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Ausgabe Nr. 15/2018 vom 10.04.2018, Foto: Fotolia
Kein Kopftuch für Mädchen in Volksschulen und Kindergärten
„Halbes“ Verbot reicht nicht
Die Regierung will das Kopftuch in Volksschulen und Kindergärten verbieten. Doch das Verbot greift zu kurz. Auch muslimische Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren sollten die Schule ohne Kopftuch besuchen können. Ein Ersatz für eine durchdachte Integrationspolitik ist das „Stoff-Verbot“ ohnehin nicht.
Es gibt keine Zahlen, wie viele Mädchen unter zehn Jahren bei uns ein Kopftuch tragen. „In meiner Volksschule gab es nur ein Mädchen mit Kopftuch, das als Flüchtling nach Wien gekommen ist“, erzählt der 12jährige Leo. Allerdings handle es sich um ein zunehmendes Phänomen, erklärt ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz. „Wir hatten das vor einigen Jahrzehnten in Österreich nicht.“

Jetzt soll ein „Kinderschutzgesetz“ das Kopftuch bei kleinen Mädchen aus dem Kindergarten und der Volksschule verbannen. Ein symbolischer Akt, von dem die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) nichts hält. „Im Kindergarten ist Kopftuchtragen in Österreich so gut wie unbekannt“, erklärt Carla Amina Baghajati, die Frauenbeauftragte im Obersten Rat der IGGÖ. „An Volksschulen ist jeder der wenigen Fälle individuell zu betrachten, da es sehr wohl auch vorkommen kann, dass Mädchen von sich aus diese Kleidung wählen.“

Das bezweifelt der Soziologe Kenan Güngör. Wenn Kinder in diesem Alter „ein Kopftuch tragen, dann können wir davon ausgehen, dass es nicht das Bedürfnis der Kinder ist“, sagt er. Sondern es ist der Wunsch der Eltern. Für den überwiegenden Teil der muslimischen Eltern ist das Kopftuch für kleine Mädchen aber kein Thema. „Jene Eltern, die wollen, dass Kinder schon im frühen Alter ein Kopftuch tragen, sind meist ultrakonservativ bis fundamentalistisch“, weiß der Politikberater mit kurdisch-türkischen Wurzeln, der auch Mitglied im „Expertenrat für Integration“ im Außenministeriums ist. „Die Religion spielt bei ihnen eine so große Rolle, dass Kinder schon in diesem Alter ein Kopftuch tragen. Aber das ist nicht repräsentativ für alle Muslime.“

Das Verbot für Mädchen unter zehn Jahren geht Güngör nicht weit genug. Er plädiert für ein Verbot von starken weltanschaulichen und religiösen Zeichen in den Schulen bis zum 14. Lebensjahr. Und ein Kopftuch-Verbot allein reicht nicht. „Grundsätzlich halte ich ein Verbot für richtig. Aber in der Gesamtpolitik fehlt mir noch einiges, das ist kein zusammenhängendes Ganzes.“

Ein Fünftel bis höchstens ein Drittel der Musliminnen tragen laut Schätzungen ein Kopftuch. Auch wenn der Beratungsrat der Islamischen Glaubensgemeinschaft im Vorjahr festgestellt hat: „Für weibliche Muslime ab der Pubertät ist in der Öffentlichkeit die Bedeckung des Körpers, mit Ausnahme von Gesicht, Händen und nach manchen Rechtsgelehrten Füßen, ein religiöses Gebot und damit Teil der Glaubenspraxis.“ Nicht alle Musliminnen tragen es allerdings freiwillig. Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2012 sagte jeder sechste Muslim, seine Frau sollte „auf jeden Fall“ Kopftuch tragen. Und der Wiener Mittelschuldirektor Christian Klar erklärte zuletzt: „Es kommt oft vor, dass entweder Eltern ihre Kinder zwingen oder öfter noch ältere Brüder oder Cousins.“ Er plädiert für ein Kopfbedeckungs-Verbot in öffentlichen Schulen bis zum Alter von 14 Jahren.

Am Kopftuch scheiden sich die Geister. Die einen verweisen darauf, dass das Stück Stoff bei unseren Großmüttern zur normalen Alltagskleidung gehört hat. Für andere ist das „Kopftuch die internationale Flagge der Islamisten“, wie es die Feministin Alice Schwarzer beschreibt.

FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache hat mit dem Kopftuch-Verbot ein Thema gefunden, mit dem er bei verstimmten Wählern punkten kann. „Alle Mädchen und junge Frauen sollten das Recht haben, sich ohne Druck entwickeln zu können“, erklärt er. „Da liegt es an uns, diesen politischen Rahmen für eine notwendige Integration zu gewährleisten. Denn wir wollen keine Parallelgesellschaften und dem politischen Islam entschlossen entgegentreten.“ Der FPÖ-Chef sieht den jetzigen Schritt trotzdem nur als Anfang. Er will ein Kopftuch-Verbot in öffentlichen Schulen, an der Universität und im öffentlichen Dienst.

Für die allermeisten Muslime ist das Kopftuch aber keine politische Stellungnahme. Bei streng religiösen Glaubens-Anhängern gilt die Hauptsorge meist einem anderen Umstand. „Es geht um den Schutz der Männer“, erklärt der Soziologe Kenan Güngör deren Beweggründe. „Die Frau ist die Eva im biblischen Sinne, die die Männer verführt. Damit die Männer nicht auf sündige Gedanken verfallen, ist es wichtig, dass sich die Frauen verschleiern und fast unsichtbar machen.“

Es ist ein fragwürdiges Frauen- und Männerbild, das die Frau vor allem als Sexualobjekt definiert und Männer als scheinbar triebgesteuert darstellt. Mit solchen Vorbehalten können die Geschlechter kaum in einen normalen Kontakt treten. Von Gleichberechtigung ganz zu schweigen.

Kein Wunder, dass die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer einmal feststellte: „Das Kopftuch ist heute weltweit ein Symbol für die Geschlechter-Apartheid.“ Mädchen und Buben sollten aber alle gleiche Chancen haben.
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