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Ausgabe Nr. 03/2018 vom 16.01.2018, Foto: Daniel Raunig
Eltern sind bereit für Nachhilfeunterricht zu zahlen.
Der Zwang zu guten Noten
Wegen schlechter Noten oder übertriebenem Ehrgeiz – immer mehr Eltern schicken ihre Kinder zur Nachhilfe und geben dafür mehrere hundert Euro im Monat aus. Mitverursacher von Nachhilfestunden ist auch das Schulsystem mit den überlasteten Lehrern.
Ach, das waren noch Zeiten, als der Schulunterricht genügte, wie das Lernen daheim, um mit halbwegs guten Noten das Jahr zu bestehen. Doch unsere Schule ist in die Krise geschlittert. Langsam, über die Jahre hinweg. Vom Lehrermangel einmal abgesehen. Da durch den Flüchtlingsansturm der vergangenen Jahre immer mehr Kinder in den Klassenzimmern sitzen, die unsere Sprache nur schlecht bis gar nicht beherrschen, sank das Niveau an vielen Schulen. Es entwickelte sich eine Art Paralleluniversum auf dem Schulsektor. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder zur Nachhilfe. Selbst wenn keine Gefahr besteht, einen „Fleck“ im Zeugnis zu haben. Doch Wissen ist gut fürs schulische und berufliche Weiterkommen.

Der zwölfjährige Aldin Moser ist ein guter Schüler. Sein Zeugnis besteht aus Einsern und Zweiern, nur in Mathematik hat er einen Dreier. „Aber auch in diesem Gegenstand werde ich es noch schaffen, mich zu verbessern“, ist der Bub überzeugt. Denn obwohl er weit entfernt davon ist, sitzen zu bleiben, geht er, seit er die erste Klasse der Neuen Mittelschule in Klagenfurt (K) besucht, wöchentlich zum privaten Nachhilfeunterricht. Das ist nicht nur sein Wunsch, sondern auch der seiner Eltern, die dafür tief in die Tasche greifen und monatlich 400 Euro ausgeben. Ein stattlicher Betrag, der aber gut angelegt sei, wie seine Mutter erklärt. „Ich investiere in die Zukunft meines Sohnes, damit er später einmal eine gute Arbeit findet. Schließlich muss er im Beruf auch Leistung zeigen. Und Noten sind ein guter Gradmesser dafür, ob jemand erfolgreich ist oder nicht. Schon in der Volksschule wurde Aldin für gute Noten belohnt, indem wir ihm Sachen gekauft haben, die er sich für Sport und Freizeit gewünscht hat. Er schießt etwa gerne mit dem Bogen, also bekam er auch die Ausrüstung dafür. Gute Noten sind schließlich eine Motivation für die Kinder“, ist Alma Moser überzeugt. Doch damit Schüler mit ausgezeichneten Zeugnisnoten glänzen können, investieren die Eltern für Nachhilfeunterricht viel Geld. Im Vorjahr waren es offiziell 103 Millionen Euro. Da Lehrer oder Studenten nebenbei „schwarz“ Nachhilfeunterricht geben, werden die Ausgaben auf gut 200 Millionen Euro geschätzt. Etwa 226.000 Kinder nahmen Nachhilfe in Anspruch. Diese Zahl beinhaltet sowohl Volksschüler, Schüler der Neuen Mittelschule, der Allgemein bildenden höheren Schule und der Berufsbildenden Schule.

Ein Zustand, den Rudi Kaske, Präsident der Arbeiterkammer Wien, kritisch sieht. „Lernen und Üben müssen in der Schule stattfinden. Weder die Eltern noch die Nachhilfeinstitute sollen die grundlegende Aufgabe der Schule übernehmen. Entweder für Nachhilfe zahlen oder den Schulerfolg der Kinder riskieren – das kann nicht die Alternative sein“, meint Kaske, der die Lösung des Problems in „hochwertigen Ganztagsschulen und regelmäßigem Förderunterricht“ sieht.

Claudia Eisendle, die den „StepByStep – Lerntreff“ in Velden am Wörthersee (K) leitet, berichtet von „verzweifelten Schülern“, die in ihr Lerninstitut kommen. „In den vergangenen Jahren hat der Bedarf an Nachhilfeunterricht deutlich zugenommen. Viele Schüler berichten mir, dass die Lehrer keine Geduld mehr aufbringen und auch keine Zeit haben, den Unterrichtsstoff anständig zu erklären. Sie sagen auch, wenn sie bei den Lehrern nachfragen, weil sie etwas nicht verstanden haben, würden sie nur dumme Antworten bekommen. Doch die Schüler wollen etwas lernen und sich verbessern und sie finden auch Noten wichtig. Wir haben nur ganz wenige Schüler, die auf einem ,Nicht Genügend‘ stehen. In erster Linie unterstützen wir Schüler, die ihre guten Noten halten möchten oder sich um eine Note verbessern wollen. Und das nicht nur in Hauptgegenständen wie Mathematik oder Deutsch. Nachhilfebedarf ist auch in Informatik, Chemie, Physik oder Rechnungswesen gegeben. In Spitzenzeiten verzeichnen wir im Monat 200 Einheiten. Eine Einheit dauert bei uns 90 Minuten und kostet den Schüler 40 Euro.“

Eltern sind aber nicht nur bereit, für Nachhilfeunterricht zu zahlen, sondern stecken ihre Kinder immer häufiger in Privatschulen. Die meisten Privatschulen müssen bereits Interessenten abweisen, weil der Andrang zu groß ist. An den Montessorischulen de La Tour in Treffen (K) und Klagenfurt beispielsweise gibt es lange Wartelisten. „Eltern, deren Kinder erst zwei Jahre alt sind, lassen sich für unsere Schule bereits vormerken. Die Eltern schätzen bei uns die persönliche Ansprache und es gibt auch ein bilinguales Angebot in allen Schulstufen von Deutsch und Englisch mit zwei Lehrkräften in den Klassen“, sagt die Klagenfurter Schulleiterin Hemma Holler-Bucher. Das kostet 282 Euro im Monat und das zwölf Mal im Jahr. Wünschen die Eltern eine zusätzliche Nachmittagsbetreuung, kommen monatlich noch einmal 80 Euro dazu. Ein Angebot, das sich nur Besserverdiener leisten können. Oder wenn Verwandte mitzahlen. „Wir haben auch Fälle, in denen das Schulgeld von den Großeltern oder anderen Familienangehörigen mitfinanziert wird“, sagt Holler-Bucher, die sich mit dem türkis-blauen Regierungsplan, die Vergabe von Noten in den Volksschulen wieder zur Pflicht zu machen, nicht anfreunden kann. „Ich habe zehn Jahre an einer normalen Volksschule unterrichtet und kann im Vergleich zu notenfreien Montessorischulen sagen, dass Kinder keine Noten brauchen, um etwas zu lernen und Ehrgeiz zu zeigen.“
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