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Ausgabe Nr. 2/2018 vom 09.01.2018, Fotos: duty
Wärmestuben haben in Wien immer mehr Zulauf.
Jeden Mittwoch öffnet Josef Novotny die Pforten der Wärmestube.
Theresia Schaden beim Anrichten des Buffettisches.
Hier gibt‘s für jeden ein bisschen Wärme
Obwohl wir in einem der reichsten Länder der Erde leben, müssen Menschen im Winter frieren. Um ihre Not zu lindern, hat die Caritas gemeinsam mit den Pfarren in der Bundeshauptstadt 24 Wärmestuben eingerichtet. Dort finden sie nicht nur vor der Kälte Schutz, sondern werden auch mit kostenlosem Essen und Getränken versorgt.
Die Hühnersuppe mit Frittaten oder mit Nudeln?“, fragt Magdalena Polly ihren Gast. „Mit Frittaten“, antwortet dieser dankbar mit einem freundlichen Lächeln. Der nicht so aussieht, als könnte er sie bezahlen. Mit einem etwas verwilderten Bart, schütterem und ungekämmtem Haupthaar, dunklen Rändern unter den Fingernägeln und einer verschlissenen Jacke sitzt der Mann gebeugt an dem Tisch. Aber bezahlen muss er nicht, denn er ist ja kein Gast in einem Restaurant und Polly ist keine Kellnerin. Die 62jährige ist ehrenamtliche Helferin in der Pfarre am Leopoldauer Platz im 21. Wiener Gemeindebezirk. Dort befindet sich eine Wärmestube der Caritas, in der sich in der Bundeshauptstadt Bedürftige aufwärmen können und etwas zu essen bekommen. Und weil es davon immer mehr werden, hat die Caritas in diesem Jahr die Zahl dieser Plätze von 22 auf 24 erhöht.

„Zwischen den Feiertagen ist hier etwas weniger los“, sagt Josef Novotny, während er das kalte Buffet mit verschiedenen Wurstsorten, Brotscheiben, Mehlspeisen und Obst auffüllt, an dem sich die etwa zehn Besucher am späten Vormittag schon gelabt haben. „Aber es gibt Tage, da ist jeder Tisch voll und es sitzen 30 Menschen da.“ Der 75jährige Pensionist gehört ebenfalls dem vierköpfigen Team von Freiwilligen an, die einmal in der Woche in dem ehemaligen Gutshof für jene Menschen da sind, mit denen es das Leben nicht gut gemeint hat. Nicht nur das Ausschenken von alkoholfreien Getränken und Kaffee, das Wärmen von Speisen, das Abräumen und Abwaschen werden von ihm und seinen drei Kolleginnen erledigt. „Wir sind auch so etwas wie ‚nicht antwortende Beichtstühle‘“, schmunzelt Novotny. „Die meisten unserer Besucher sind dankbar, wenn sie im Warmen sitzen können und jemanden zum Reden haben.“

Es sind bei Weitem nicht nur Unterstandslose, die hier ihre Zeit verbringen. Viele von ihnen sind Menschen, die sich ihr ohnehin anspruchsloses Leben nicht mehr finanzieren können. Wie beispielsweise Resi, die aus Scham nicht ihren vollen Namen nennen will. „Ich habe vor zwei Jahren meine Arbeit als Verkäuferin verloren“, erzählt die 51jährige. „Ich suche zwar Arbeit, aber in meinem Alter etwas zu finden, ist fast unmöglich.“ Jetzt lebt sie von 700 Euro Notstandshilfe, wovon ihr nach Abzug der Miete noch 400 Euro zum Leben bleiben. „Um Heizkosten zu sparen, bin ich etwa drei Mal in der Woche in einer der Wärmestuben, am Mittwoch immer hier am Leopoldauer Platz.“

Mag sein, dass es vielen Menschen in unserem Land immer besser geht. Diejenigen, die hier sitzen, gehören mit Sicherheit nicht dazu. Auch Rudolf, der mit Resi an einem Tisch sitzt, ist einer von ihnen. Der 65jährige hat 17 Jahre als Florist gearbeitet. „Bis der Chef mir gesagt hat, dass er mich nicht mehr braucht.“ Dann kam es, wie es in solchen Fällen oft kommt. Rudolf war zu stolz, um für Arbeitslosenunterstützung anzusuchen, verlor seine Wohnung und stand plötzlich auf der Straße. „Zehn Jahre hab‘ ich im Winter unter Brücken geschlafen“, erzählt er. „Aber gebettelt hab‘ ich nie in meinem Leben.“ Rudolf konnte sich wieder erfangen, lebt jetzt von einer kleinen Pension und hat auch wieder eine Wohnung. In die Wärmestube der Caritas kommt er vor allem, um Kaffee zu trinken. „Den kaufe ich mir nicht mehr. Um das, was ein Viertel Kilo Kaffee kostet, bekomme ich fünf Kilo Erdäpfel.“ Obwohl er jeden Cent umdrehen muss, ist der 65jährige zufrieden. „Mir geht eigentlich nichts ab. Ich treffe hier echte Freunde und wir teilen das Wenige, das wir haben“, sagt Rudolf und drückt dabei Resis Hand mit einem warmen Blick.

Ist der Beweggrund der Besucher in der Wärmestube eindeutig, haben auch die Helfer ein klares Motiv. „Etwas für Menschen zu tun, denen es nicht so gut geht“, sagt etwa Theresia Schaden. Die Schauspielerin und Kabarettistin hilft an diesem Tag zum ersten Mal in der Wärmestube aus, ist aber nicht zum ersten Mal karitativ tätig. Schaden engagiert sich in den Lebensmittelausgabestellen „LeO“ der Caritas. „Ich kann meinen beiden Kindern nur dann Werte vermitteln, wenn ich sie auch lebe“, sagt die 48jährige.

Dass es manchmal auch Menschen gibt, die das Engagement der Helfer und Spender (immerhin werden Lebensmittel im Wert von etwa 300 Euro am Öffnungstag bereitgestellt) ausnützen, kann an deren Bereitschaft, Gutes zu tun, nichts ändern. „Einmal ist ein Mann mit zwei Jagdhunden hereingekommen und hat sich den Bauch vollgeschlagen“, erinnert sich Novotny. „Als er gegangen ist, hab‘ ich gesehen, wie er sich in einen großen SUV gesetzt hat.“ Möglicherweise hat der Mann gehört, was ihm Novotny nachgerufen hat, denn er wurde nicht mehr wiedergesehen: „Bringen‘s das nächste Mal halt ein paar Bananen mit.“

Die Wärmestube der Pfarre Leopoldau hat bis 21.3. jeden Mittwoch von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet.
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