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Ausgabe Nr. 15/2018 vom 10.04.2018, Foto: Duty
Der einstige Sport der Reichen wird am Rad für Arme salonfähig
Polo hoch zu Stahlross
Statt der Hufe klappern die Speichen, statt am Zaumzeug ziehen die Sportler an Scheibenbremsen. Seit zehn Jahren wird hierzulande „Radpolo" gespielt, kostengünstig und ganz ohne Pferd. Die besten rot-weiß-roten Asse starten heuer in die Jubiläumssaison.
Kuscheliges Füttern und Striegeln entfallen, trotzdem ist der Drahtesel für die meisten Spieler fast schon zum Haustier geworden. „Es ist eine enge Beziehung, die wir zu unseren Rädern unterhalten“, schmunzelt der Wiener Felix Münster, 35, der sich mit zwei Mitspielern im Jahr 2008 zum ersten heimischen Meister der Sportart Radpolo gekrönt hatte. „Wir pflegen unsere Stahlrösser, wir lackieren und reparieren sie oder kleben bunte Sticker drauf.“

Kein Wunder, denn beim Radpolo, bei dem zwei Mannschaften zu je drei Spielern mit Schlägern eine tennisballgroße, leichte Plastikkugel im gegnerischen Tor versenken wollen, muss das Rad verlässlich sein. Absteigen ist verboten und es sieht angsteinflößend aus, wenn vier Radler gleichzeitig mit einem Affenzahn auf ein einziges Spielgerät zupreschen. Fast ein Wunder, dass trotz Helm
und Knieschützer auf dem harten Asphaltboden kaum etwas passiert, denn Bedrängen und Blocken sind samt
Körperkontakt erlaubt, nur Rammen nicht. „Das technische Beherrschen des Rades ist eine der großen Faszinationen dieses Spiels“, verrät Wolfgang Obstmayer, 47, als Mitbegründer des Vereins „Bike Polo Wien“ einer der ersten Männer der Stunde.

„Mittlerweile gibt es Spieler in Wien, Graz, Linz Salzburg und Wr. Neustadt. Bei den heimischen Meisterschaften 2017 waren 14 Teams und 40 Spieler gemeldet“, betont er. Der Versicherungsangestellte trainiert sonntags und mittwochs auf dem ASKÖ-Schmelz-Platz in Wien unter anderem mit Studenten, Tontechnikern, Fahrradmechanikern oder Maschinenbauingenieuren. „Einige kommen aus der Fahrradkurierszene oder sind früher Rennen gefahren“, weiß Mateen Karim, 31, der in einer juristischen Kanzlei für Fahrradrecht arbeitet. Karim gilt nicht nur als einer der besten Spieler des Landes, der bei der jüngsten Europameisterschaft unter die besten 25 kam, sondern ist mit seinem Team „Micro Machines“ derzeit amtierender rot-weiß-roter Radpolo-Meister. „Ich bestreite rund 15 Turniere im Jahr. Wir Spieler haben dabei eine starke internationale Gemeinschaft und finden in jeder Stadt ein kostenloses Bett zum Schlafen.“ In der kommenden Woche nehmen die Radpolo-Asse bei einem Turnier in der Nähe von Prag (Tschechien) teil, im Mai findet ein Turnier in Graz statt. Bei diesem im Jahr 1891 in Irland erfundenen Sport wird in ständig neu gruppierten, frei geschlechtergemischten Dreierteams nach den Regeln des Hardcourt-Bikepolo so lange gespielt, bis eine Mannschaft zuerst fünf Tore erzielt hat. Spätestens nach zehn Minuten wird abgepfiffen, in Entscheidungsspielen gewinnt, wer danach das erste Tor erzielt.

Während im echten Polosport Adelige und Reiche im Sattel sitzen, die neben der Erhaltung von pro Spieler rund vier Turnierpferden noch rund 30.000 Euro jählich nur an Vereins- und Verwaltungskosten einkalkulieren müssen, ist Radpolo ein Sport für Arme.

„Mit einem Beitrag von sechs Euro pro Training kann jeder mitmachen“, versichert Obstmayer, der Neulinge auf dem ASKÖ-Schmelz-Platz an jedem ersten Mittwoch des Monats, dem Schnuppertag, begrüßt. Ein Polorad verfügt über nur eine Vorderradbremse, einen Gang samt Freilauf und kostet 800 Euro aufwärts, ein Polo-Schläger schlägt mit 140 Euro zu Buche. „Doch es kann sich jeder ein Mountainbike umrüsten oder sich Schläger aus alten Schistöcken basteln, dann fallen kaum Kosten an“, weiß Obstmayer. Wolfgang Kreuziger
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