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Ausgabe Nr. 40/2017 vom 03.10.2017, Foto: picturedesk
Jassir Arafat, Aung San Suu Kyi, Barack Obama
Friedens-Nobelpreis für die Krieger
Am 6. Oktober wird der heurige Friedens-Nobelpreisträger verkündet. 940.000 Euro lässt das Komitee dafür springen. Doch allzu oft bekommen die Falschen eine Medaille umgehängt. In der Liste finden sich Kriegsherren ebenso wie Terroristen. Dabei träumte Alfred Nobel von Abrüstung.
Als Barack Obama im Jahr 2009 den Friedens-Nobelpreis entgegennahm, hatte sogar er seine Zweifel. „Ich bin der Oberkommandierende einer Nation, die mitten in zwei Kriegen steckt“, sagte der damalige US-Präsident in Oslo (Norwegen). „Ich bin dafür verantwortlich, dass Tausende junge Amerikaner in einem fernen Land in die Schlacht ziehen. Manche von ihnen werden töten. Manche werden getötet werden.“ Doch er kam zu dem Schluss: „Die Mittel des Krieges spielen eine Rolle in der Erhaltung des Friedens.“

Das sah Alfred Nobel, der Stifter des Friedens-Nobelpreises anders. Der Preis solle an denjenigen gehen, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat.“

Damit wollte der Erfinder des Dynamits sein schlechtes Gewissen beruhigen. Dass seine Entdeckung für Kriege benutzt wurde, konnte der Forscher und Industrielle nicht verwinden. Er träumte von Abrüstung und Weltfrieden. Sein Vermögen stiftete er. Die Zinsen aus dem Fonds werden jährlich als Preisgeld an jene ausgezahlt, „die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben“. Und zwar auf den Gebieten der Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden. Heuer ist ein Nobelpreis rund 940.000 Euro wert.

Seit dem Jahr 1901 wird der Friedenspreis jedes Jahr am 10. Dezember, dem Todestag Alfred Nobels, in Oslo verliehen. Den ersten teilten sich Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, und der französische „Apostel des Friedens“ Frédéric Passy.

Nobel hat in seinem Testament festgelegt, dass der Preis „für Friedensverfechter von einem Ausschuss von fünf Personen“ vergeben wird. Das norwegische Parlament wählt sie, nach Parteiproporz. Und obwohl die fünf Mitglieder unabhängig von der Parteipolitik entscheiden sollten, sitzen im Komitee vor allem Altpolitiker.

Schon in den ersten Jahren traf der Ausschuss fragwürdige Entscheidungen. 1906 wurde der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt ausgezeichnet, der als Vermittler einen Waffenstillstand im Russisch-Japanischen Krieg erreichte. Nicht ohne Amerika dabei einen Vorteil zu verschaffen. Der Preis sorgte zuhause für Verwunderung. Roosevelt sei der „kriegerischste Bürger der USA“, schrieb eine Zeitung. Legendär ist sein Ausspruch: „Sprich sanft und trage einen großen Knüppel, dann wirst du weit kommen.“

Dass Henry Kissinger im Jahr 1973 für die „Herbeiführung eines Waffenstillstandes im Vietnamkrieg“ geehrt wurde, ist für viele aber die größte Fehlentscheidung. Zuvor hatten die Regierung von Richard Nixon und ihr Außenminister die Luftangriffe in Indochina noch ausgeweitet und Laos sowie Kambodscha bombardieren lassen. Würde Henry Kissinger nach den gleichen Maßstäben beurteilt wie etwa deutsche und japanische Politiker nach dem Zweiten Weltkrieg, „dann wird er sicher irgendwann als Kriegsverbrecher verurteilt werden“, urteilte gar ein ehemaliger Mitarbeiter. Der Vietnamkrieg dauerte bis 1975. Kissingers Mit-Preisträger, der Nordvietnamese Le Duc Tho lehnte den Preis ab, weil von Frieden in seinem Land keine Rede war.

In der Regel herrscht im Friedens-Nobelpreiskomitee Einstimmigkeit. Aber nicht immer. Als die Auszeichnung 1994 an den PLO-Chef Jassir Arafat, Israels Premier Yitzhak Rabin und Außenminister Schimon Peres ging, trat der norwegische Politiker Kaare Kristiansen wutentbrannt aus dem Nobelkomitee aus. Arafat sei ein „unwürdiger Preisträger“, dessen Vergangenheit geprägt ist „von Terror, Gewalt und Blutvergießen“, schimpfte der Christdemokrat. Dennoch wurde der Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) für die „Bemühungen um den Frieden im Nahen Osten“ geehrt.

Die „Förderung von Frieden und Versöhnung“ bescherte im Jahr 2012 selbst der Europäischen Union den Nobelpreis. Zum Unmut dreier früherer Preisträger, darunter der südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu. Die EU sei „eindeutig kein Vorkämpfer für den Frieden“, wie es Alfred Nobel im Sinn hatte. „Die EU strebt nicht nach der Verwirklichung von Nobels globaler Friedensordnung ohne Militär“, schrieben sie.

Wer den Friedenspreis einmal hat, behält ihn sein Leben lang. Egal, ob er später Kriege anzettelt oder auf andere Weise für ein wenig friedvolles Miteinander sorgt. Das wollen die Kritiker von Myanmars De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi nicht akzeptieren. „Wenn ein Preisträger Frieden nicht erhalten kann, dann muss er, um des Friedens willen, den Preis zurückgeben oder er muss vom Nobelpreiskomitee konfisziert werden“, fordern mittlerweile mehr als 400.000 Unterstützer.

Aung San Suu Kyi hat den Friedenspreis im Jahr 1991 bekommen, „für ihren gewaltlosen Kampf für Demokratie und Menschenrechte“. Für die Hunderttausenden muslimischen Rohingya, die aus Myanmar geflohen sind, klingt das wohl wie Hohn. „Friedensikone“ Aung San Suu Kyi hat dazu lange geschwiegen.
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