystem erhalten, dann geht das nur mit einem wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort. Die Regierung hat einen ausgewogenen Vorschlag auf den Tisch gelegt. Eine Modernisierung der Arbeitszeit heißt nicht, mehr zu arbeiten, sondern anders verteilt. Es gibt weder ‚Lohnraub‘ noch ‚Überstundenklau‘. Die aktuellen Überstundenregelungen bleiben erhalten – auch bei Gleitzeit. Die normale Tages- und Wochenarbeitszeit bleibt bei acht und 40 Stunden, nur die Tages- und Wochenhöchstarbeitszeit ändern sich. Einen generellen Zwölf-Stunden-Tag oder 60- Stunden-Woche wird es nicht geben. Schon die geltende EU-Arbeitszeitrichtlinie, die eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von maximal 48 Stunden binnen 17 Wochen vorsieht, lässt das nicht zu. Den Menschen einzureden, sie müssten künftig 60 Stunden pro Woche arbeiten, ist nicht nur sachlich falsch, es offenbart auch die Angst der Arbeitnehmervertretungen vor Veränderung. Wer die Zukunft gestalten will, ist
damit allerdings schlecht beraten.“
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