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Ausgabe Nr. 21/2018 vom 22.05.2018, Foto: Fotolia
Insgesamt hat sich die Zahl der Gewaltdelikte mit Stichwaffen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht.
Tatwaffe Messer
Die Zahl der Messerattacken hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdreifacht. Auch weil in anderen Kulturen das Messer selbstverständlich dazugehört. Das Innenministerium schafft jetzt 24.000 stichfeste Westen an.
Es war ein 20 Zentimeter langes Brotmesser, mit dem das Leben der siebenjährigen Hadishat ausgelöscht wurde. Mit äußerster Gewalt soll der mutmaßliche Täter, ein 16jähriger Bursch, dem Kind fast den Hals abgetrennt haben. Die Tat hat der gebürtige Tschetschene gestanden. „Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort“, war laut Ermittlern seine Begründung.

„Der Griff zum Messer wird in der Großstadt bedauerlicherweise immer häufiger“, mahnte der Wiener Landespolizei-Vizepräsident Michael Lepuschitz, als die Polizei die Ermittlungsergebnisse veröffentlichte. „Das ist eine Entwicklung, die uns zum Denken anregen muss.“

Sechs von zehn Gewalttaten wurden im Vorjahr mit Stichwaffen verübt, dazu können auch ein Schraubenzieher oder der Bleistift werden. Vor allem in Wien ist das Messer schnell zur Hand. Genau 298 Mal im Vorjahr.

Insgesamt hat sich die Zahl der Gewaltdelikte mit Stichwaffen, dazu gehören Mord, Körperverletzung, aber auch Vergewaltigung, in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. „Die Hemmschwelle bei der Verwendung von Messern ist deutlich gefallen“, bestätigt Vincenz Kriegs-Au vom Bundeskriminalamt. „Die klassische Wirtshaus-Schlägerei gibt es kaum noch, sie wird schnell zur Messerstecherei.“

Das Messer war schon immer die „Tatwaffe Nummer eins bei Gewaltdelikten neben den Fäusten“, weiß der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller. „Die Gefährlichkeit dieser Waffe wird unterschätzt. Sie ist allgegenwärtig, für jedermann verfügbar und griffbereit.“ Auch die Verletzungen sind schwieriger zu versorgen.

Erst Mitte Mai starb ein 17jähriger Vorarlberger an den Folgen eines Stiches in die Brust. Ein Streit zwischen Jugendlichen im Morgengrauen endete tödlich. In Wien wurde vor wenigen Tagen eine Frau auf offener Straße erstochen. Der mutmaßliche Täter ist der Ehemann.

„Messer sind eine Gelegenheitswaffe. Das war schon immer so, beispielsweise bei Gewalt innerhalb der Familie“, erklärt Vincenz Kriegs-Au die Zunahme der Stichwaffen-Fälle. „Bei Streitigkeiten zwischen Ethnien wird das Messer häufig verwendet. Menschen aus anderen Kulturkreisen haben öfter ein Messer dabei. Oft hören wir: ,Die anderen haben auch ein Messer und ich brauche es, um mich zu verteidigen.‘ Aber auch im Drogenmilieu und bei der Beschaffungskriminalität ist die Verwendung von Messern typisch.“

Bei der gemeinsam geführten Kriminalstatistik der Gewaltdelikte mit Hieb- und Stichwaffen sind mittlerweile die „fremden Tatverdächtigen“ mit 635 Anzeigen in der Überzahl. „Zu den führenden Nationalitäten zählten 2017 Staatsangehörige aus Afghanistan (143), der Türkei (66), dem Irak (31), Rumänien (31) und Serbien (25).“ Zum Vergleich, im Vorjahr gab es in dieser Statistik 516 inländische Gewalt-Tatverdächtige.

„Durch die Migrationsbewegungen sind auch Menschen aus Kulturen zu uns gekommen, in denen das Messer immer schon eine andere Bedeutung gehabt hat“, sagt der Psychiater und Buchautor Reinhard Haller. Dort kommt dem Töten mit dem Messer oft eine rituelle Bedeutung zu.

Doch das ist, neben dem verschärften Schusswaffenverbot, nicht die einzige Erklärung, warum Täter immer öfter zum Messer greifen. „Ein Trend, den wir heute beobachten können, ist, dass aus immer weniger schweren Motiven aggressiv reagiert wird. Bei Beleidigungen, Kränkungen, im Prinzip Kleinigkeiten, bei denen man früher vielleicht mit den Fäustern aufeinander losgegangen ist, wird heute zur Waffe gegriffen“, erklärt Reinhard Haller.

Das stellt auch der sozialdemokratische Polizeigewerkschafter Hermann Greylinger fest. „Die Gewaltbereitschaft ist allgemein gestiegen. Auch der inländische Täter ist heute eher bewaffnet und neigt eher zu Widerstand als noch vor ein paar Jahren.“ Oft hapert es schlicht an der Kommunikation. „Bevor die Menschen miteinander reden, wird leider eine gewaltsame Lösung gesucht.“

Im Innenministerium werden jetzt 24.000 stichfeste Westen angeschafft. „Praktisch jeder Kollege im Außendienst wird dann damit ausgestattet“, ist Hermann Greylinger zufrieden. „Die Frage ist, wie lange es dauert.“ Im März rettete eine Stichschutzweste einem Soldaten das Leben, als ein Angreifer vor dem Haus des iranischen Botschafters auf ihn losging.

Messer sind nicht nur wegen ihrer leichteren Verfügbarkeit gefährlicher als Schusswaffen. „Wenn ein Angreifer nur ein, zwei Meter entfernt ist, kann ein Polizist die Dienstwaffe gar nicht so schnell ziehen. Daher lernen Polizisten schon in der Ausbildung, wie sie sich in solchen Situationen verhalten müssen, beziehungsweise wird hier das Bewusstsein für die Gefahren eines Messerangriffes verstärkt“, sagt Vincenz Kriegs-Au vom Bundeskriminalamt.

Der 16jährige Gymnasiast, der die kleine Hadishat erstochen haben soll, gab den Ermittlern als Motiv lediglich an, dass er an dem Tag schlecht drauf gewesen sei und „eine starke Wut“ in sich gehabt habe.
„Ich glaube, man müsste ausschließen, ob es die üblichen Ursachen einer solchen Tat nicht doch gegeben hat“, meint der Gerichtspsychiater Haller. „Ich würde schon auch die üblichen Motive, bei denen es um Ehrbeleidigung, Kränkungen, Sexualität geht, genau untersuchen. Und man müsste ausschließen, ob er vielleicht psychisch krank ist.“
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