Jetzt anmelden
Ausgabe Nr. 45/2017 vom 07.11.2017, Fotos: all mauritius, picturedesk.com, duty
Arbeitnehmer-Vertreter wollen einen Mindestlohn von 1.700 Euro brutto.
Johann Kalliauer, Arbeiterkammer Oberösterreich: „Mittelfristig muss der
Mindestlohn auf 1.700 Euro erhöht werden.“

Rolf Gleißner, Wirtschaftskammer:
„1.700 Euro als genereller Maßstab für alle sind derzeit völlig unrealistisch.“

1.500 Euro sind zu wenig
Die Herbstlohnrunde läuft. Die Metaller forderten vier Prozent Lohnerhöhung, die Handelsangestellten und Beamten wollen mehr als die Inflationsrate von 1,9 Prozent. Viele Vollzeit-Beschäftigte verdienen aber nach wie vor weniger als 1.700 Euro brutto im Monat.
Es sind vor allem Frauen sowie Mitarbeiter im Gastgewerbe und Handel, auf deren Lohnzettel weniger als 1.700 Euro brutto stehen. Ausbezahlt bekommen sie rund 1.300 Euro netto.

Sind Miete, Strom, Heizung, Essen und die Schulsachen für den Nachwuchs bezahlt, bleibt selten etwas übrig. Im Gegenteil. Viele kommen mit ihrem Gehalt nicht aus. Bei zwei Dritteln der Beschäftigten im Handel, in der Reinigung und im Tourismus reicht das Einkommen kaum oder gar nicht aus, zeigen jüngste Umfragen.

Die Arbeitnehmer-Vertreter wünschen sich deshalb ein Mindesteinkommen von 1.700 Euro. Das ist auch ein Ziel der laufenden Lohnverhandlungen im Handel. Diesem Ziel „wollen wir mit möglichst wenigen Schritten näherkommen“, sagt Franz Georg Brantner von der Privatangestellten-Gewerkschaft (GPA-djp).

Erst im Sommer haben sich die Sozialpartner, Gewerkschaftsbund und Arbeiterkammer auf der einen Seite sowie Wirtschafts- und Landwirtschaftskammer auf der anderen, auf einen Mindestlohn von 1.500 Euro brutto für Vollzeit-Beschäftigte geeinigt. Dabei landen nach allen Abgaben rund 1.200 Euro auf dem Konto. Der Mindestlohn soll erst im Jahr 2020 für alle gelten. Unterschrieben ist der Pakt aber noch nicht.

Die Wirtschaftskammer steht auf der Bremse. Denn gleichzeitig mit dem Mindestlohn war auch die Arbeitszeit-Flexibilisierung und die Abschaffung der überbordenden Mehrfachbestrafung etwa bei Arbeitsrechtsverstößen geplant. Dazu ist es wegen des Endes der rot-schwarzen Koalition nicht mehr gekommen. Jetzt wollen die Unternehmer-Vertreter erst unterzeichnen, wenn zumindest das Problem der Mehrfachstrafen gelöst ist.

Aber auch ohne offizielle Bestätigung gibt es durchaus Kollektivvertrags-Abschlüsse mit dem 1.500-Euro-Mindestlohn. So liegt in der Textilindustrie der Mindestlohn derzeit bei 1.384 Euro. Bis Ende nächsten Jahres wird er angehoben.

Bei den Forderungen nach einem Gehalt von mindestens 1.700 Euro brutto monatlich ist es bei den Unternehmern aber mit dem guten Willen vorbei. „1.700 Euro als genereller Maßstab für alle sind derzeit völlig unrealistisch“, sagt der Wirtschaftskammer-Sozialexperte Rolf Gleißner. Schon jetzt sei der Mindestlohn von 1.500 Euro, wenn alle Sonderzahlungen berücksichtigt werden, deutlich höher als der deutsche Mindestlohn. Bei unseren Nachbarn bekommen Mitarbeiter mindestens 8,84 Euro in der Stunde, bei uns sind es inklusive der Sonderzahlungen rund zehn Euro, rechnet die Unternehmer-Seite vor. Die Untergrenze von 1.500 Euro kostet die Wirtschaftstreibenden insgesamt rund 900 Millionen Euro.

Anders als in den meisten anderen Ländern, ist der Mindestlohn bei uns nicht gesetzlich festgelegt. Er wird von den Sozialpartnern verhandelt und in den jeweiligen Kollektivverträgen festgelegt. So liegt er in manchen Branchen deutlich über 1.700 Euro. Im Metallgewerbe, das sind etwa Kfz-Mechaniker oder Installateure, werden mindestens 1.769 Euro gezahlt. In der Chemischen Industrie sind 1.858 Euro die Untergrenze.

Bei den Handelsangestellten sind es hingegen 1.600 Euro, die Vollzeitbeschäftigte spätestens in den nächsten vier Jahren bekommen müssen.

Insgesamt verdienen mehr als 300.000 Menschen, die das ganze Jahr hindurch Vollzeit arbeiten, weniger als 1.700 Euro. Jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann liegt laut Berechnungen der Arbeiterkammer Oberösterreich (AK OÖ) unter dieser Marke. Vor allem in Salzburg und Wien ist der Anteil hoch. Mittelfristig müsse der Mindestlohn „auf 1.700 Euro erhöht werden“, forderte erst jüngst wieder AK-OÖ-Präsident Johann Kalliauer. Das ist aus Sicht der Arbeitnehmer-Vertreter „die Untergrenze für ein Leben in Würde.“

ÖVP und FPÖ haben sich in ihren Wahlprogrammen zum Mindestlohn von 1.500 Euro bekannt. Die ursprüngliche Forderung nach mindestens 1.700 Euro haben die Freiheitlichen aber vor der Wahl aufgegeben. Weil das in Koalitionsverhandlungen nicht umsetzbar wäre.​
Weitere Inhalte dieser Ausgabe:
Ihre Meinung
Ihre Meinung ist uns wichtig.

Schreiben Sie Ihren Kommentar zu diesem Artikel, den wir dann prüfen und veröffentlichen werden.
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu verfassen.
Werbung