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Ausgabe Nr. 24/2018 vom 12.06.2018, Fotos: Fotolia, Ullrich
Seine Frau war schwer krank und wollte sterben. Immer wieder bat sie ihren 69jährigen Mann, sie zu erlösen. Bis er eines Nachts einen Polster auf ihr Gesicht drückte.
Anwältin Karin Prutsch vetritt den Pensionisten.
Mord aus Liebe
Sie lebten im malerischen Wallfahrtsort Mariazell in der Steiermark und hatten ihre Pension vor sich. Aber dann wurde Maria Gollob unheilbar krank. Ihr Mann Erich, 69, erlöste sie daheim, im Ehebett, von ihrem Leiden. Aus Liebe zu ihr. Sich selbst ebenfalls zu töten, schaffte der Rentner nicht. Jetzt wartet er in einer Zelle auf seinen Prozess.
Meine Frau war meine große Liebe, mein Lebensmensch. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Ich schreibe ein Tagebuch, um ihr nahe zu sein. Und denke oft daran, wie glücklich ich mit ihr war“, berichtet Erich Gollob.

Gerne würde der 69jährige Pensionist seine Frau Maria in den Arm nehmen und sagen: „Leni, hab keine Angst. Es wird alles wieder gut.“ Doch das wird er nie wieder machen können. Denn Erich Gollob hat seine 67jährige Frau umgebracht. Sie mit einem Polster im Schlaf erstickt. Um sie zu erlösen. „Ich habe meine Frau aus Liebe getötet“, sagt er. „Leni hatte unsagbare Schmerzen. Sie wollte nicht mehr leben und bat mich immer wieder, sie endlich von ihrem Leid zu befreien.“ Das hat er getan, doch dafür hat der ehemalige Koch seine Freiheit verloren, er sitzt in Leoben (Stmk.) hinter Gittern.

Seine verzweifelte Tat, die im beschaulichen Wallfahrtsort Mariazell in der Obersteiermark verübt wurde, war der Schlusspunkt eines vierjährigen Leidensweges. „Meine Frau und ich gingen im Jahr 2014 zum Bus, als Leni plötzlich stürzte und auf den Kopf fiel. Sie erlitt dabei einen beidseitigen Jochbeinbruch und eine Fistel entstand im Gehirn, die operativ entfernt werden musste. Ihr wurde dann eine Platte in den Kopf eingesetzt. Doch nach der Operation litt sie unter Schmerzen. Nach ihrer Entlassung aus dem Spital war es ihr auch nicht möglich, selbstständig zu gehen und sie musste von mir ständig gestützt werden. Der seelische Zustand meiner Frau veränderte sich zusehends. Sie konnte keine Freude mehr empfinden. Auch die Zähne bereiteten ihr Probleme, sodass sie nicht mehr richtig beißen konnte, dafür hat sie sich geschämt. Meine Leni hat viel Wert auf ihr Äußeres gelegt. Schließlich war sie früher einmal Kellnerin. Aber ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich immer weiter. Plötzlich traten Kopfschmerzen auf. Zudem litt sie unter Ohrensausen und hörte kaum noch etwas. Selbst im Liegen hatte sie Schmerzen in den Gelenken sowie in den Fersen und sie magerte ab. Nichts schmeckte ihr mehr. Zudem nahm sie nur noch wenig Flüssigkeit zu sich, aus Angst, auf die Toilette gehen zu müssen, weil ihr auch das Schmerzen verursachte. Leni litt unter Osteoporose und Schilddrüsenproblemen. Ihr war immer kalt, Panikattacken plagten sie und sie wurde depressiv“, erzählt Gollob, der mit seiner Maria 35 Jahre zusammen war, davon 32 Jahre verheiratet. Die beiden blieben kinderlos, doch sie waren ein Herz und eine Seele. „Meine Frau hat immer wieder zu mir gesagt: ,Bitte, hilf mir. Lass mich nicht allein.‘ Wir haben öfters darüber geredet, dass wir beide gerne gemeinsam sterben würden. Leni hat immer wieder zu mir gesagt, dass das ihr Wunsch sei. Ich kann gar nicht zählen, wie oft sie verzweifelte: ,Ich will nicht mehr. Es hat keinen Sinn mehr‘. Ich habe dann versucht, sie zu beruhigen. Aber ich sah auch, wie meine Frau litt. Mir hat es das Herz zerrissen, ihr Leiden mitansehen zu müssen. Bis ich keine andere Chance mehr gesehen habe“, erklärt der 69jährige traurig.

