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Ausgabe Nr. 40/2017 vom 03.10.2017, Foto: picturedesk
Adele Neuhauser
„Ich bin froh, dass ich mich überlebt habe“
Adele Neuhauser, 58, hat keine leichte Zeit hinter sich. Sie verlor innerhalb eines Jahres Vater, Mutter und Bruder. In ihrem ersten Buch „Ich war mein größter Feind“, einer Autobiografie, erzählt sie von Selbstmordversuchen in der Jugend, ihrem Exmann, mit dem sie immer etwas verbinden wird, und davon, nicht an Zufälle zu glauben.
Frau Neuhauser, Sie haben jetzt, im Alter von 58 Jahren, Ihre Biografie geschrieben. War der Tod der Eltern der Auslöser für Ihr Buch?
Ich habe die Zusage für die Biografie gemacht, bevor mein Vater verstorben ist. Als er starb, hatte ich schon angefangen. Dann sind meine Mutter und mein Bruder verstorben und ich dachte, ich kann nicht weiterschreiben. Aber ich habe weitergemacht. Es war das Schönste, das mir passieren konnte. Durch die schrecklichen Ereignisse hat sich mein Blick verändert. So ist nur Schönes und Liebevolles in meiner Erinnerung gewesen.

Wie meinen Sie das?
Ich habe bemerkt, dass Erinnerungen nichts Statisches sind, sondern etwas Lebendiges – und dass mich das Aufschreiben meiner eigenen Erinnerungen verändert. Zum Besseren. Das klingt absurd, gerade wenn ich an den Tod denke, der mich in den vergangenen Jahren so massiv herausgefordert hat. Dennoch weiß ich heute: Da kommt noch viel Schönes, das auch gelebt werden will.

Wie hat Ihnen das Schreiben geholfen?
Jetzt beginnt die Phase des Loslassens. Ich dachte von meinem Vater, er würde ewig leben. Meine Mutter war krank und ihr Zustand hat sich stark verschlechtert. Bei meinem Bruder dachte ich, dass alles gut gehen werde, nachdem klar war, dass ich für ihn als Spenderin geeignet bin.

Ihr Bruder hatte Leukämie, Sie wollten ihm Stammzellen spenden. Warum hat das nicht funktioniert?
Sein Körper hat rebelliert. Das kann passieren. Die Chancen standen dafür 50:50. Für uns gab es den Tod in der Vorstellung nicht. Dass es nicht funktioniert hat, empfinde ich als eine Schweinerei.

Sie schreiben auch von Selbstmordversuchen …
Ja, sie sind Teil meines Lebens. Ich glaube, dass der erste durchaus ernst gemeint war. Soweit das ein zehnjähriges Kind in der Hand hat. Ich bin froh, dass ich mich überlebt habe und einsehen konnte, dass ich leben möchte. Ich habe noch viel zu erledigen.

Kann der Mensch der Dunkelheit in seinem Inneren denn je ganz entkommen?
Wer die Dunkelheit bewusst durchgangen ist und reflektiert, kippt nicht mehr so schnell hinein. Es ist anders als etwa zu rauchen. Da wirst du rückfällig. Das ist eine Sucht. Es gibt Todessehnsucht, aber es gibt keine Todessucht. Jemand kann trotzdem Traurigkeit empfinden, in leichte Depressionen verfallen oder melancholisch werden. Das passiert mir auch, aber soweit würde ich nie wieder gehen. Wenn ich todkrank wäre und weiß, es steht mir Leid bevor, könnte es sein, dass ich den Freitod wähle. Aber das ist hypothetisch.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Ich bin bereits in jungen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Bis heute empfinde ich den am Kreuz leidenden Christus eher als bedrohliches denn als tröstliches Symbol. Dennoch gehe ich gerne in Kirchen, weil sie für mich besondere, mystische Orte sind. Das erfüllt mich mit Kraft.

