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Ausgabe Nr. 15/2018 vom 10.04.2018, Fotos: LKH Univ. Klinikum Graz
Dr. Bernd Höller (ganz li.) und Prof. Dietmar Thurnher (l.) im Operationssaal
Das kleine Gerät wird unter dem Schlüsselbein eingesetzt.
„Schrittmacher“ gegen gefährliches Schnarchen
Ein ungestörter Schlaf ist für unsere Gesundheit unersetzlich. Doch während der Nachtruhe können Gefahren auftreten, von denen Betroffene nichts merken. Die Schlaf-Apnoe, kurze Atemstillstände, ausgelöst durch eine erschlaffende Zungenmuskulatur. Ein Implantat ersetzt die Atemmaske.
Bis zu siebzig Mal in der Stunde setzte bei Isabelle Stubenvoll der Atem aus, während sie tief und fest schlief. Zehn Sekunden und länger dauerten diese Momente an und Frau Stubenvoll bemerkte nichts von der gefährlichen Situation. Die Sauerstoffkonzentration im Blut fiel stark ab und das Gehirn der Grazerin erhielt zu wenig Sauerstoff.

Als „Rettung“ musste der Körper reagieren und leitet jedes Mal eine Weckreaktion ein, die Arousals. „Dieser Begriff beschreibt die Aufweckreaktionen, meist ein lautstarkes Schnarchgeräusch, die im Körper bei einer Sauerstoffunterversorgung durch Schlafapnoe automatisch aktiviert werden. Wir sprechen ab fünf Atemstillständen während einer Stunde Schlaf von Schlafapnoe. Treten sie mehr als 15 Mal pro Stunde auf, sollte eine Therapie eingeleitet werden“, erklärt OA Dr. Bernd Höller, Leiter der Schlafambulanz der HNO-Univ. Klinik des Klinikums Graz.

Das Problem für die Betroffenen, sie merken von ihren nächtlichen Atemstillständen meist nichts, nur deren Auswirkungen tagsüber. „Sie fühlen sich nicht ausgeschlafen und sind stets der Gefahr des Sekundenschlafes ausgesetzt. Es droht Bluthochdruck sowie ein erhöhtes Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko“, sagt Dr. Bernd Höller.

Allergische Reaktion auf die Atemmaske

Schuld an den unbewussten Atemstillständen ist häufig, wie bei Frau Stubenvoll, das Erschlaffen ihrer Zungenmuskulatur im Schlaf und einer damit verbundenen Verengung der Atemwege. Leider versagte die herkömmliche Therapie mit einer Spezialmaske, welche die Steirerin im Schlaf tragen sollte. Sie hilft im Normalfall, die Atmung mittels dauerhaften Überdruckes aufrechtzuerhalten. „Ich habe diese Maske nicht vertragen, weil ich allergisch auf den Kunststoff reagiere und in der Früh mein Gesicht angeschwollen war“, erzählt die ehemalige Schlafapnoe-Patientin.

Diese Unverträglichkeit und die Tatsache, dass Isabelle Stubenvoll 45 Kilo abgenommen hat und damit aus eigener Kraft eine weitere Ursache für die Krankheit ausgeschaltet hat, ließen die Ärzte einen neuen Weg gehen. Die Pensionistin bekam als erste Patientin in unserem Land einen kleinen, wieder aufladbaren und individuell einstellbaren Zungennerv-Stimulator implantiert.

Der Zungenmuskel bleibt am Platz

Anfang März war es soweit. Die Steirerin bekam in einer knapp einstündigen Operation das Gerät unterhalb des Schlüsselbeines eingesetzt. „Das Implantat ist das kleinste am Markt verfügbare und das erste wiederaufladbare seiner Art. Zudem ist es derart fein justierbar, dass die Stimulierung des Zungennervs ganz individuell durchgeführt werden kann. Gefährliche nächtliche Atemaussetzer gehören damit der Vergangenheit an“, erklärt Dr. Dietmar Thurnher, Vorstand der HNO-Universitätsklinik Graz.

Das Implantat ist ein Neurostimulator (Neuro = Nerven), der an den Nervenstamm eines verantwortlichen Hirnnervs angebracht wird. „Dieser ‚Zungennerv‘ steuert die Muskulatur von Zunge und Mundboden. Sofern die Schlafapnoe anatomische Ursachen hat, also während des Schlafes im Rachenraum eine Verengung entsteht, kann die Zunge derart stimuliert werden, dass die Muskulatur nach vorne gedrückt wird und die Luft somit wieder normal strömen kann“, erläutert Univ.-Prof. Dr. Dietmar Thurnher die Funktion und Wirkungsweise dieses „Zungen-Schrittmachers“.

Das Gerät ist wiederaufladbar

Besonders vorteilhaft für die Patienten, das neuartige Implantat ist mühelos wieder aufladbar.

„Vorgängergeräte waren batteriebetrieben. Um diese Batterien auszutauschen, musste das Implantat nach ein paar Jahren wieder operativ herausgenommen werden“, verrät Prof. Thurnher. Das wird bei Frau Stubenvoll nun nicht mehr notwendig sein.

Trotz des großen Optimismus aufgrund des medizinischen Fortschrittes müssen die Experten dennoch die Erwartungen „bremsen“. Für die Operation können nur Patienten ausgewählt werden, bei denen die Ursache für die Krankheit eine Erschlaffung der Zungenmuskulatur in der Nacht ist, die ein etwaiges Übergewicht abgebaut haben und die Apnoe-Schlafmaske nachweislich nicht vertragen.
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