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Ausgabe Nr. 44/2017 vom 30.10.2017, Foto: imago
Ist die Zeit auf Erden zu Ende, folgt der Körper einem Plan.
Das passiert, wenn wir sterben
Eines Tages müssen alle Menschen sterben. Wird das Leben nicht abrupt beendet, folgt der Körper einem biologischen Programm, das den Ausstieg aus dem Leben vorbereitet. Lesen Sie, welche Stadien Sterbende durchleben und wie wir sie dabei unterstützen können.
Die Angst vor dem Sterben und Tod ist eine zutiefst menschliche Reaktion. Während die geschultesten Experten nicht sagen können, was nach dem Tode kommt, lichtet sich das Dunkel rund um das Sterben. Palliativmediziner (= Ärzte, die Sterbende begleiten) und Pflegende mit der Zusatzausbildung „Palliative Care“ wissen heute, der natürliche Tod ist ein biologisches Programm, dem der Körper am Ende seiner Zeit folgt. „Angehörige wollen oft wissen, wie lange es noch dauert, bis der Tod eintritt. Das ist nicht einfach zu sagen, aber es gibt Anzeichen dafür, wenn der Körper den Sterbeprozess eingeleitet hat“, erklärt Dr. Karlheinz Wiesinger, ärztlicher Leiter der Palliativstation und des mobilen Palliativteams der Caritas Socialis. Anzeichen, die den Angehörigen unbekannt sind, die Sorgen bereiten und Angst auslösen. „Wer weiß, was im Körper passiert, wenn er sich auf den Tod vorbereitet, erlebt die Zeit der Sterbebegleitung ruhiger“, versichert Ingrid Marth, pflegerische Leiterin des Mobilen Palliativteams der Caritas Socialis, und sie verrät, welche Stadien Sterbende durchleben.

Die letzten Monate bis Wochen
„Die körperliche Energie schwindet. Die Betroffenen verspüren tiefe Müdigkeit, eine bleierne Schwere. Sie verlieren das Interesse an der Umwelt, am Zeitunglesen, Fernsehen oder an Besuchen“, sagt Ingrid Marth. Manche Menschen werden unruhig, weil sie „noch etwas zu erledigen haben“. Betroffene sollten daher ermutigt werden, ihre Kräfte nur für Dinge zu nutzen, die ihnen wichtig sind. Das kann ein Besuch, ein Gespräch sein, ein Gang zur Bank. In dieser Phase beginnt häufig die Appetitlosigkeit und ein Gewichtsverlust. „Der Stoffwechsel stellt nun von Aufbau auf Abbau um. Dieser Wunsch nach wenig Essen sollte immer akzeptiert werden, damit der Körper den begonnenen Weg weitergehen kann.“

Wochen und wenige Tage vor dem Tod
„Der Sterbende möchte nun gar nicht mehr essen und wird bettlägerig. Er schläft viel, verspürt keinen Hunger und kaum Durst. Das ist das Signal für das Gehirn, Botenstoffe auszusenden, die schmerzlindernd wirken. Das Aufzwingen von Essen würde den Sterbeprozess erschweren, denn der Magen und Darm arbeiten nur noch reduziert. Die Nieren werden nicht mehr richtig durchblutet, der Harngang und der Stuhlgang sind verringert“, erklärt die Pflegeexpertin.

Häufig wird das Atmen des Sterbenden von einem rasselnden Geräusch begleitet. Die Ursache dafür ist Speichel, der nun nicht mehr geschluckt werden kann, weil der Schluckreflex zum Erliegen gekommen ist. „Auf Umstehende wirkt das angsteinflößend. Den Betroffenen, der in diesem Stadium meist schon ein getrübtes Bewusstsein hat, stört das nicht. Das Absaugen des Speichels wäre ein massiver Eingriff in sein Befinden und die Sekrete würden sich schon bald wieder bilden. Hilfreich ist, dem Sterbenden, sofern er es nicht ablehnt, die Lippen und Mundhöhle zu befeuchten. Erlaubt ist jedes Getränk, das der Sterbende mochte. Ob Tee, Limonade, Bier oder Sekt, über einen Mundspray, eine Kompresse, als Eiswürfel auf den Lippen gleitend oder mit einem getränkten Schwämmchen aufgetragen, hilft es gegen das Trockenheitsgefühl, das die Mundatmung auslöst.“

In den letzten Tagen zieht sich der Blutkreislauf im Körper zurück. Arme und Beine werden blass, kühl und in den Enden bläulich. „Häufig zeigt sich eine auffällige Blässe zwischen Nase und Mund in Form eines Dreiecks“, erklärt Dr. Wiesinger. Mancher Sterbende erlebt in dieser Phase noch ein unerwartetes „Hoch“. Er wirkt plötzlich klar, gekräftigt und verlangt nach Essen. Kurze Zeit danach ist dies wieder vorbei und der Tod steht bevor. Ein Phänomen, das medizinisch bis heute nicht geklärt ist.

Die letzte Stunde naht …
Der Sterbende wirkt entrückt. Durch das Erschlaffen der Muskeln steht der Mund offen. Das schwächer werdende Herz lässt den Puls schwach werden und durchblutet das Gehirn nicht ausreichend. Es versucht, sich durch „Schnappatmung“ mehr Sauerstoff zu verschaffen. Die Pupillen reagieren kaum auf Licht, die Augen wirken eingefallen. In den letzten Minuten werden die Atempausen länger. Es kommt das letzte Ausatmen, dem kein Einatmen mehr folgt. Zuletzt bleibt das Herz stehen, nach wenigen Minuten setzt auch das Gehirn aus. Der Mensch ist gestorben.

Das hilft dem Sterbenden
- Respektieren Sie, wenn er eine Geste ablehnt.
- Gönnen Sie ihm zwischendurch Zeit allein.
- Sorgen Sie für Ruhe und eine friedliche Stimmung im Zimmer. Die Sinne von Sterbenden werden feinfühliger. Leise sprechen, der Sterbende versteht auch Geflüster.
- Grelles Licht vermeiden, ebenso Gerüche von Parfüm, Essen oder Zigaretten.
- Verzichten Sie auf Richtigstellungen, wenn der Sterbende „phantasiert“ oder für Sie Unverständliches spricht.
- Spenden Sie am Sterbebett Trost, sagen Sie, „alles ist gut“, bedanken Sie sich. Sprechen Sie liebevoll und zurückhaltend.
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