Gab es dabei auch einmal einen besonderen Moment?
Ja, als ich alleine einen Ausflug zum wunderschönen Stift Göttweig in Niederösterreich machte. Ich betrat die prächtige Stiftskirche und schlenderte staunend durch das leere Kirchenschiff nach vorne zum Altar, als plötzlich die engelhaften Stimmen eines Knabenchores, während einer Chorprobe, zu einem Choral ansetzten. In diesem Augenblick dachte ich: „Jetzt hat er mich kurz erwischt, der liebe Gott.“

Sie haben angedeutet, nicht an den Zufall zu glauben. Wie steht‘s mit dem Begriff Schicksal?
Schicksal bedeutet zu wenig Eigeninitiative. Ich glaube an göttliche Energien, die am Werk sind. Ich glaube nicht an einen Gott. Ich glaube, dass wir Situationen oder seelische Zustände bewältigen müssen, die uns von Generationen vor uns mitgegeben wurden. Beispielsweise haben sich meine Eltern zwei Mal getrennt, ich habe mich auch zwei Mal getrennt.

Wenn Sie schon Ihre Beziehung ansprechen – Sie schreiben, Sie und Ihr Mann hätten einander betrogen …
Das war unsere Generation. Wir haben so etwas wie eine offene Ehe geführt. Wir konnten uns denken, dass der andere nicht treu war. Als wir das zweite Mal zusammengekommen sind, haben wir uns von den Seitensprüngen erzählt. Und zwar alles.

Halten Sie nichts von ewiger Treue?
Es ist jedem überlassen, treu zu sein. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die Monogamie die ideale Lebensform ist. Ich glaube, wenn etwas nicht im Reinen ist, fängt einer der Partner an, in die Ferne zu schweifen. Einer Verliebtheit nachzugeben, entsteht aus einer gewissen Unzufriedenheit. Meist ist von Männern zu hören, die fremdgehen. Ich bin auch fremdgegangen. Das ist nicht nur den Männern vorbehalten.

Sie sind unabhängig und beruflich erfolgreich, hatten Sie je Existenzängste?
Und ob, jede Zelle meines Körpers erinnert sich noch daran, wie es sich angefühlt hat, nicht einkaufen gehen zu können, weil das Konto so weit überzogen war, dass die Bankomatkarte nicht mehr funktionierte und sogar „verschluckt“ wurde.

Ihre Kollegin Erni Mangold hat Ihnen einmal als junges Mädchen auf der Theaterschule zugeflüstert: „Auch wenn Ihre Tante oder Ihre Oma sagt, Sie sollen Schauspielerin werden …“
Dieser unvollendete Satz hat mich beschäftigt. Mangold behauptet, sie hätte das nie gesagt. Ich trage es ihr nicht nach. Es ist nur schlimm, wenn ich die Konsequenzen bedenke, die so eine Aussage für einen jungen Menschen hat. Wie lange ich über diesen blöden Satz gegrübelt habe. Schrecklich. Zum Glück kann ich heute von der Arbeit, die ich liebe, gut leben.

Adele Neuhauser wurde am 17. Jänner 1959 in Athen (Griechenland) geboren. Sie ist Halbgriechin. Als sie vier Jahre alt war, zogen die Eltern mit ihr nach Wien, wo sie als Jugendliche die Schule abbrach und sich ohne das Wissen ihrer Eltern an einer Schauspielschule anmeldete. Lange Zeit spielte sie vor allem an deutschen Theatern. Große Bekanntheit erlangte Neuhauser durch ihre Rollen als Bibi Fellner in der Krimi-Reihe „Tatort“ und als Julie Zirbner in „Vier Frauen und ein Todesfall“. Neuhauser hat einen Sohn namens Julian und wohnt in Wien. In ihrem Buch „Ich war mein größter Feind“ (Verlag Brandstätter) erzählt sie aus ihrem Leben und berichtet, vom Tod ihres Vaters, ihrer Mutter und ihres Bruder sowie von ihrer Arbeit als Schauspielerin.
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