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Ausgabe Nr. 18/2018 vom 01.05.2018, Fotos: picturedesk.com, Verbund
Plastikmüll findet man sowohl im Golf von Mexiko (siehe Schildkröte) als auch in der Donau bei Wien.
Plastik zerstört die Welt​
Bei den Plastiksackerln hat es schon ein Umdenken gegeben. Doch sie machen nur einen geringen Teil des Kunststoffmülls aus. Die Briten wollen jetzt Strohhalme, Kaffeelöfferl und Wattestäbchen aus Plastik verbieten. Bei uns wartet die Regierung auf Brüssel.
Plastik ist überall. Egal, ob wir Wasser, Milch, Brot oder Wurst kaufen, das meiste ist in Plastik verpackt. Und selbst Obst und Gemüse landen wieder in den dünnen Plastik-Obstsackerln, die rollenweise in den Supermärkten verbraucht werden.

53 Kilo Plastik-Verpackungsmist häuft jeder von uns Jahr für Jahr an. Dazu kommen Abfälle aus der Industrie oder Landwirtschaft. Mehr als 900.000 Tonnen Plastikmüll fallen in unserem Land an.

Der Kunststoff-Welle können wir kaum entkommen. Anfang der 90er Jahre waren etwa noch neun von zehn Getränken in Mehrweg-Verpackungen erhältlich. Heute sind es nur noch zwei von zehn.

Die Folgen sind verheerend. Mehr als zehn Millionen Tonnen Plastik gelangen laut Schätzungen jedes Jahr in die Meere. Riesige Müllstrudel treiben in den Ozeanen. Einer davon ist mehr als vier Mal so groß wie Deutschland. Mehr als eine Million Tiere sterben jährlich an unserem sorglosen Umgang mit dem Plastikmüll. Vögel verhungern bei vollem Magen, weil sie nur noch Kunststoffabfall fressen. Schildkrötenpanzer sind deformiert, weil sich die Jungen im Plastik verheddern.

Die Briten wollen angesichts solcher Bilder jetzt Strohhalme, Wattestäbchen und Kaffeelöfferl aus Plastik verbieten. „Es ist unerlässlich, dass wir handeln“, sagt Umweltminister Michael Gove. Allein auf der britischen Insel werden Jahr für Jahr 8,5 Milliarden Plastikröhrchen weggeworfen. Bei Strandputz-Aktionen besteht ein großer Teil des Drecks aus Strohhalmen. Aber auch Zigarettenstummel werfen Raucher achtlos weg. Die Filter bestehen in der Regel aus Kunststoff.

Bei uns wartet ÖVP-Umweltministerin Elisabeth Köstinger auf einen EU-Vorschlag zum Einweg-Plastik, der noch im Mai vorliegen soll. „Die weitere Vorgangsweise wird darauf abgestimmt“, heißt es aus dem Ministerium.

Bei den Plastiksackerln hat Brüssel schon gehandelt. Laut Richtlinie dürfen bis zum Jahr 2019 höchstens 90 Sackerl pro Person und Jahr verwendet werden. „Wir erfüllen bereits jetzt die EU-Vorgaben. In Österreich gibt es dazu eine freiwillige Vereinbarung mit dem Handel mit dem Ziel, die Anzahl der jährlich in Verkehr gesetzten Kunststofftrage-taschen bis 2019 um 50 Prozent zu reduzieren“, sagt Umweltministerin Köstinger. Die hiesigen Kunden verwenden laut Statistik nur rund 30 Plastiksackerl pro Jahr.

Einweg-Plastik, von Flaschen bis zu Strohhalmen, gibt es aber noch genug in unserem Land. Rund 25.000 Tonnen Treibgut werden bei den Verbund-Kraftwerken jährlich mit Rechen herausgefischt. Bei Hochwasser kann es auch mehr sein. Ein Teil davon ist Plastik. „Alles, was im Wald und in der Au oder am Ufer weggeschmissen wird,
landet in den Flüssen“, erklärt Verbund-Sprecher Florian Seidl. Anders als in Deutschland gibt es hierzulande kein Pfand auf Getränkedosen oder Plastikflaschen. Das ist am Fluss-Müll zu sehen. „Beim Donaukraftwerk Jochenstein an der bayerischen Grenze haben wir viel weniger Plastikflaschen. Das Pfand scheint zu wirken.“

Forscher haben im Jahr 2014 errechnet, dass täglich 4,2 Tonnen Plastik über die Donau ins Schwarze Meer gelangen. Das größte Problem sind kleine Plastikstücke, die auf den Grund der Flüsse sinken und dort zermahlen werden, sowie Mikroteilchen aus der Kosmetik. Sie werden von Fischen und Vögeln verschluckt und könnten auch in unseren Mägen landen. Bei Muscheln wurde schon nachgewiesen, dass Mikroplastik Entzündungen auslösen kann. Möglich sind auch Allergien oder andere Auswirkungen der Schadstoffe, die im Kunststoff enthalten sind oder daran anhaften.

Umweltschützer wollen einen weitreichenderen Plastik-Bann als bisher. Zwar geben bei uns viele Unternehmen keine Gratis-Plastiksackerl mehr aus. Das betrifft jedoch nicht die dünnen Obstsackerl. Die Kunden können sie für Fleisch, Gemüse oder Brot frei entnehmen. „Wir wollen ein Verbot dieser Gratis-Obstsackerl“, sagt Lukas Hammer von der Umweltorganisation Greenpeace. Stattdessen könnten die Supermärkte Papiersackerl anbieten. Bei Interspar wird jetzt ein „Wiederverwendbar-Sackerl“ getestet. Das Polyester-Netz ist waschbar.

Bei den Lebensmittelhändlern regiert der Verpackungswahn. „Es ist unnötig, dass so viel Obst und Gemüse einzeln verpackt wird“, kritisiert Hammer. „Es gibt sogar Fälle, bei denen Orangen geschält, ihrer natürlichen Schutzschicht beraubt und dann in Plastik verpackt werden. Das passiert auch bei Bananen.“ Convenience-Food, also Bequemlichkeits-Essen heißt das dann.

Ein Pfandsystem könnte helfen, den Plastikmüll-Berg zu reduzieren. Das wurde bisher jedoch immer mit dem Verweis auf die hohen Recycling-Werte in unserem Land abgewehrt. Rund ein Drittel der Kunststoffverpackungen wird bei uns wiederverwertet, der Rest verbrannt.

Vor allem der Plastik-Vermüllung gebietet ein Pfand Einhalt. „Das wäre gut für das Landschaftsbild und auch für die Bauern“, sagt Greenpeace-Sprecher Lukas Hammer. Wenn sie ihre Weiden mähen, gelangt oft auch Plastik ins Futter, das den Kühen die Mägen zerschneiden kann oder Entzündungen auslöst.

Mit einem Pfand würde auch die Mehrweg-Quote in unserem Land steigen. Glasflaschen können bis zu 40 Mal wiederbefüllt werden, Mehrweg-Plastikflaschen immerhin noch bis zu 20 Mal. Doch die dickeren Mehrweg-Plastikgebinde gibt es bei uns seit dem Jahr 2008 nicht mehr.

450 Jahre dauert es, bis sich eine herkömmliche Plastikflasche zersetzt. Forscher setzen ihre Hoffnung jetzt in „Ideonella sakaiensis“. Sie veränderten das plastikfressende Bakterium derart, dass es schneller verdauen kann. Aber noch immer viel zu langsam für unsere „Plastik-Welt“.
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