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Ausgabe Nr. 52/2017 vom 26.12.2017, Fotos: duty
Erwin Perzy und seine Bleigussartikel.
Mit einer selbst entwickelten Maschine fertigt der Werkzeugmacher die Bleifiguren.
Perzy fertigt nicht nur Bleigussartikel.
Auch jede erdenkliche Art von kleinen Glücksbringern kommt aus seiner Produktion.
Bleigießen nach Wiener Original
Das Bleigießen, wie wir es heute kennen, erfand um die Jahrhundertwende der Wiener Erwin Perzy. Noch heute fertigt sein Enkerl die Bleigussartikel in seinem Wiener Familienbetrieb. Dass wir den beliebten Brauch in dieser Form heuer zum letzten Mal so begehen, verdanken wir einer neuen EU-Regelung.
So hat mein Großvater die ersten Stollen gegossen“, sagt Erwin Perzy, vor einem kleinen Ofen stehend, in dem eine zylinderförmige Vertiefung eingelassen ist. „Darin hat er das Blei erhitzt, bis es flüssig war“, erklärt der 61jährige. Dann nimmt Perzy eine Art Zange, an deren Ende eine Gussform angebracht ist und kippt ein wenig von dem 300 Grad heißen Material in die Form. Als er nach wenigen Sekunden die Zange öffnet, schimmert darin silbrig ein etwa daumengroßes Gebilde, das wie ein Würfel aussieht, dem eine kleine Pyramide aufgesetzt wurde. „So haben damals die Stollen ausgesehen, die an den Hufeisen der Kutschenpferde angebracht waren“, erklärt der Wiener. „Sie galten als Glückssymbol.“

Großvater Perzy formte das Blei für seine Schwestern, das sie das Jahr über aus erlegtem Wild sammelten, zum silvesterlichen Bleigießen. Und machte daraus eine Geschäftsidee. Die sich so gut entwickelte, dass sein Enkerl nahezu alle Bleigussartikel, die in unserem Land zu Silvester eingeschmolzen werden, herstellt.

Aber natürlich nicht mehr in einem kleinen Ofen, sondern in einer Hohlguss-Maschine, die Erwin Perzy, ein gelernter Werkzeugmacher, selbst entwickelt hat. Ebenso wie die Gussformen. Denn, wie wir alle wissen, es gibt diese Figürchen nicht nur in Form des Stollen, sondern als Laternen, Fässer, Humpen, Schweinchen, Kuhglocken und vieles mehr. Und auch das Blei hat Zusätze bekommen. Es ist eine Legierung aus Blei, Zinn und Antimon, wodurch die Flusseigenschaften gesteigert werden und das Material schneller schmilzt. Warum wir dann trotzdem manchmal so lange brauchen, bis sich das Material im Löffel verflüssigt, weiß Enkerl Perzy. „Weil es viele falsch angehen. Am besten wird die Figur mit der Öffnung nach unten auf den Schmelzlöffel gestellt“, erklärt der 61jährige in seinem Geschäft in der Schumanngasse im 17. Wiener Gemeindebezirk. „Dann hat das Blei guten Kontakt zum Löffel. Die Wärmeleitung funktioniert so am besten.“ Aber es gibt noch einen Effekt. „Da die Figuren ja hohl sind und die Öffnung zum Löffelboden gerichtet ist, staut sich im Inneren die Hitze.“ Das nützt aber wenig, wenn der Löffel an die falsche Stelle der Kerzenflamme gehalten wird. „Die befindet sich etwa fünf Millimeter oberhalb der Flammenspitze“, weiß Perzy.

Sorgt das Bleigießen für kurzweiligen Spaß, ist die Erzeugung eine Angelegenheit, die seine Firma das ganze Jahr beschäftigt. „Wir fangen im Jänner an, für Silvester 2018 zu produzieren.“ Insgesamt etwa 1,5 Millionen Stück Bleigussartikel erzeugt der Familienbetrieb. „Die ersten werden im Juni ausgeliefert.“

Dass es in diesem Jahr nur etwa 500.000 Stück waren, verdankt Perzy einer neuen EU-Regelung. Ab 1. Jänner 2018 darf kein Blei mehr in den „Bleigussartikeln“ zu finden sein. „Da will in diesem Jahr natürlich noch jeder Händler seine Lagerbestände leeren, beziehungsweise weniger Ware kaufen, weil er sie sonst entsorgen lassen muss.“ Neben dem Umsatzrückgang verursacht die neue Regelung auch Arbeit. „Ich muss die ganze Maschine zerlegen und von den Bleirückständen befreien.“ Auch wenn nur noch wenig Blei in der bisher verwendeten Legierung vorhanden ist, werden auch die Konsumenten die Veränderung bemerken. Das Material wird schneller schmelzen. „Weil Zinn einen niedrigeren Schmelzpunkt hat“, sagt Perzy. Das war die gute Nachricht. Jetzt die schlechte: „Zinn ist etwa zehn Mal teurer als Blei.“ Damit die Kunden möglichst wenig davon spüren, will sich der Tüftler noch etwas einfallen lassen. „Vielleicht mache ich die Wandstärke der Figuren dünner, oder es wird ein Stück weniger im Sackerl sein.“

Wie er es schließlich angehen wird, um das Problem zu lösen, steht noch in den Sternen. Zum Testen hatte Perzy noch wenig Gelegenheit, zur Zeit ist er mit den Auslieferungen beschäftigt. Denn der Familienbetrieb erzeugt nicht nur die Bleigussfiguren für Silvester. Vieles, was auf den kleinen Standeln zu kaufen ist, die in den Tagen vor dem Jahreswechsel überall zu finden sind, wird von dem kleinen Betrieb mit 15 Mitarbeitern hergestellt. Die kleinen Glücksbringer aus Plastik für die Brieftasche, die Schweinderln, Rauchfangkehrer, Fliegenpilze und Kleeblätter stammen nicht etwa aus China. Sie kommen bei Perzy aus den Spritzgussmaschinen, die auch in der Schumanngasse stehen. Noch dazu umweltschonend. „Wir verwenden Kunststoff, der bei anderen Firmen als Abfall anfällt und schroten ihn zu kleinem Granulat“, erklärt er und zeigt die kleinen Kügelchen, die sein Ausgangsmaterial für die mehr als 1.000 Artikel sind, die er auf Lager hat.

Wer also zu Silvester seine Liebsten mit diesen kleinen Glücksbringern beschenkt und aus geschmolzenem Blei seine Zukunft orakelt, unterstützt damit eine Betrieb aus unserem Land. Warum sich der 61jährige bisher gegen die Konkurrenz aus Fernost durchgesetzt hat, liegt auch an seinem Einsatz für seine Kunden. Wann Perzy zuletzt den Jahreswechsel gefeiert hat, weiß er nicht mehr. „Zu Silvester haben wir Notdienst. Wenn einem Standler die Ware ausgeht, kann er sie auch noch am 31. Dezember abholen. Oder wir liefern sie ihm“, lacht Perzy.
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