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Ausgabe Nr. 2/2018 vom 09.01.2018, Fotos: Michael Petersohn, Universal Music
V. l.: Rick McPhail, Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank.
In die Unendlichkeit geht‘s ab 26. Jänner.
Unendlich begeistert von Mumien und Monstern
Persönliche Inhalte hatten die Lieder der deutschen Band „Tocotronic“ schon immer. Derart tiefgründig wie die zwölf Stücke auf dem neuen Werk „Die Unendlichkeit“ waren sie aber noch nie. Vor allem der Frontmann und Texter Dirk von Lowtzow, 46, hat tief in seiner Seele gekramt. Der WOCHE-Reporter Steffen Rüth hat ihn dazu befragt.
Fällt es Ihnen leicht, aus Ihrem Leben zu erzählen, Herr von Lowtzow?
Ich habe die Arbeit an diesem Album nicht als unlösbare Aufgabe gesehen. Mich hat es eher befreit, durch diese Tür zu gehen. Zu sagen, „das wird jetzt ein autobiographisches Album“, hat meine Kreativität beflügelt und viel in mir in Gang gesetzt. Ich wollte mich mit einfachen Worten, ohne Umwege und ungepanzert mitteilen. Das knappe Jahr, in dem wir intensiv an den Liedern gearbeitet haben, war für mich gewinnbringend.

Das Album ist chronologisch aufgebaut, es reicht von der Kindheitserinnerung „Tapfer und grausam“ über das sexuelle Erwachen „Electric Guitar“ bis zur Zukunftsutopie „Mein Morgen“. War das auf diese Weise geplant?
Meine Hoffnung ist, dass die Menschen dieses Album hören können, als würden sie einen Roman lesen. Weil es eine Geschichte dahinter gibt.

Haben Sie beim Schreiben der Texte neue Erkenntnissse über sich selbst gewonnen?
Ich bin kein nostalgischer Mensch. Ich habe zum Beispiel keine Fotos von mir aus der Kindheit, es gibt kein Arsenal an Erinnerungen, auf das ich zurückgreifen könnte. Insofern war es interessant, einen Blick auf meine Vergangenheit zu werfen und zu schauen, was mir im Gedächtnis geblieben und was davon mitteilungswürdig im Sinne der Popmusik ist. Über meinen ersten Schultag musste ich jetzt keinen Song schreiben.

Sondern lieber über Ihre erste elektrische Gitarre in „Electric Guitar“. Sie singen in dem Lied über „Sex und Drogen im Elternhaus“. Kam mit der Gitarre das Selbstbewusstsein?
Ja, klar. Ich kannte diese Art des Ausdruckes vorher nicht. Und dann entdeckte ich in der frühen Pubertät Pop- und Rockmusik, und diese Musik spielte schnell eine große Rolle in meinem Leben. Mit der Gitarre konnte ich Krach machen. Das gab mir Selbstsicherheit und das Gefühl von Freiheit. Es war die Zeit der erwachenden Sexualität.

Was war wichtiger: Sex, Apfelschnaps oder Musik?
Irgendwie alles zusammen. Deswegen heißt es ja auch „Sex & Drogen & Rock ‘n‘ Roll“. Zur Popmusik gehört eine Überschreitung, sich was zu trauen. Gerade wenn du diese Musik als Jugendlicher hörst, wirst du ausgelassen und richtiggehend aufgeputscht.

Dazu passt das Lied „Tapfer und grausam“ gut. In dieser musikalischen Kindheitserinnerung geht es um ein Karussell. Das Lied hat textlich und melodisch eine äußerst düstere Note …
Oh ja. Der Jahrmarkt hat mich als Kind wahnsinnig angezogen. Das war in den Siebzigern eine fremde und bizarre Welt, auch ein bisschen zwielichtig. Ich stand gern beim Autodrom und habe mir die Rocker angesehen. Ich wollte als Kind auch Rocker sein. Ich hatte sogar einmal eine Jacke mit aufgenähten Totenköpfen drauf. Dieses ganze Ambiente auf dem Jahrmarkt, das hat etwas leicht Gruseliges, Angsteinflößendes. Für uns vier von „Tocotronic“ gilt: Wir waren als Kinder begeistert von Gespenstergeschichten, Gruselcomics, Mumien, Mons-
tern und Mutationen.

Haben Sie als Teenager gern provoziert?
Natürlich. Mit 16 Jahren hatte ich einen Hang zu modischen Extravaganzen. Das war die Zeit der New Romantic Bands, und sexuelle Ambivalenz spielte eine große Rolle. Ich denke da an Boy George oder an David Bowie. Ich habe mich oft vorm Spiegel zurechtgemacht wie meine Helden.

Sie wurden damals als „Schwuchtel“ bezeichnet. Hat Sie das hart getroffen?
Manchmal war es bedrohlich, aber die Fußgängerzone einer westdeutschen Kleinstadt wie Offenburg, wo ich aufgewachsen bin, ist nun einmal ein Laufsteg. Wo soll ich mich sonst zeigen, wenn nicht da? Ich habe die Provokation auch gesucht und durchaus Genuss aus der Beachtung gezogen.
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