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Ausgabe Nr. 14/2018 vom 03.04.2018, Foto: Getty Images
Schlafstörungen sind die neue Volkskrankheit
Zu wenig Schlaf macht krank, dick und „dumm“
In der Nacht wach und am Tag müde. Dieses Schicksal teilen Millionen Menschen in unserem Land und sie werden mehr. Chronischer Schlafmangel ist keine Lappalie. Hält das Problem an, kippt eines Tages die Gesundheit.
Die neuen Zahlen erschrecken die Experten. Hatte vor zehn Jahren jeder fünfzehnte Erwachsene im Land Probleme, abends in den Schlaf zu sinken, leidet heute jeder Dritte an regelmäßigen Einschlafstörungen. Plagte sich vor zehn Jahren jeder Vierte nachts mit Durchschlafstörungen (= grundloses Erwachen mit Einschlafproblem), ist es heute jeder Zweite.

„Die häufigsten Ursachen für Schlafstörungen sind eine innere Unruhe, Grübeln und nicht Abschalten zu können. Dann erst kommen Gründe wie Angst oder Schmerzen“, fasst Stefan Seidl vom Schlaflabor der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien/AKH Wien die Ergebnisse einer Untersuchung von eintausend Frauen und Männern zusammen. Schlafstörungen sind die neue Volkskrankheit, darin sind sich die Schlafforscher wie der Grazer Neurologe und Vorstand des Instituts für Schlafmedizin am Privatklinikum Hansa in Graz, Univ.-Prof. Dr. Manfred Walzl, sicher. „Es sinken die Schlafdauer und Schlafqualität. Ein gesunder, für Körper und Geist erholsamer Schlaf, durchläuft vier Schlafstadien. Sie wiederholen sich jede Nacht ein paar Mal, doch das erleben immer weniger Menschen.“

Wenig Schlaf hindert Kinder am Wachsen
Neben der inneren Unruhe sowie beruflichen oder privaten Überforderung sind Krankheiten wie Depressionen, chronische Schmerzen, das Restless-Legs-Syndrom (RLS) und die Schlafapnoe mit den typischen Atemaussetzern Schuld an zu wenig Schlaf. „Zur dritten Gruppe gehören Menschen, die durch das Schnarchen des Partners regelmäßig in ihrem Schlaf gestört werden“, meint Prof. Walzl und erklärt, ab wann der Mediziner von einer Schlafstörung spricht. „Wer drei Mal in der Woche über einen Monat länger als eine halbe Stunde benötigt, um einzuschlafen oder nachts aufwacht und sich herumwälzt, weil er nicht wieder einschlafen kann, dieser Mensch leidet unter einer Schlafstörung.“

Und die sollte niemand auf die leichte Schulter nehmen. „Menschen brauchen den erholsamen Schlaf. Schlaf ist ein Lebenselixier. Leider ist es heute nicht ‚schick‘ zu schlafen. Ein 24 Stunden Fernsehprogramm, ständig ,online‘ sein und über das Mobiltelefon erreichbar sein, ist ein Lebensstil, der schon Kindern den wichtigen Schlaf entzieht. Sie verlieren im Jahr einen Monat an Schlaf, weil sie zu viel mit dem Computer beschäftigt sind. Das verzögert ihr Wachstum und erhöht die Gefahr für Depressionen.“

Gefahr für Leib und Leben
Die Folgen des regelmäßigen Schlafentzuges sind dramatisch. „Er wirkt sich äußerst negativ aus. Das Immunsystem wird geschwächt, denn es reguliert sich in der Nacht. Betroffene erkranken leichter an Infektionskrankheiten. Weiters werden die Verdauung und das Herz-Kreislauf-System belastet. Es treten Muskelschmerzen und Gereiztheit auf und alle Hormon-
systeme kommen durcheinander, etwa die Hormone, die unser Hunger- und Sättigungsgefühl steuern“, erklärt Prof. Walzl. „Es ist erwiesen, dass Schlecht-Schläfer an Gewicht zunehmen und dick werden. Das Gehirn leidet ebenfalls. Studien zeigen, dass sich Menschen, die keine REM-Phase im Schlaf haben, wenig konzentrieren können. Zu wenig Schlaf macht ‚dumm‘. Nicht zu reden von den Gefahren, die im Alltag lauern, wie der Sekundenschlaf. Er ist eine der Hauptursachen für schwere Verkehrsunfälle. Die Weltgesundheitsorganisation erklärte Schlafstörungen zu den vier großen Herausforderungen für die Medizin der nächsten 50 Jahre.“

Schlaftabletten sind keine Dauerlösung
Menschen, die nachts schlecht (ein-)schlafen, am Tage müde sind, und das über Wochen oder Monate, sollten den Hausarzt aufsuchen. „Im Gespräch wird sich herausstellen, ob eine Überweisung zum Lungenarzt, zum Neurologen oder in die Schlafmedizin sinnvoll ist, um die Ursache zu finden. Immerhin gibt es 120 verschiedene Schlafstörungen und nur eine genaue Diagnose kann zur richtigen Therapie führen“, weiß Dr. Walzl und warnt vor dem voreiligen Griff zu Schlaftabletten.

„Die darin enthaltenen Benzodiazepine machen schnell süchtig, der Körper braucht immer höhere Dosen. Er ‚verlernt‘ damit das Schlafen. Schlaftabletten sind die letzte aller Einschlafhilfen und für höchstens vier Wochen empfohlen.“ Keine Gefahr stellen dagegen pflanzliche Schlafmittel aus Hopfen, Baldrian oder Melisse dar. „Werden sie vor dem Zubettgehen als Tee eingenommen, hilft das damit verbundene Ritual des Zubereitens und schluckweisen Trinkens, zur Ruhe zu kommen. Wer die Kräuter als Kapseln nimmt, bekommt in der Apotheke meist Präparate, die alle drei Wirkstoffe kombinieren.“ Das Glas warmer Milch mit Honig ist nach wie vor eine Einschlafhilfe, bestätigen Schlafmediziner. „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass in Milch Tryptophan steckt, ein Vorläufer des Schlafhormons Melatonin, und der Zucker im Honig transportiert das Ganze schnell ins Blut. Unsere Großmütter wussten also schon, was uns beim Einschlafen hilft, lange bevor die Wissenschaft es erklären konnte.“
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