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Ausgabe Nr. 40/2017 vom 03.10.2017, Foto: Fotex
Manchmal ist eine Notlüge notwendig.
In der Not hilft nur die Lüge
„Du sollst nicht lügen“, sagt das achte Gebot. Und so fromm auch der Wunsch ist, ab und zu passiert sie trotzdem, die Notlüge. Gelogen wird aus verschiedensten Gründen, das ist an sich nichts Schlechtes. Es gibt sogar Situationen, in denen besser gelogen als die Wahrheit gesagt werden sollte.
Die Lüge ist so alt wie die Menschheit. Es gab sie zu allen Zeiten, wurde aber vom Philosophen Platon über Immanuel Kant bis heute immer anders bewertet. Mittlerweile wird sie sogar als unverzichtbarer Bestandteil der Gesellschaft angesehen. Psychologen sprechen von einem sozialen Kitt, ohne den das gemeinschaftliche Zusammenleben nicht funktionieren würde. „Notlügen entstehen, wie schon das Wort sagt, aus einer Not heraus, um weiteres Unheil zu verhindern“, erklärt die Psychologin Mag. Karin Flenreiss-Frankl (Tel.: 0664/42 47 666 oder www.psychologin-wien.at).

Zu lügen erfordert nicht nur Kreativität, sondern auch Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis. Zugleich muss eine sprachliche, stimmliche und mimische Taktik gewählt werden, um die Lüge glaubhaft vermitteln zu können. So gesehen, ist Lügen sogar eine intellektuelle Höchstleistung.

Doch der Mensch ist nicht das einzige Lebewesen, das dieses Verhalten an den Tag legt. Beinahe alle Lebewesen tricksen und täuschen, um ihre Interessen zu erreichen. Bei Langurenaffen wurde beobachtet, dass sie ihre Artgenossen von einer Futterquelle ablenken, indem sie Warnrufe ausstoßen. Sie täuschen eine Gefahr vor, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Auch Krähen greifen auf diese Strategie zurück.

Evolutionsbiologen sehen die Fähigkeit des Vortäu-
schens tief in unserer Stammesgeschichte verankert. Der Göttinger (D) Anthropologe Volker Sommer geht sogar davon aus, dass unser Gehirn seine Fähigkeiten erst durch das ständige Analysieren von Sein und Schein entwickelt hat. Das beginnt schon in jungen Jahren. Selbst bei Kindern im Alter von vier Jahren wurde das bewusste Lügen beobachtet. „In diesem Alter lernt das Kind, die Realität von der Phantasie zu unterscheiden. Sollten Kinder bis zum fünften Lebensjahr noch immer ausschließlich bei der Wahrheit bleiben, ist dies entwicklungspsychologisch sogar negativ zu werten“, meint Mag. Flenreiss-Frankl.

Bis zum sechsten Lebensjahr sollte auch eine Schwindelei nicht so streng gesehen werden, dann allerdings müssen dem Kind moralische Werte ein Begriff sein, die es dann bis ins Erwachsenenalter begleiten. Soziale Kompetenz zeichnet sich mitunter dadurch aus, im passenden Moment gut zu flunkern, ohne jemandem zu schaden.

Die Neigung zum Lügen ist auch von der Situation und Bedingung abhängig. Will jemand imponieren, flunkert er häufiger. Problematisch wird die Sache allerdings, wenn daraus ein Zwang wird. Die Krankheit des zwanghaften Lügens wird auch Münchhausen-Syndrom genannt. Diese Menschen haben meist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und durch das Erfinden von Wunschwelten das Gefühl, großartig zu sein. Hier dient Lügen als notwendige Kompensation eines geringen Selbstwertgefühles. „Die Person merkt zwar, dass es nicht in Ordnung ist, zu lügen, sie kann aber nicht anders. Darin besteht der Zwang“, weiß Mag. Flenreiss-Frankl.

Gelogen wird, dass sich die Balken biegen. Bis zu zweihundert Mal am Tag. Dabei sprechen Forscher von erlernten Verhaltensweisen oder sozialer Anpassung. Zwischen Frauen und Männern lässt sich dabei kein Unterschied feststellen. Beide Geschlechter lügen gleich viel.

Auf die Schliche kommen wir Lügnern jedoch selten. Dabei gibt es durchaus Anzeichen, die sie verraten. „Die Lügen werden meist recht kurz, ohne Gefühle und Details geschildert, da sie ja nicht erlebt worden sind. Auch ein ständiges Wiederholen von Aussagen tritt häufig auf, weil die Menschen die Lügen bekräftigen wollen. Wenn nachgefragt wird, dann wird meist nur kurz geantwortet. Routinierte Lügner zu erkennen, ist schon schwieriger. Meist handelt es sich dabei um Menschen mit sozialer Persönlichkeitsstörung. Sie können Menschen anlügen, ohne mit der Wimper zu zucken“, erklärt die Psychologin, die jedoch zugibt, dass es „manchmal besser ist, nicht die Wahrheit zu sagen. Dabei handelt es sich meist um Situationen, in denen ich ohne erkennbaren Nutzen für beide Seiten einen positiven Effekt erzielen kann. Höflichkeitslügen und kleine Flunkereien sollten wir gelassen nehmen. Wichtig ist immer, sich zu fragen, ‚Schade ich jemandem damit?‘.“

Häufig wird diese Frage im Zusammenhang mit dem „Fremdgehen“ gestellt. Hier rät die Expertin zur Ehrlichkeit, „wenn die Affäre länger dauert und Bedeutung erlangt“.

Die Frage, wie weit das Lügen heutzutage moralisch und gesellschaftlich akzeptiert wird, beantwortet die Psychologin vorsichtig. „Da kommt es immer auf die Lüge an. Ich glaube, die Menschen nehmen es eher hin, von Politikern nicht ausschließlich Wahrheiten vorgesetzt zu bekommen. Sie wissen, dass vor allem im Wahlkampf gelogen wird. Jeder versucht, den anderen zu übertrumpfen – auch mit dem Risiko, Unwahrheiten zu verbreiten. Bis zu einem gewissen Grad ist es also gesellschaftlich akzeptiert. Wer hört nicht gerne schöne, positive Dinge?“
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