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Ausgabe Nr. 46/2017 vom 14.11.2017, Fotos: Getty Images, Fotolia
Jede sechste Frau wurde schon einmal am Arbeitsplatz sexuell belästigt.
Das gilt als sexuelle
Belästigung am Arbeitsplatz

• anzügliche Poster im Arbeitsbereich, auch Bildschirmschoner am Computer
• das Zeigen pornografischer Bilder oder Utensilien
• in den Ausschnitt oder auf den Hintern starren, taxierende Blicke
• das Erzählen von anzüglichen Witzen, jemandem hinterherpfeifen
• jede Form von unerwünschtem körperlichen Kontakt, wie den Arm um die Schulter legen, die Hand streicheln, den Nacken massieren, aufs Knie greifen
• anzügliche Bemerkungen über die
Figur, die Kleidung, das Privatleben
• die Verwendung von Kosenamen wie „Mausi“ oder „Schatzerl“
• unerwünschte Einladungen mit eindeutiger Absicht
• Telefongespräche, E-Mails oder SMS-Nachrichten mit sexuellen Anspielungen
• Versprechen von beruflichen Vorteilen bei sexuellem Entgegenkommen
• das Androhen von beruflichen Nachteilen bei sexueller Verweigerung
• auffordern zu sexuellen Handlungen
• exhibitionistische Handlungen.
Nicht jeder blöde Witz ist eine Belästigung
Nicht jede anzügliche Bemerkung ist eine sexuelle Belästigung. Aber sie kann es sein, wenn sie unerwünscht ist und das Arbeitsklima vergiftet. Von amerikanischen Verhältnissen sind wir dennoch weit entfernt.
In Amerika sitzt das Misstrauen zwischen den Geschlechtern tief. Manche Männer steigen lieber aus dem Lift aus, statt allein mit einer Frau in der Kabine zu bleiben. Andere lassen die Bürotür offen, wenn eine Kollegin im Zimmer ist. Um nicht in den Verdacht der
sexuellen Belästigung zu kommen.

Andererseits scheut in den Vereinigten Staaten jede vierte Frau vor einem Vier-Augen-Arbeitsgespräch mit einem Mann zurück, ergab eine jüngste Umfrage. Die „Me too“-Debatte (englisch „Ich auch“) der vergangenen Wochen zeigt, dass etliche ihren Grund dafür haben.

Nach dem Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein wegen sexueller Übergriffe melden sich immer mehr Frauen, die von ihren eigenen, oft schon Jahrzehnte zurückliegenden Erfahrungen berichten. Von Schauspielerinnen bis zu Politikerinnen. Die schwedische Gleichstellungsministerin Asa Regner erzählte etwa von einem Treffen mit einem hochrangigen EU-Politiker vor mehreren Jahren. Vor einem Termin seien sie kurz in eine Bar gegangen, um Berufliches zu besprechen. Ein Irrtum, wie sich herausstellte. „Ich hatte seine Hände überall und bemerkte, dass wir in einer dunklen Ecke saßen.“

Auch das EU-Parlament sei „eine Brutstätte der sexuellen Belästigung“ gewesen, wie eine Betroffene sagt. So sollen etwa EU-Arbeitsverträge als Gegenleistung für Sex angeboten worden sein.

Bei uns ist die Liste Pilz vorerst ohne ihren Namensgeber ins Parlament eingezogen. Nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung hat Peter Pilz sein Mandat nicht angenommen.

Anzügliche Witze, das Starren auf den Ausschnitt oder ein freizügiges Bild über dem Schreibtisch, all das kann sexuelle Belästigung sein. Wenn es „für die betroffene Person unerwünscht, unangebracht oder anstößig ist“, heißt es im Paragraph 6 des Gleichbehandlungsgesetzes. Und wenn es „eine einschüchternde, feindselige oder demütigende Arbeitsumwelt“ schafft.

Doch nicht jede zweideutige Bemerkung ist eine sexuelle Belästigung. Das hat der Oberste Gerichtshof (OGH) im April festgestellt. Der Obmann eines Vereines bediente sich gegenüber seinen Mitarbeiterinnen „eines lockeren, teils freizügig-scherzhaften Umgangstones mit zum Teil sexuell konnotierten Bemerkungen.“ Den erwiderte die Klägerin teilweise und verfasste auch „Nachrichten mit sexuellem Bezug an den Obmann“. Deswegen habe keine für die Klägerin „einschüchternde, feindselige oder demütigende Arbeitsumwelt“ bestanden, heißt es im Urteilsspruch.

Allerdings stellten die Richter klar, dass ein fragwürdiges Benehmen nicht erst dann als sexuelle Belästigung gilt, wenn sich die Frau dagegen wehrt. „Die ausdrückliche oder stillschweigende Zurückweisung oder Ablehnung eines sexuell belästigenden Verhaltens durch die betroffene Person“, so heißt es im Juristendeutsch, ist „keine Tatbestandsvoraussetzung der sexuellen Belästigung.“

Jede zweite Frau in unserem Land wurde schon einmal sexuell belästigt, zeigt eine EU-Studie. Jede sechste am Arbeitsplatz, durch Kollegen, Kunden oder den Chef. Aber auch Männer, wenn auch seltener, klagen über solche Erfahrungen. Oft sind es Praktikantinnen oder Lehrlinge, ganz unten in der Hierarchie, die sich nicht trauen, den Chef oder Ausbildner in die Schranken zu weisen. Ältere Frauen schweigen meist aus Angst um den Arbeitsplatz. Selbst wenn es „nur“ Kollegen sind, die mit schlüpfrigen Bemerkungen oder vermeintlichen Komplimenten das Arbeitsklima vergiften, wissen viele nicht, wie sie damit umgehen sollen.

In den wenigsten Fällen landen die Fälle von sexueller Belästigung vor einem Richter. Von einem Schadenersatz in Millionenhöhe wie in den Vereinigten Staaten sind wir ohnehin weit entfernt. Die Mindesthöhe bei uns beträgt 1.000 Euro. Dafür muss die oder der Betroffene aber innerhalb von drei Jahren vor Gericht gehen. Ein Schritt, vor dem viele zurückscheuen.

Anders ist die Rechtslage, wenn es nicht nur um blöde Witze oder unangenehme Blicke geht, sondern um unerwünschte Berührungen. Dann ist der Staatsanwalt am Zug, falls „durch eine intensive Berührung einer der Geschlechtssphäre zuzuordnenden Körperstelle“ die Würde einer Person verletzt wurde.

Der sogenannte „Po-Grapsch-Paragraph“ gilt seit Anfang 2016. Vorher waren nur Berührungen an der Brust oder im Schritt strafbar. Jetzt kann auch die Hand am Gesäß oder das Streicheln des Oberschenkels zu einer Geldstrafe oder bis zu sechs Monaten Haft führen. Im Vorjahr landeten fast 1.600 Fälle bei der Staatsanwaltschaft. Nur ein Zehntel mündete in einer Verurteilung.
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