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Ausgabe Nr. 5/2018 vom 30.01.2018, Fotos: F1 online, fcg, Gert Steinthaler
Das Mobiltelefon ist mit schuld, Schüler werden aggressiver.
Thomas Krebs, Wiener Lehrervertreter:
„Die Anzahl der Übergriffe wird häufiger und nicht mehr tabuisiert.“
Stefan Sandrieser,
GÖD-Vorsitzender Kärnten:
„Strafen bringen in Wirklichkeit nichts. Sie führen eher zu einem Vertrauensverlust.“
Attacken auf Lehrer nehmen zu
Lehrer schlagen Alarm. Immer öfter werden die Pädagogen Opfer von Beschimpfungen, aber auch körperlichen Angriffen in der Klasse. Noch sind es Einzelfälle. Aber die Gewalt-Hemmschwelle der Kinder und Jugendlichen sinkt.
Schimpfworte sind in unseren Klassenzimmern schon fast an der Tagesordnung, aber auch körperliche Attacken gegen Lehrer nehmen zu. „Es kann sein, dass ein Lehrer einfach in die Schusslinie gerät, wenn sich ein Schüler nicht mehr im Griff hat“, weiß der Wiener Pflichtschulgewerkschafter Thomas Krebs. „Und es geht bis hin zu Fällen, bei denen gezielt gegen eine Kollegin oder einen Kollegen Gewalt ausgeübt wird.“ Erst kürzlich hat er mit einem Lehrer gesprochen, dem ein Schüler einen Handknochen gebrochen hat. Wohl absichtlich. Und er erzählt von einem anderen Kollegen, der es nach einem heftigen tätlichen Angriff nie wieder geschafft hat, eine Klasse zu betreten.

„Die Anzahl der Vorfälle und Übergriffe wird häufiger und nicht mehr tabuisiert“, erklärt der Hauptschul-Lehrer Krebs. Die Pädagogen wehren sich gegen die zunehmende Gewalt in unseren Schulen.

Offizielle Zahlen zu Übergriffen gegen Lehrer gibt es bei uns nicht. Eine deutsche Studie hat ergeben, dass jeder vierte Lehrer schon einmal Opfer von Beschimpfungen, Drohungen oder Belästigungen war. Urheber solcher Angriffe waren in erster Linie Schüler, gefolgt von Eltern.
Jeder 17. Pädagoge in unserem Nachbarland wurde schon einmal körperlich angegriffen. Fast alle dieser Attacken passierten durch Schüler.

„In der überwältigenden Mehrheit der Klassen kommt so etwas nicht vor“, beruhigt der Christgewerkschafter Thomas Krebs. „Das sind Einzelaktionen.“ Aber wenn, dann stammen die Kinder oft aus einem Elternhaus, in dem verbale und körperliche Gewalt an der Tagesordnung sind. Das sind einheimische Kinder ebenso wie Kinder „mit Zuwanderungs- und Flüchtlingsvergangenheit, die zum Teil aus Regionen der Welt kommen, in denen Gewalt einfach an der Tagesordnung ist.“

Einen Unterschied zwischen Stadt und Land gibt es nicht. Bei den Tiroler Pflichtschullehrer-Vertretern sind zwar keine aktuellen Fälle bekannt, aber „die Hemmschwelle der Schüler ist sicher gesunken, auch hinsichtlich der Gewaltbereitschaft gegenüber Lehrern“.

Neun von zehn Lehrern glauben, dass es heute schwieriger ist zu unterrichten als früher, hat eine Umfrage im Herbst ergeben. Eine Mitschuld geben sie dem Internet, den sozialen Netzwerken und dem Telefon, das immer dabei ist. Statt mit den Eltern oder miteinander zu reden, sitzt der Nachwuchs vor dem Bildschirm.

„Die Schüler werden aggressiver“, sagt Stefan Sandrieser, der Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) in Kärnten. „Es ändern sich die Einflüsse, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen unsere Kinder großwerden und aufwachsen. Das hat mit den sozialen Medien, aber auch den veränderten Familienstrukturen zu tun.“ Beschimpfungen, sexistische Äußerungen, aber teils auch körperliche Gewalt nehmen „beängstigend stark“ zu.

Der sozialdemokratische Lehrervertreter will mehr Unterstützungspersonal und verstärkte psychologische Betreuung in den Schulen. „Dass Jugendliche ab und zu Grenzen übertreten, ist normal, trotzdem dürfen vulgäre Beschimpfungen und sogar Übergriffe von Schülern auf Lehrer nicht zur Tagesordnung gehören.“

Von Disziplinarmaßnahmen hält Sandrieser nichts. „Das scheint ein einfacher Weg zu sein, aber Strafen bringen in Wirklichkeit nichts. Strafen führen eher zu einem Vertrauensverlust. Und wenn zwischen Lehrern und Schülern kein Vertrauen mehr da ist, geht gar nichts mehr.“

Keine Strafen, aber mehr Handhabe etwa bei Übergriffen gegen Schüler oder Lehrer wünscht sich Herbert Weiß, der Vorsitzende der AHS-Gewerkschaft. „Wenn es keine Sanktionen gibt, haben Regeln relativ wenig Wert für die Kinder“, sagt der Mathematiklehrer. Statt zahnloser Verhaltensvereinbarungen bräuchte es tatsächliche Konsequenzen, etwa dass Jugendliche einen Sozialdienst in der Schule leisten müssen.

Es sind nicht nur die Lehrer, die unter aggressiven Schülern leiden. Die Klassenkollegen betrifft es oft noch viel mehr.

Aber wenn sie Pädagogen attackieren, „wird aufgrund von Scham manches unter den Tisch gekehrt“, sagt der Wiener Lehrer-Vertreter Thomas Krebs.

„Wenn jemand so eine Situation erlebt, wird oft unterstellt, er habe die Situation provoziert, sich falsch verhalten. Selten gibt es das Verständnis, du bist als Lehrer tatsächlich zum Opfer geworden.“
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