In der Folge begann das Ehepaar, konkreter über das Beenden ihres Lebens zu sprechen. „Leni sagte mir, ich solle kein Gift verwenden, weil dann die Schmerzen vor dem Tod fürchterlich sein würden. Ich hatte die Idee, sie mit hinaus in die Kälte zu nehmen. Dann würden wir beide erfrieren.‘ Wie und wann wir Schluss machen sollten, überließ sie mir. Sie bat mich, die Sache in die Hand zu nehmen, zur richtigen Zeit.“

Dann kam Maria Gollob Anfang des Jahres ins Spital. „Leni hasste Krankenhäuser, der stationäre Aufenthalt war für sie belastend und sie wollte sich nicht mehr therapieren lassen, es half ja auch nichts“, erzählt Erich Gollob, der mit seiner Frau eine 74 Quadratmeter große Wohnung in Mariazell bewohnte.

Der 69jährige holte seine Frau wieder nach Hause. Wo sie am 6. März in tiefe Verzweiflung fiel. Es war der Beginn des letzten Aktes dieser berührenden, menschlichen Tragödie. „Ich habe für den nächsten Tag einen Arzt zu uns bestellt, der ihren physischen Zustand begutachten sollte. Leni war nur noch ein Schatten ihrer selbst, wog bei einer Körpergröße von 163 Zentimeter gerade einmal 34 Kilo. Meine Frau und ich legten uns gegen 20 Uhr ins Bett. Sie nahm ein starkes Beruhigungsmittel, ich las noch ein wenig in einem Roman. Um etwa ein Uhr in der Früh wurde ich wach. Ich hörte Leni vor Schmerzen wimmern. Und da wurde mir bewusst, dass ich sie von ihrem Leid erlösen musste. Ich wartete, bis meine Frau ruhiger wurde. Als sie wieder schlief, nahm ich meinen Polster und drückte ihn gegen ihr Gesicht. Bis sie tot war. Als ich den Polster wegnahm, waren ihre Augen geschlossen. Sie sah aus, als hätte sie ihren Frieden gefunden. Danach legte ich unser Hochzeitsfoto auf ihren Oberkörper, die Bibel auf ihr Nachtkästchen und breitete auf dem Boden, neben dem Bett, eine Decke aus. Darauf wollte ich mir mit Rasierklingen die Pulsadern aufschlitzen. Doch schon vor dem ersten Schnitt hat mich der Mut zum Selbstmord verlassen. Darum ging ich in den Keller und holte eine Flasche Whisky. Ich setzte mich ins Wohnzimmer und begann, mich zu betrinken. Ich dachte, dass ich es im Rausch schaffen würde, mich zu töten. Dabei schlief ich ein.“

Am Morgen des 7. März rief eine Nichte an, der Erich Gollob die Tat unter Tränen gestand. Von den alarmierten Polizisten ließ sich der 69jährige dann widerstandslos festnehmen.

Nun sitzt er seit drei Monaten in der Justizanstalt Leoben in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess. In dem geklärt wird, ob er eine Haftstrafe ausfasst und wenn ja, wie lange sie dauern wird. Die Grazer Rechtsanwältin Karin Prutsch verteidigt Gollob. „Mein Klient hat die Tat auf Verlangen seiner Frau begangen. Aus Mitleid und Liebe. Die maßgebliche Energie zum Töten ist vom Opfer selbst ausgegangen. Ohne das Verlangen seiner Frau hätte er die Tat nicht begangen. Mein Mandant wurde wegen Mordes angeklagt. Es war kein Mord. Ich gehe vielmehr von Tötung auf Verlangen aus. Für dieses Delikt besteht ein Strafrahmen von sechs Monaten bis fünf Jahre.“

Ein Gutachten des gerichtsmedizinischen Sachverständigen bestätigt die Angaben des 69jährigen. „Er fand keinerlei Hinweise beziehungsweise Zeichen einer körperlichen Auseinandersetzung oder eines Kampfes und keine Hinweise für eine Abwehrverletzung, weder bei Maria noch bei Erich Gollob. Zudem bestätigt der Gerichtsmediziner, dass es keine Hinweise für eine anderweitige Gewalteinwirkung gab“, erklärt Prutsch.

Sie kämpft um die Jahre, die dem Pensionisten noch bleiben. Obwohl er schwer mit seinem Leben hadert. „Ohne meine Frau hat auch mein Leben keinen Sinn mehr. Ich bin enttäuscht von mir selbst, dass ich es nicht geschafft habe, mich umzubringen. Ich war zu feige. Aber ich weiß, dass ich irgendwann wieder bei Leni sein darf. Der Gedanke daran beruhigt mich.“ Wann seine Verhandlung stattfindet, steht noch nicht fest.
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