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Ausgabe Nr. 12/2018 vom 20.03.2018, Fotos: All mauritius, zVg
Drang-Inkontinenz – der häufige Harndrang ist eine Qual.
Dr. Michael Rutkowski
Hilfe, wenn die Blase ständig drückt
Es ist ein Leben in der ständigen Angst, nicht rechtzeitig eine Toilette zu finden, denn wer an einer überaktiven Blase leidet, wird vom Harndrang regelrecht „überfallen“. Nicht selten geht Harn verloren. Eine „Drang-Inkontinenz“ beschämt, doch Urologen können helfen.
Elfriede Rosner (Name geändert) aus dem Bezirk Spittal an der Drau (K) ist verzweifelt. Seit Jahren leidet die 69jährige Pensionistin an einem Problem, das ihr körperlich und seelisch zu schaffen macht.

„Ich leide an Drang-Inkontinenz. Mein Harndrang tritt meist plötzlich und so stark auf, dass es oft unmöglich ist, rechtzeitig eine Toilette zu erreichen. Das macht mir zu schaffen, weil ich im Alltag stark eingeschränkt bin“, klagt die Kärntnerin. Auf Reisen zu gehen, wie sie es früher gerne tat, ist ihr unmöglich. Zu groß ist die Angst, im fremden Umfeld nicht zu wissen, wo die nächste Toilette ist, wenn „es“ schnell gehen muss.

Frau Rosner ist mit ihrem Problem nicht allein. Mehr als 850.000 Menschen im Land leiden zumindest an einer Form von unfreiwilligem Harnverlust, jede dritte Frau ab 50 Jahren unter quälendem Harndrang, weiß der Urologe Dr. Michael Rutkowski vom Krankenhaus Korneuburg (NÖ) und Vorstandsmitglied der medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (Tel.: 0810/100455, www.inkontinenz.at). „Es ist nicht immer ganz geklärt, woher die Überaktivität der Blase kommt. Das Alter spielt eine Rolle, ebenso Diabetes Typ 2, manchmal sind ein Hormonmangel, Medikamente oder eine neurologische Erkrankung die Ursache. In jedem Fall ist bei der Drang-Inkontinenz der Blasenmuskel überaktiv. Er zieht sich viel zu früh zusammen, um die Blase zu entleeren. Dieser Drang kann in Wellen auftreten oder kurz vor dem Erreichen der Toilette, und er kann extrem unbeherrschbar, so dass Betroffene Harn verlieren, bevor die Toilette erreicht wurde.“

Eine gesunde Blase meldet sich zur Entleerung bei Frauen ab zirka 400 ml, bei Männern ab etwa 500 ml Harn. „Bei der Drang-Inkontinenz tritt der starke Harndrang viel früher, bei ein- oder zweihundert Millilitern auf. Aufgrund der geringen Entleerungsmengen müssen die Patienten statt vier bis sechs nun acht Mal und öfter am Tag auf die Toilette. Nicht selten muss mehrmals nachts aufgestanden werden, wodurch die Schlafqualität leidet. Geht Harn verloren, schämen sich viele und verschweigen das Problem sogar ihrem Arzt. Das ist problematisch, weil andere Erkrankungen unentdeckt bleiben können oder die Blase mit der Zeit stark schrumpft, sodass eine Behandlung immer schwieriger wird.“

Um festzustellen, woher der überfallsartige Harndrang kommt, ist der Urologe der richtige Ansprechpartner. Er untersucht den Harn und führt eine Blasenspiegelung durch. „Diese Untersuchung ist dank moderner Geräte schmerzfrei. Es ist jedoch wichtig, in die Blase zu sehen, denn es kommt vor, dass ein Tumor schuld am verstärkten Harndrang ist oder bei Männern eine vergrößerte Prostata sowie Blasensteine“, klärt Dr. Rutkowski auf. Zusätzlich bittet der Arzt seine Patienten, für zwei, drei Tage ein Trink- und Harntagebuch auszufüllen. „Daraus kann der Arzt viel über die Funktion der Blase ablesen und die Therapie danach ausrichten.“ Um den überaktiven Blasenmuskel zu beruhigen, stehen mehrere Therapien zur Verfügung. „Neben dem Training des Beckenbodens, Entspannungsübungen von Bauch- und Blasenmuskulatur gibt es eine Verhaltenstherapie. Betroffene lernen, das Trinken und die Toilettgänge einzuteilen, auf harntreibende Getränke zu verzichten, den ersten Harndrang wegzudrücken und die Blasenfüllung zu verbessern. Eine Elektrotherapie kann helfen, mit Impulsen die Nervenversorgung der überreizten Blase zu normalisieren. Zusätzlich stehen Medikamente zur Verfügung, sogenannte Anticholinergika. Wer unter den Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Verstopfung leidet, kann sie nur für kurze Zeit bei Bedarf nehmen, etwa auf Reisen oder bei Bus- und Bahnfahrten.“ Als Optionen für schwere Fälle gibt es die Behandlung mit dem Nervengift Botulinumtoxin, das den Blasenmuskel entspannt, und das Einsetzen eines Blasen-Neuromodulators. Dessen permanent schwache, elektrische Impulse regulieren den Blasenmuskel und wirken der Blasenschwäche entgegen.
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