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Ausgabe Nr. 13/2018 vom 27.03.2018, Foto: zvg
Dr. Dieter Schaufler
Der Doktor und sein liebes Vieh
Es ist weit mehr als Hunde- oder Pferdestreicheln, wenn Psycho-, Ergo- und Physiotherapeuten tierische Unterstützer an ihrer Seite haben. Tiere als Co-Therapeuten helfen Patienten auf vielfältige Weise und dem Therapeuten, besser auf den Patienten einzugehen.
Pony „Rondo“ ist ein „alter Hase“ auf dem Mauritiushof in der Waldviertler Gemeinde Waldhausen (NÖ), südlich von Zwettl. Seit 16 Jahren lebt das graue Welsh-Pony auf dem Bauernhof mit seinen weitläufigen Weiden, Pferdekoppeln und Laufställen, umgeben von einer sanft hügeligen Gras- und Baumlandschaft. Und genauso lange ist „Rondo“ Teil des Therapieteams von Dr. Dieter Schaufler.

Der Allgemeinmediziner, mit Schwerpunkt in psychotherapeutischer Medizin und Naturheilkunde, leitet hier den Sitz der Österreichischen Gesellschaft für Tiergestützte und Naturgestützte Therapie, kurz ÖGTT.
„Rondo“ ist eines von Dr. Schauflers Therapie-Ponys. Der sanfte Vierbeiner hilft Patienten wie Jakob, einem Buben, der an einer Angststörung leidet. Aufgrund der Erkrankung ist er im Alltag eingeschränkt und nachts oft
schlaflos. „Durch die Zusammenarbeit mit ‚Rondo‘, die meist im Round Pen, einer Art runden Koppel stattfindet, gelingt es Jakob, sich seinen Ängsten zu stellen. Er bleibt dabei am Boden und begegnet ‚Rondo‘ immer auf Augen-
höhe“, erklärt Dr. Schaufler, der erfahrenste Arzt im Lan-
de in der tiergestützten und naturgestützten Therapie.

Behandlungen sind mit Tieren erfolgreicher

„Tiere als Assistent-Therapeuten, das hat nichts mit einem Streichelzoo oder Reitstunden zu tun. Das Tier ist nicht der Therapeut, das ist der Mensch. Das Tier ist der Begleiter“, betont Dr. Schaufler, ÖGTT-Präsident und Leiter des Ausbildungszentrums für tiergestützte Therapie, das in Zusammenarbeit mit dem WIFI Niederösterreich Diplom-Lehrgänge anbietet. „Die seriöse tiergestützte Therapie wird nur von Menschen angewendet, die einen medizinischen Beruf ausüben und über diese Zusatzausbildung ihre Therapie mit Hilfe von Tieren unterstützen.“

Vor allem die Psychotherapie, Ergotherapie, Physiotherapie, Geriatrie (Altersheilkunde) und die Pädiatrie (Kinderheilkunde) sind Gebiete, in denen die therapeutische Unterstützung von Tieren Erfolge zeigt. „Dazu gibt es gute wissenschaftliche Daten. Es kristallisiert sich sogar heraus, dass fast jede medizinische Behandlung im Beisein von Tieren erfolgreicher ist, das heißt, früher wirkt und kürzer dauert. Sogar Schmerzpatienten profitieren von der Begleitung durch Therapie-Tiere.“

Neben der tiergestützten Therapie werden tiergestützte „Interventionen“ oder Förderungen angeboten, erklärt Dr. Schaufler. In diesen Bereichen sind die Anbieter aber keine Therapeuten im medizinischen Sinne, sondern Pädagogen, Personaltrainer oder Sozialarbeiter.

