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Ausgabe Nr. 5/2018 vom 30.01.2018, Fotos: ARochau/Fotolia, Erich Spiess
Müdigkeit, mangelnde Fitness und Selbstüberschätzung führen oft zu schweren Verletzungen.
Mag. Thomas Woldrich, ÖSV:
„Mehr als zwei Drittel der Unfälle passieren am Nachmittag, wofür mitunter auch die Ermüdung als Grund genannt wird. Am Sonntag finden prozentuell die meisten Schiunfälle statt.“
Wenn die letzte Abfahrt zum Verhängnis wird
Jeder dritte Sportunfall in unserem Land passiert auf den heimischen Schipisten. In neun von zehn Fällen sind sie von Schifahrern und Snowboardern selbstverschuldet, weil sie sich überschätzen oder bereits zu müde sind für die Fahrt ins Tal. Ein Experte erklärt, wann es Zeit für eine Pause oder gar einen Abbruch des Pistenvergnügens ist.
Ich hätte die letzte Abfahrt nicht machen sollen, aber weil ich so gerne Snowboard fahre, bin ich doch noch einmal mit dem Lift hinaufgefahren“, erzählt Nassima Barrows. Jetzt sitzt die 32jährige Amerikanerin, die aus beruflichen Gründen in unserem Land weilt, mit zwei gebrochenen Armen in ihrer Wohnung in Wien und kann kaum einen Handgriff selbst machen.

„Es passierte unglaublich schnell. Ich bin mit meinem Snowboard nach hinten gefallen, und als ich versucht habe, den Sturz mit meinen Armen abzufangen, habe ich mir beide Unterarme gebrochen. Fünf Wochen muss ich den Gips an beiden Armen tragen“, sagt sie seufzend.

Die leidenschaftliche und geübte Wintersportlerin ist eine von Tausenden im Land, die auf unseren Schipisten so schwer stürzen, dass der Tag im Spital endet.

Für Experten liegen die Gründe dafür auf der Hand. „Sich zu überschätzen, mangelnde Fitness und die körperliche Müdigkeit sind die häufigsten Ursachen für Schi- und Snowboardunfälle“, sagt Mag. Thomas Woldrich, aus dem Bereich Breitensport des Österreichischen Schiverbandes (ÖSV). „Dazu kommt, dass viele Pistensportler vergessen, sich vor der ersten Fahrt und nach einer längeren Pause aufzuwärmen. Würden alle Schifahrer und Snowboarder Aufwärmübungen machen, könnte jeder zweite Unfall auf der Piste verhindert werden. Das haben unsere Untersuchungen bestätigt. Es ist wichtig zu wissen, dass Bein- und Rumpf-Übungen nicht nur die Muskeln erwärmen, das Aufwärmen regt darüber hinaus die Nervenbahnen an und erhöht die Aufmerksamkeit.“

Die Signale des Körpers erkennen

Schifahren und Snowboarden sind beliebt, wie eine repräsentative Umfrage mit 1.000 Privatpersonen zwischen 14 und 69 Jahren im Vorjahr für den Sportartikelhändler Intersport ergab. Der Schisport genießt bei uns hohes Ansehen. Fast drei Viertel der Menschen im Land finden, „Schifahren gehört zur heimischen Kultur und sollte mehr gefördert werden“. 70 Prozent meinen sogar, Schifahren sei Kult. Dass 45 Prozent der Landsleute gerne öfter die Schi anschnallen und auf die Piste gehen würden, unterstreicht die Begeisterung für den beliebten Wintersport.

Damit das Vergnügen auf einem oder zwei Brettln nicht jäh endet, ist es wichtig, auf den eigenen Körper zu hören und ihm bei den ersten Anzeichen Pausen zu gönnen, rät Woldrich. „Ein typisches Warnsignal ist, dass ich plötzlich schlechter fahre, als es meinem Können entspricht. Beispiele sind, plötzlich ins Rutschen kommen, nicht wie gewohnt auf Wunsch bremsen oder einen Schwung nehmen können, oder die Schier rattern über den Schnee, wobei ich normalerweise gut gleite. Das sind Anzeichen, dass sowohl die gesamte Körpermuskulatur als auch meine Aufmerksamkeit ermüdet sind. Hier hilft nur eines, die nächste Hütte ansteuern, pausieren und etwas essen. Ich rate, ausreichend zu trinken, aber bitte keinen Alkohol, sondern Tee, Fruchtsaft oder isotonische Getränke.“

