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Ausgabe Nr. 18/2018 vom 01.05.2018, Fotos: Trölß
Nach einem Motorradunfall stand der Koch Peter Lammer vor dem beruflichen Aus. Die Erfindung eines Freundes, Bernhard Tichy, rettete seine Arbeitskraft.
Vor seinem Lokal mit Kollegin Silvia Löcker.
„Jetzt schwebe ich durch die Küche“
Nur mit Schmerzmitteln konnte Peter Lammer nach einem Motorradunfall seinem Beruf als Koch nachgehen. Dem Salzburger rettete die Erfindung eines Freundes nicht nur die Arbeitskraft. Der „Schwebesessel“ entlastet seine Beine, sodass er ohne Schmerzmittel arbeiten kann.
Ich bin mehr als einmal auf einer Brücke gestanden und wollte springen“, erinnert sich Peter Lammer an die schwerste Zeit seines Lebens. „Da haben die körperlichen und die seelischen Schmerzen darum gekämpft, wer der stärkere ist“, beschreibt der Salzburger seinen Zustand, in dem er sich in den Jahren von 2011 bis 2015 befand, treffend. Nach einem unverschuldeten Motorradunfall stand dem Koch aus Leidenschaft ein qualvolles Leben als Schmerzpatient und Empfänger einer Berufsunfähigkeitspension bevor. Dass er seit zwei Jahren wieder ein geregeltes Einkommen hat, verdankt er seinem Freund Bernhard Tichy. Der gelernte Tischler konstruierte ihm ein Gerät, das es ihm ermöglicht, in der Küche wieder seine Leistung zu erbringen.

„Am 31. Oktober 2010 ist ein Führerscheinneuling, ohne zu schauen, auf die Freilandstraße bei Seekirchen (S) eingebogen“, erinnert sich der 51jährige an jenen Tag, an dem das Unglück seinen Lauf nahm. Der Koch, der auf seiner Honda auf dem Heimweg nach Köstendorf war, prallte mit 80 km/h gegen das Auto. „Ich bin 20 Meter durch die Luft geflogen und auf der Fahrbahn aufgeschlagen.“ Die Kräfte, die dabei auf seinen Körper einwirkten, verursachten furchtbare Schäden. Im Landeskrankenhaus Salzburg stellten die Ärzte Serienbrüche des linken Fußmittelknochens, einen Bruch des linken Sprunggelenkes und Wadenbeines sowie eine Zertrümmerung des rechten Schienbeinkopfes fest. Die Unfallchirurgen konnten zwar seine Gliedmaßen wieder zusammenflicken. Schienbeinkopf und Sprunggelenk wurden verplattet und verschraubt. Doch mit der Beweglichkeit seiner Beine sah es schlecht aus. „Bis zur Reha, die am 3. Jänner 2011 in Bad Häring (T) begann, bin ich nur im Bett gelegen“, erinnert sich Lammer. „Dort kam ich dann weg vom Bett in den Rollstuhl.“ Bis in den Mai wurden mehr als 300 Therapiebehandlungen an dem Rekonvaleszenten durchgeführt. Gleich nach der Reha begann der Koch, der in der Stadt Salzburg den Johanneskeller führt, wieder zu arbeiten. „Das ging aber nur mit einer hohen Dosis an Schmerzmedikamenten.“

Sieben weitere Operationen folgten in den nächsten Jahren. „Die Verplattungen wurden zuerst gewechselt, dann entfernt. Ich habe ein künstliches Sprunggelenk bekommen, das wieder entfernt wurde.“ Im bisher letzten Eingriff vor zwei Jahren wurde dem Koch ein Stück des Beckenknochens entnommen und im Sprunggelenk eingebaut. Doch am Zustand des verzweifelten Salzburgers änderten die Operationen nur wenig. „Trotz allem konnte ich die Arbeit in der Küche nicht mehr machen. Um stehen zu können, musste ich alle zwei Stunden Schmerzmittel nehmen“, sagt Lammer, der um seine berufliche Existenz fürchtete. „Meine Füße schwollen an und um Töpfe zu heben, habe ich die Hilfe von Kollegen gebraucht. Ich war zu nichts zu gebrauchen.“

In seiner Verzweiflung setzte sich der gepeinigte Mann vor zwei Jahren mit Bernhard Tichy in Verbindung, einem gelernten Tischler, mit dem ihn eine jahrelange Freundschaft verbindet. „Weil ich mich beim Klettern gut auskenne und schon Stahlseilrutschen gebaut habe, ist der Peter an mich herangetreten, für ihn so etwas Ähnliches zu bauen“, erinnert sich der 36jährige. „Wir haben es zuerst mit einer Schiene an der Decke probiert, an der er mit einem Klettergurt dranhing, dann mit einem Sitzbrett und dann mit einem selbstgeschweißten Bügel. Und weil das alles nicht so gut funktioniert hat, haben wir nach und nach daran gefeilt, wie wir seine Mobilität erweitern können.“ So wurde aus dem Ein-Schienen-System ein Drei-Schienen-System, mit zwei Längsschienen und einer Querschiene an der Decke. Aus dem starren Sitzbügel wurde eine Art absenkbarer Sattel. „Wir haben das System bis vor einem Jahr immer weiterentwickelt. Seitdem bin ich damit im Einsatz und äußerst zufrieden“, sagt Lammer glücklich. „Es ist perfekt. Es ist, als ob ich über meinen Arbeitsplatz schwebe. Das Gerät ermöglicht mir sogar, schneller als vor dem Unfall zu arbeiten.“ Und etwas, das bei der Entwicklung gar nicht im Vordergrund stand, hat seine Lebensqualität massiv gesteigert. „Seit ich diesen Prototyp verwende, nehme ich an meinen Arbeitstagen keine Schmerzmittel mehr. Meine Beine müssen ja mein Gewicht nicht mehr tragen. An zwei Tagen in der Woche arbeite ich nicht und da brauche ich die Medikamente“, sagt der Koch, der mit Tichy nun die Firma Sitworxx gegründet und den Prototyp zum Patent angemeldet hat. Das Ziel ist klar vorgegeben. „Das Gerät soll weltweit Menschen mit Behinderung auch bei der Therapie und am Arbeitsplatz helfen“, hat Lammer eine große Vision. Auch wenn noch kein Preis kalkuliert ist, nimmt er an, dass sich sein „Schwebesitz“ in jedem Fall bezahlt macht. „Ich erspare der Gemeinschaft, mich mit einer Berufsunfähigkeitspension erhalten zu müssen.“
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