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Ausgabe Nr. 51/2017 vom 19.12.2017, Fotos: Diözese Innsbruck/Paplé, Sonntagsblatt/Ivo Velchev
Der neue Innsbrucker Bischof Hermann Glettler
Den Kunstvirus kann er „nicht abschütteln“. Hermann Glettler vor einem seiner Werke.
„Es gibt eine wachsende seelische Obdachlosigkeit“
Hermann Glettler, 52, wusste schon als Kind, dass er Pfarrer werden will. Jetzt hat der Steirer die Diözese Innsbruck übernommen. Im Gespräch mit der WOCHE-Redakteurin Bibiana Kernegger erzählt er von seinem Weihnachtsfest, was Kunst für ihn bedeutet und wie viel er Bettlern gibt.
Herr Bischof Glettler, Sie sind erst vor ein paar Wochen in das Innsbrucker Bischofshaus eingezogen. Wie feiern Sie dort heuer Weihnachten?
Da der 24. Dezember heuer auf einen Sonntag fällt, werde ich am Vormittag in der Benediktinerabtei Fiecht sein und am Nachmittag verschiedene Sozialeinrichtungen in der Landeshauptstadt besuchen. Ich möchte gerade an diesem Tag jenen Aufmerksamkeit schenken, die es im Leben schwer haben und kein idyllisches Fest erleben. Abends werden wir im kleinen Kreis im Bischofshaus den Heiligen Abend feiern. Die Christmette zelebriere ich um 23 Uhr in einer Dorfkirche im Stubai.

Warum nicht in Innsbruck?
Weil das hier schon eine gute Tradition ist. Der Bischof ist für die Mette immer irgendwo auswärts, um die Priester zu unterstützen, die ja in der Heiligen Nacht nicht an mehreren Orten sein können. Das Hochamt am Christtag feiere ich im Dom.

Lassen Sie irgendwelche Traditionen, die Sie noch von zuhause begleiten, jetzt wieder aufleben?
Das Räuchern, wie ich es in meiner Kindheit am Bauernhof erlebt habe, gibt es als Brauchtum auch in Tirol. Man geht mit Weihwasser und Weihrauch durch alle Wohnräume, auch in den Stall und durch die Wirtschaftsräume, um den Segen Gottes zu bringen. Der Weihrauch ist ein starkes, sinnliches Zeichen. So wie der Rauch soll Gottes Gegenwart jeden menschlichen Lebensraum erfüllen.

Für viele ist Weihnachten nur noch ein Brauchtumsfest. Die christliche Bedeutung ist oft verlorengegangen. Tut Ihnen das weh?
Ja, das tut weh. Aber ich schätze das Brauchtum in seiner vielfältigen Form. Gerade hier in Tirol ist es ein großer kultureller Schatz. Das Brauchtum ist so etwas wie eine Handlungsanleitung für ganz besondere Zeiten und Anlässe. Viele greifen auf diese Vorgaben zurück, auch wenn ihnen ein persönlicher Glaubensbezug fehlt. Aber wenn zu Weihnachten nicht mehr sichtbar wird, dass wir die Geburt Jesu feiern, dann ist das schönste Brauchtum bloß ein äußerlicher Aufputz.

Nur noch jeder zehnte Katholik geht am Sonntag zur Messe. Zu Weihnachten aber sind die Kirchen voll. Ist das scheinheilig?
Das finde ich nicht. Das wäre eine Unterstellung. Es zeigt, dass die Menschen doch eine Sehnsucht nach dem Heiligen, meist sogar eine Sehnsucht nach Gott in sich tragen. Vielleicht ein Heimweh nach Gott. Zumindest bei den großen Festen kommt dies zum Ausdruck. Inmitten unserer ungeduldigen Wohlstandsgesellschaft gibt es eine wachsende seelische Obdachlosigkeit. Viele sind innerlich nicht mehr zu Hause. Zuhause ist man dort, wo man ohne Erklärung sein darf. Beim Kind von Betlehem darf jeder Mensch ankommen und einfach da sein. Gott umarmt jeden ganz persönlich. Das ist die tiefe, wertvolle Erfahrung des Weihnachtsfestes.

In der Innsbrucker Altstadt gibt es seit Kurzem ein Nächtigungsverbot. Geben Sie Bettlern etwas?
Der erste Bettler bekommt zwei Euro, das ist meine pragmatische Regel. Dadurch muss ich nicht lange mit mir diskutieren, ob ich etwas gebe oder nicht. Zusätzlich versuche ich Einrichtungen zu unterstützen, die professionell Hilfe anbieten und Armut bekämpfen. Das kann übrigens jeder tun. Ich möchte ermutigen, sich persönlich für Notleidende zu engagieren, auch finanziell. Damit wird unsere Welt eine Spur gerechter. Aber auch in der unmittelbaren Nachbarschaft gibt es viele Möglichkeiten, sich nützlich zu machen und zu helfen.