Wenn die Oberschenkel „brennen“

Die ungewohnte Körperhaltung beim Schifahren und Snowboarden ist vor allem für die Oberschenkel eine Herausforderung. Schwache Muskeln machen sich rasch und unangenehm bemerkbar. „Beginnt es in den Beinmuskeln zu ‚brennen‘, ist das ein Zeichen, dass sie zu stark beansprucht werden. In dem Fall genügt es aber meist, eine kurze Pause von fünf Minuten einzulegen. Das kann auch die nächste Liftfahrt sein. Tritt das Brennen in den Muskeln wieder auf, rate ich zu einer längeren Pause, eine Rast in einer Hütte ist bestens geeignet.“ Rebellieren hingegen überlastete Wadenmuskeln, spürt das der Wintersportler meist nicht als Brennen, sondern als einen unangenehm schmerzhaften Wadenkrampf. „Ein Alarmsignal, das unbedingt zur Pause führen sollte. Die Schier abschnallen, ein paar Schritte gehen und dann pausieren. Auch hier rate ich, viel zu trinken.“

Es kribbelt in den Füßen

Ähnlich unangenehm ist ein „eingeschlafener“ Fuß, der im Schischuh kribbelt und den Genuss der Abfahrt deutlich stört. „Dieses Problem kann zwei Ursachen haben. Die erste ist ein zu eng geschnallter Schischuh. Hier empfehle ich, die Schnallen am Rist oder die erste Schnalle über dem Knöchel zu lockern, damit sich die Blutzufuhr in den Fuß wieder normalisiert. Eine andere Ursache kann eine Fehl-Belastung des Fußes sein, ausgelöst durch eine falsche Technik. Dabei steht der Fuß nicht mittig auf dem Schi, auf den Zehen und der Ferse lastet zu viel Druck. Der Fuß wird ‚taub‘, es können sogar Krämpfe auftreten. In dem Fall den Fuß entlasten, damit sich die Verkrampfung löst. Das geht am besten, indem die Zehen im Schischuh angehoben werden. Ich rate, in keinem der beiden Fälle den Schischuh auszuziehen, weil es nichts bringt. Dazu geht die Wärme im Schuh verloren. Wer in der Hütte die Schischuhe auszieht, dem kann passieren, dass er nachher nicht mehr hineinpasst, weil die Füße durch das Sitzen angeschwollen sind.“

Atemnot auf der Piste ernst nehmen

Ein ungewöhnliches, aber nicht minder alarmierendes Signal ist die Atemnot. „Sie tritt bei Menschen auf, die mit der Höhe nicht gut zurechtkommen. Schifahrer, die sich mit dem Atmen in höheren Lagen schwer tun, sollten unbedingt auf Pisten in tiefere Lagen wechseln, denn bei Atemnot benötigt der Körper zu viel Energie für das Atmen, die dem Schifahrer schnell an seine Leis-
tungsgrenze bringen würde.“

In manchen Fällen ist es aber das Beste, die Schier abzuschnallen und den Schitag abzubrechen. „Das ist dann angebracht, wenn Schwindel oder eine allgemeine körperliche Schwäche auftritt, aber auch emotionale Ausnahmesituationen gehören dazu, sei es, weil Sie gestürzt sind, es zu einem Streit oder einem anderen Vorfall auf der Piste gekommen ist. Wer emotional aufgewühlt ist, sollte nicht fahren. In so einem Fall ist es besser, zum eigenen, aber auch zum Schutz der anderen den Schitag abzubrechen und etwas anderes zu tun. Es kommt natürlich auch vor, dass die Lust aufs Schifahren plötzlich vergeht“, vergisst der Experte nicht zu erwähnen und gibt noch eine „Goldene Pistenregel“ mit auf den Weg.

„Diese Regel unter Schifahrern lautet, ‚Die letzte Abfahrt wird ausgelassen‘. Dieser Verzicht mindert in keinster Weise das herrliche Erlebnis des Schitages, schützt aber in vielen Fällen vor bösen Verletzungen.“
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