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Ausgabe Nr. 48/2017 vom 28.11.2017, Fotos: Franz Reiterer, duty
Die Sportart „Roller Derby“ erobert unser Land.
Die Athletinnen des Vereins „Vienna Roller Derby“ kämpfen mit harten Bandagen.
Wilde Mädchen völlig von der Rolle
Grazil und elegant wollen sie nicht sein. Stattdessen kennzeichnen blaue Flecken, grimmige Gesichter und Tätowierungen die Athletinnen des „Roller Derby“. Am Wochenende wird erstmals ein rot-weiß-roter Meister gekürt.
Sabatage“, 33, die im zivilen Leben Sabine heißt, rollt mit Zahnschutz, Helm, Knie- und Ellbogenschoner aufs Feld und setzt eine grimmige Miene auf. Im Berufsleben stellt die Kunsthistorikerin Gebäude unter Denkmalschutz, auf der Rollbahn lässt sie für die „Vienna Roller Girls“ die eigenen Knochen knacken. „Bereits in meinem zweiten Training brach ich mir den Finger“, erinnert sie sich. „Später kamen ein Kreuzbeinbruch und eine Rippenfraktur dazu.“

Nichts freilich, was nicht auch bei jeder Kampfeskunst an Verletzungen zu erwarten wäre und als solche betrachten die Akteurinnen das „Roller Derby“ beinahe. Rempeln und Stoßen sind erlaubt, nur Schlagen, Treten und am Gewand ziehen ist verboten. Mit derlei harten Bandagen kämpfen bei der aus den USA stammenden Disziplin fünf berollschuhte Spielerinnen zweier Teams auf einem ovalen Rundkurs 60 Minuten lang um den Sieg. Die Regeln sehen vor, dass eine extra ausgewiesene „Jammerin“ (Englisch für Hineinzwängerin) pro Team mit jeder gegnerischen Spielerin, die sie überholt, punktet, während neben ihr vier „Blockerinnen“ die gegnerische „Jammerin“ aufhalten und vom Kurs drängen sollen. Wer aus dem Kurs fliegt, muss zurück zum Startfeld.

Nichts für schwache Nerven also, aber erstaunlicherweise gefallen die harten Bandagen immer mehr Frauen. Im Jahr 2011 gründete eine Handvoll Wienerinnen den Verein „Vienna Roller Derby“, heute zählt er 90 Mitglieder von der Krankenschwester bis zur Universitätsprofessorin. Und seit wenigen Monaten gibt es auch Teams in Graz, Innsbruck und Linz, die am 2. Dezember in der Wiener Hakoah-Sporthalle den ersten Meistertitel ausspielen werden. „Mir wären Aktivitäten wie Yoga zu entspannend, ich mag harten Körpereinsatz“, schmunzelt „KnockOutNora“, 26. Die Geschichte- und Englischstudentin trägt ihre Einstellung im Künstlernamen zur Schau, wie ihn mittlerweile alle Mädchen haben. „Zurückziehen ist nicht meine Sache. Ich kenne auch niemanden, der so viele Gesichtsverletzungen erlitt wie ich.“

Nicht zuletzt deswegen tragen einige Spielerinnen auch ein Visier am Helm. Mundschutz, Handgelenks-
manschette, Knie- und Ellbogenschoner sind Pflicht. „Wir fahren mit speziellen Roller-Derby-Rollschuhen, die aus vier Rollen bestehen, extrem stabil sind, dafür aber auch bis zu 700 Euro kosten“, erzählt „Sintax“ alias Magdalena, 28, die neben dem Germanistikstudium als Radlastenkurier arbeitet. Die meisten Mädchen haben mehrere Garnituren Rollen, die sie je nach Bodenbeschaffenheit austauschen. „Wir trainieren drei bis vier Mal pro Woche und treten jährlich bei 15 Turnieren an“, berichtet die gebürtige Linzerin. „Bisher allerdings nur international.“

Männer auf dem Spielfeld gibt es nicht. „Beim Roller Derby spielen die Frauen, und die Männer sind die Cheerleader“, bringt es Nora auf den Punkt. „Wir spielen absichtlich mit den Geschlechterklischees und wollen das Selbstverständnis der Frauen stärken. Warum wundern sich alle über Frauen in einem so brutalen Sport, während das bei Männern selbstverständlich ist?“

Solchermaßen wünscht sie sich mehr Aufgeschlossenheit der Gesellschaft ebenso wie eine Aufwertung ihrer Disziplin. Denn ab sofort gibt es nicht nur erstmals eine Meisterschaft im Roller Derby und die Hoffnung auf eine Etablierung einer künftigen Liga. „Wir haben seit heuer sogar ein Nationalteam“, freut sie sich. „Im Februar werden wir damit in England erstmals an einer Weltmeisterschaft teilnehmen.“

Wolfgang Kreuziger
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