Therapietiere sind keine „Zirkuspferde“

Tiere im Dienste der Medizin und der Gesundheit sind keine „Zirkustiere“, die dem Menschen gefällig sein sollen. „Die Hunde, Rinder oder Pferde sind zwar sanft im Wesen, aber nicht dressiert oder abgerichtet. Unsere Dexter-Rinder sind eine kleine Rasse, haben einen ausgeglichenen Charakter und jeder kann sich ihnen gefahrlos nähern. Das gilt natürlich auch für die eingesetzten Therapie-Pferde. Die Vier- und Zweibeiner, es sind auch Hühner und Enten im therapeutischen Einsatz, verhalten sich frei und natürlich. Sie erwarten nichts vom Menschen und sind in der Lage, direkt und unvoreingenommen auf das Verhalten des Patienten zu reagieren. Wir müssen wissen, Tiere haben viel feinere Sinneswahrnehmungen als Menschen. Meine Hunde nehmen oft viel eher wahr, wenn ein Patient traurig oder angespannt ist. Ich erkenne an der Reaktion, an der Körpersprache des Hundes, was im Patienten vor sich geht, und kann besser auf ihn eingehen. Ähnliches passiert in der Therapie, die durch Pferde unterstützt wird. Das Therapie-Pferd nimmt früh wahr, welcher Mensch zu ihm in den Rundkoral kommt. Es erkennt an der Bewegung, der Energie, der Stimme, wie es dem Patienten geht. So kann sich das Pferd von einem Patienten abwenden, wenn er sich nähert, beim nächsten Patienten geht es auf ihn zu. Daraus kann der Therapeut vieles erkennen. Das Pferd spiegelt den Menschen. In der Psychotherapie kann es in so einem Fall um Themen wie Selbstvertrauen, Ängste, Führungsqualität, Selbstsicherheit und Beziehungsfähigkeit gehen.“

Die Tierbetreuung gibt Suchtkranken Halt

Für die tiergestützte Therapie sind fast alle gängigen Haustierrassen und Nutztiere geeignet. „Pferde helfen in der Psychotherapie und Physiotherapie. Hunde begleiten in der Psychotherapie, Ergotherapie, in der Kinderheilkunde und sind eine Hilfe in der Altenmedizin. In der Geriatrie sind neben Hunden auch Hühner und Ziegen gut geeignet, weil viele alte Menschen sie noch aus ihrer Jugend kennen. Gerade bei alten Menschen bessern sich mit Hilfe der Therapie-Tiere depressive Verstimmungen, die Reaktionsfähigkeit und die Gedächtnisleistung. Es gibt auch ‚ungewöhnliche‘ Tiere wie Achatschnecken. Sie helfen bei der Behandlung von Kindern mit ADHS oder Autismus, weil ihre Langsamkeit die Kinder beim Erwerb der Konzentrationsfähigkeit unterstützt. Kühe, Ziegen und Schweine wiederum helfen bei Sucht- und Persönlichkeitsstörungen. Das Ausmisten der Ställe, das Füttern der Tiere und deren Pflege gibt diesen Menschen Halt, Selbstwert und bringt Struktur ins Leben“, erläutert Dr. Schaufler die Einsatzgebiete von Tier-Assistenten.

Dieses Einsatzgebiet der tierischen Vier- und Zweibeiner könnte sich bald erweitern. Es gibt erste Hinweise aus der Forschung, dass Therapie-Tiere bei weit mehr Krankheiten unterstützen. So gibt es Studien, die zeigen, dass sich gelähmte Körperteile bei Schlaganfall-Patienten durch das Einsetzen von Kaninchen und Kleintieren besser erholen und Patienten mit Schizophrenie öfter Freude ausdrücken können.

Für eine Therapie mit Tier-Assistenten fallen für Patienten keine Extra-Kosten an, wenn die entsprechende medizinische Behandlung ohnedies von den Krankenkassen getragen wird. Bei tiergestützten Förderungen und Interventionen, die grundsätzlich Privatleistungen sind, müssen die Patienten für ihre tierischen Helfer jedoch selbst bezahlen.

Nähere Information: Österreichische Gesellschaft für Tiergestützte und Naturgestützte Therapie, 3914 Waldhausen, www.oegtt.at, Zentrum Mauritiushof, www.zentrum-mauritiushof.at, Tel. 02877/20059.
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