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Ausgabe Nr. 5/2018 vom 30.01.2018, Fotos: duty
Heimischer Meister im Tarock: Christian Rieseneder.
Beim in unserem Land verbreiteten „Königrufen“ sitzen vier Spieler am Tisch.
Tarock als Spiegel des Lebens
Für Christian Rieseneder, 41, ist Tarock viel mehr als nur ein Spiel, der Wiener ist heimischer Meister, Sammler und auch Lehrer dieser urtypischen rot-weiß-roten Kartenkunst. Ähnlich wie einst der Politiker Wolfgang Schüssel, der Psychoanalytiker Sigmund Freud oder der Literat Thomas Mann ist er der Vielseitigkeit dieses Spieles verfallen.
Ein straffer grüner Filz spannt sich über den Kaffeehaustisch im Hinterzimmer des altehrwürdigen Cafe Ritter in Wien Ottakring, in dem jeden Abend die Spielkarten durch die Luft sausen. Darunter der Gstieß,
der Mond oder die Vogerl, wie die kleinsten vier Tarockkarten heißen. „Obwohl dieses Spiel aus anderen Ländern stammt, hat es sich zu einem der heimischsten Spiele überhaupt entwickelt und kämpft mit Schnapsen um die Vorherrschaft in den Lokalen“, schmunzelt Christian Rieseneder, 41. Der Wiener ist seit dem Gewinn der heimischen Meisterschaft 2017 in der Spielart „Königrufen“ amtlich oberster Tarockierer der Nation und auch sonst dem Kartenspiel mit Haut und Haar verfallen. Am kommenden Wochenende wird er in Perchtoldsdorf (NÖ) beim Wiener Tarockcup starten, der zur Qualifikation des nächsten Österreich-Finales gehört. „Ich selbst sammle Tarockbücher, alte Kartenversionen, leite zwei Volkshochschulkurse im Tarock und veranstalte im November ein eigenes kleines Turnier“, erzählt er, der im Schnitt jedes zweite Wochenende an einem Turnier teilnimmt. Sechs große Cups mit rund 150 Turnieren gibt es in unserem Land, nur Vorarlberg ist „tarockfreie“ Zone. Wegen des Geldes spielt Rieseneder sicher nicht, spärliche 130 Euro erhielt er als Meisterprämie. Anderswo gibt es in der vor allem oberösterreichisch dominierten Tarockszene aber doch bis zu 500 Euro pro Turnier zu gewinnen, mit solchen Summen sind immerhin die Fahrtspesen gedeckt.

Zu den kleinen bunten Spielkarten fand der in Salzburg geborene und in Tirol aufgewachsene Spieler über seinen Vater, mit zwölf erlernte er die Regeln, mit 18 kaufte er sich sein erstes Tarockbuch. „Meine mathematische Begabung nützt mir viel“, verrät der Softwaretester und Programmierer. „Kartenzählen und Wahrscheinlichkeiten berechnen sind ein wichtiger Faktor.“ Für viele ist Tarock aber auch ein Spiel des Lebens und gleichzeitig ein Zerrspiegel des Lebens, denn nicht selten gewinnt der Kleine über den Großen. „Beim Tarock wird der Charakter des Spielers offenkundig und es werden alle Winkelzüge bloßgelegt. Ist einer wagemutig oder hinterhältig?“, glaubt der Ex-ÖVP-Klubobmann Andreas Khol, leidenschaftlicher Tarock-Spieler.

Ursprünglich wurde Tarock vor 500 Jahren in Italien erfunden, weiß der Oberösterreicher Franz Kienast, der viele heimische Tarockveranstaltungen koordiniert und eine Tarockseite im weltweiten Internet unterhält. „In der Österreichisch-Ungarischen Monarchie war es weit verbreitet und erlebt jetzt seit den 90igern bei uns einen großen Aufschwung“, erläutert er. Vor allem unter Intellektuellen hatte das Kartenspiel schon immer fanatische Anhänger, darunter der Komponist Wolfgang Amadeus Mozart, der Ex-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, die Autoren Thomas Mann und Peter Handke oder der Dramatiker Johann Nestroy. „Die Faszination liegt sicher in der Vielseitigkeit dieses schönen Spieles“, findet Rieseneder, der rund drei Abende in der Woche am Kartentisch anzutreffen ist. Internationale Vergleiche freilich gibt es keine, denn die italienische, ungarische, slowenische oder Südtiroler Spielart weist jeweils zu große Unterschiede auf. Für Rieseneder bremst das die Freude am Spiel aber nicht. Im Gegenteil, im Sommer heiratet der Kartenmeister seine Verlobte Franziska, der er Tarock selbst beigebracht hat. „Als Lehrerin hat sie abends zwar kaum Zeit, ins Kaffeehaus mitzugehen“, bedauert er. „Aber ich werde sie schon noch dazu bringen, bei Turnieren mitzumachen.“ Wolfgang Kreuziger
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