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Ausgabe Nr. 38/2017 vom 19.09.2017, Fotos: sergiy1975/Fotolia, Karl Michalski, medienservice24.com
Einsamkeit ist im Alter eines der größten Probleme.
Walter Eichinger, ARGE „Betreutes Wohnen“: „‚Betreutes Wohnen‘ kann die Pflegestufen 1 bis 3 abdecken. Das betrifft die Hälfte der Heimbewohner.“
Maria Wegschaider und Maria Presslinger beim Mittagessen in der Seniorenresidenz in Villach.
Die Bewohner schätzen die stilvollen Räume ...
... und den schönen Garten.
Die vereinsamte Generation
Senioren von heute sind rüstig und aktiv, selbst die 75jährigen haben kaum mehr Pflegebedarf als der Bevölkerungsdurchschnitt. Er steigt erst ab 80 an. Dann ist der Weg in ein Pflegeheim oft unausweichlich. Allerdings gibt es auch andere – gute – Gründe, in ein Altersheim oder in eine betreute Wohnung umzuziehen. Denn wird das soziale Netz erst löchrig, ist die Einsamkeit nicht weit.
Der Tisch ist mit weißen Stoffservietten und edlem Porzellangeschirr festlich gedeckt. Kristallene Kronleuchter erhellen den Raum. Ein Klavierspieler am schwarz glänzenden Flügel macht Musik – gerade so laut, dass sich die Anwesenden noch angenehm unterhalten können. Die zwei glücklichen Menschen am Tisch stoßen mit einem Gläschen Rotwein an. Doch es handelt sich dabei nicht um ein Liebespaar bei seiner ersten Verabredung, sondern um die Pensionistinnen Maria Wegschaider, 95, und Maria Presslinger, 86, die ein Haubenmenü in der „AHA Seniorenresidenz Draupark“ mitten in Villach (K) genießen. In diesem 107 Jahre alten denkmalgeschützten Jugendstilhaus, das früher ein Hotel war und nun auf 3.000 Quadratmetern Nutzfläche 62 Bewohnern Platz bietet, können Senioren vornehm altern.

Wegschaider und Presslinger genießen das Leben in vollen Zügen. Nach dem köstlichen Mahl planen die beiden eine kleine Geburtstagsfeier für eine Zimmernachbarin am Abend. Zuvor besucht Wegschaider aber noch den hauseigenen Friseur. „Eigentlich komme ich aus Leoben (Stmk.), aber weil meine Tochter in Villach wohnt, bin ich nach Kärnten in dieses Altersheim gezogen. Mein Mann ist vor zwei Jahren gestorben, danach fühlte ich mich ziemlich verloren in unserer großen Wohnung, ging kaum aus und wurde immer einsamer. Jetzt ist alles anders. Hier fühle ich mich wohl und habe wieder Freude am Leben.“
Im Heim gefallen ihr die erhabenen Räumlichkeiten im Altbaustil und vor allem der Garten mit den wunderschönen Pavillons. Auch ihre Freundin, Maria Presslinger, ist rundum zufrieden. „Schöner lässt sich der Lebensabend nicht verbringen. Ich war vorher zwei Jahre in einem anderen Heim, da gefiel es mir überhaupt nicht. Hier genieße ich die gepflegte Umgebung, das Personal ist nett und in Maria Wegschaider habe ich eine Freundin gefunden. Jemanden zum Reden und zum Lachen, das ist wichtig. Früher war ich oft allein.“

Billig ist das Wohnen in dem gediegenen Ambiente freilich nicht. Rund 2.000 Euro sind hier im Monat zu bezahlen. Plätze in den von den Bundesländern geförderten Heimen sind meist um einiges günstiger. Zumindest für die Bewohner, denn die Sozialhilfe kommt für die Differenz zwischen Eigenleistung, die abhängig ist vom Pensionsbezug, und den Gesamtkosten auf.

Im Schnitt verursacht die stationare Betreuung jährliche Kosten von rund 30.000 Euro pro Senior. Das Vermögen
der Heimbewohner sowie die Unterstützung der Ehepartner mindern diesen Aufwand zwar, dennoch beliefen sich die Kosten der Bundesländer im Jahr 2015 für die knapp 75.000 Pflege- und Altersheimbewohner auf 1,43 Milliarden Euro. Zusammen mit dem Pflegegeld, das der Bund für die 455.000 Anspruchsberechtigten ausschüttet, sowie weiteren Pflegeleistungen betrugen die jährlichen Gesamt-Pflege-Ausgaben zuletzt fünf Millarden Euro.
Dabei wohnt die überwiegende Mehrheit der rund 1,6 Millionen Menschen, die älter als 65 Jahre sind, zuhause, in den eigenen vier Wänden. Schließlich sind die meisten rüstig und aktiv. Bei den Betagten sieht es anders aus.