In Graz waren Sie als Künstlerpfarrer bekannt. Was bedeutet denn Kunst für Sie?
Kunst ist für mich mehr als ein Hobby. Sie ist eine Schule, um das Leben in seiner ganzen Bandbreite intensiver wahrzunehmen. Kulturschaffende können in die Fragestellungen der Zeit tiefer eintauchen. Sie spitzen Themen zu, verdichten. Auf der anderen Seite ist Kunst eine Daseinserleichterung, oft eine freche, nicht selten auch eine ironische Brechung der Wirklichkeit. Kunst kann die Seele sättigen, in anderer Weise, als eine theoretische Rede vermag.

Haben Sie ein Lieblingskunstwerk?

Es gibt viele Kunstwerke, die mich berühren. Aber weil es auch zur Weihnachtszeit passt und ich es im Sommer in den Uffizien in Florenz (Italien) gesehen habe: das frisch restaurierte Gemälde der „Anbetung der Könige“ von Leonardo da Vinci. Ein unglaubliches Bild, trotz der vielen unfertigen Stellen. Das zärtlich geführte Licht in der Mitte der Szene und zugleich der erschütternde Realismus in den Gesichtern der Hirten.

Sind Sie jetzt auch noch Künstler oder nur noch Bischof?
Vor einigen Jahren habe ich eine wesentliche Entscheidung getroffen. Zu allererst bin ich Priester und dann, wenn etwas Zeit bleibt, widme ich mich der Kunst. Ich möchte meine erste Berufung zu hundert Prozent leben. Jetzt das Bischofsein. Natürlich, den Kunstvirus trage ich weiterhin mit mir, den kann ich nicht abschütteln. Aber ich habe nicht den Ehrgeiz, als freischaffender Künstler Karriere zu machen.

Ohne Maria gäbe es kein Weihnachtsfest. Viele Frauen sind aber unzufrieden mit der Kirche und ihrem Stellenwert dort. Können Sie sich Frauen am Altar vorstellen?
Dafür gibt es in unserer katholischen Kirche keine Tradition. Das brächte einen Bruch, den in der momentanen Situation vermutlich niemand verantworten kann. Allerdings gibt es in wichtigen Ämtern der Kirche viele Frauen in leitenden Positionen, auch bei uns in der Diözese Innsbruck. Ein wichtiger Schritt könnte das Diakonat für Frauen sein. Wenn die weltkirchliche Entwicklung in diese Richtung geht, würde ich mich freuen.

Sie wollen vor allem die Jugend ansprechen. Aber in Wiener Pflichtschulen sitzen etwa schon mehr Muslime als Katholiken. Kommt der katholischen Kirche der Nachwuchs abhanden?
Ja und Nein. Unsere Gesellschaft ist tatsächlich bunter geworden, auch in religiöser Hinsicht. Vor allem der muslimische Anteil wächst. Allerdings kann es in der Begegnung mit muslimischen Jugendlichen auch zum Effekt kommen, dass der eigene christliche Glaube wieder interessanter wird. Ich erinnere mich etwa an Exkursionen mit ganzen Klassen in Kirchen und in Moscheen. Das brachte die besten Lerneffekte. Die Jugendlichen haben sich gegenseitig neugierig gemacht. Die Vielfalt der Religionslandschaft fordert heraus, den eigenen Glauben neu zu entdecken. Ich möchte allen Jugendlichen Mut machen, sich in neuer Weise mit Jesus zu beschäftigen. Für mich war das im Alter von 15 Jahren der Anfang eines ganz persönlichen Glaubensweges.

Sie haben mit 15 Jahren schon gewusst, in welche Richtung Ihr Leben gehen wird?
Die Berufung zum Priester hat sich bei mir schon früher angekündigt. Schon mit elf, zwölf Jahren war ich ziemlich überzeugt, einmal Pfarrer zu werden. Und mit 15 Jahren nahm ich an einem Glaubenskurs für junge Menschen teil, der von einem unglaublich leidenschaftlichen Priester geleitet wurde. Das hat mich wahnsinnig fasziniert. Mit unglaublicher Intensität und Erfahrung hat er von Jesus gesprochen und von Menschen, die aufgrund ihres Glaubens die größten Lebenskrisen meistern konnten.

Papst Franziskus hat zuletzt Kritik an der Übersetzung des Vaterunser geübt. Sollen wir das Vaterunser in Zukunft anders beten?
Der Satz „Und führe uns nicht in Versuchung“ ist tatsächlich irreführend. Als ob Gott jemand wäre, der uns in solche Extremsituationen führt. Die Formulierung „Führe uns in der Versuchung“ wäre besser. Der Papst hat Recht. Eine Änderung dieser Passage könnte den Sinn des Gebetes vertiefen.
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