Sechs von zehn Senioren, die ihren 80. Geburtstag überschritten haben, beziehen Pflegegeld, während es bei jenen zwischen 60 und 80 Jahren nur einer von zehn ist.
Vor Vereinsamung sind aber auch rüstige Rentner nicht gefeit. Jeder Dritte, der 65 Jahre und älter ist, lebt bei uns in einem Einpersonenhaushalt. Konkret sind das 500.000 Senioren, die alleine leben – oft bedingt durch Trennung oder Tod des Partners. Ältere Alleinlebende sind häufig von Einsamkeit betroffen und laufen Gefahr, krank zu werden. Studien belegen, dass einsame Menschen öfter an Depressionen und Herzkreislaufleiden erkranken und ein schwächeres Immunsystem haben als Menschen mit genügend sozialen Kontakten. Nicht zuletzt deswegen sollte nach Alternativen zum Alleinleben gesucht werden.
Für agile und wenig pflegebedürftige Senioren ist etwa das Konzept des „Betreuten Wohnens“ interessant. Das ist eine Wohnform, bei der altersgerechte kleine Appartements in Wohnkomplexen mit seniorenbezogenen Dienstleistungen kombiniert angeboten werden.

Friedl Grohmann ist einer dieser rüstigen Senioren. Der 76jährige wohnt seit April des vergangenen Jahres in einer betreuten Wohneinheit in Mödling (NÖ). „Nach meiner Scheidung lebte ich alleine in Oberösterreich. Irgendwann wurde mir bewusst, dass mein Alltag, insbesondere bei kurzfristig auftretenden Beschwerden herausfordernd werden konnte; zudem war ich einsam und vermisste meine Familie.“ Seine Söhne machten ihn schließlich auf die „Seniorenresidenz Mödling“ aufmerksam. „Das angebotene Modell von eigenständigem Wohnen und einer Betreuungskraft vor Ort sowie meiner Familie in der Nähe war für mich geradezu ideal“, sagt der ehemalige Pilot. Mit seiner 45 Quadratmeter großen Wohnung, der Betreuung, dem Service und den hauseigenen Veranstaltungen ist Grohmann rundum zufrieden.

Der Bedarf an „Betreutem Wohnen“ wächst

An die 13.000 betreute Wohneinheiten gibt es derzeit in unserem Land, schätzt Dr. Wolfgang Amann vom Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen. „Exakte Zahlen gibt es aktuell nicht, aber durch die Ein-Zimmer- und Zwei-Zimmer-Appartments dürften etwa 15.000 Menschen ‚betreut wohnen‘. Der Bedarf ist aber weit höher.“

Das meint auch Walter Eichinger, Geschäftsführer von Silver Living, einem Immobilienentwickler für Seniorenwohnanlagen und Mitbegründer der ARGE „Betreutes Wohnen“. „Aus Umfragen wissen wir, dass sieben bis zehn Prozent der Menschen jenseits der 70 bereit wären, in betreute Wohneinheiten zu ziehen. Das wären schon jetzt 100.000 Menschen und aufgrund der Überalterung wird diese Gruppe in den nächsten Jahren stark ansteigen.“ Eine Rundumbetreuung für 24 Stunden gibt es beim „Betreuten Wohnen“ zwar nicht. Aber das sei auch nicht nötig, betont Eichinger. „Dieses Wohnkonzept ist für Senioren gedacht, die kleine Hilfen im täglichen Leben begrüßen, unter Menschen und dabei trotzdem selbstbestimmt in ihren Entscheidungen sein wollen.“

Für das Grundservice, das sich aus Information, Beratung und Unterstützung in allen organisatorischen Belangen des täglichen Lebens – wie etwa der Hilfe bei Pflegegeldanträgen und Behördenwegen – zusammensetzt, stehe wochentags von 9 bis 17 Uhr geschultes Personal zur Verfügung, erläutert Eichinger. „Die Betreuer unterstützen die Bewohner auch in der Organisation der Haushaltsführung, helfen eine Hausgemeinschaft aufzubauen und organisieren Veranstaltungen, gemeinsame Ausflüge wie auch geistige und körperliche Aktivierung.“

Die Miete der betreuten Wohnung beträgt je nach Bun-
desland und Förderung etwa sechs bis zehn Euro pro Qua-
dratmeter bei gemeinnützigen Anbietern, sagt Amann. „Zusammen mit dem Grundservice kommen Bewohner eines Einzelhaushaltes auf 500 Euro pro Monat, bei privaten Anbietern ist etwa mit dem Doppelten zu rechnen.“

Auch volkswirtschaftlich ist dieses Modell interessant. „Damit lassen sich zumindest die Pflegestufen 1 bis 3 abdecken, das sind immerhin die Hälfte der derzeitigen Heimbewohner. Betreutes Wohnen verursacht für die ‚Öffentliche Hand‘ aber nur ein Zehntel bis ein Fünftel der Kosten“, berichtet Eichinger. Acht von zehn Bewohnern solcher Appartments bleiben seiner Erfahrung nach bis zum Lebensende dort wohnen. „Zwei von zehn müssen allerdings in der Regel pflegebedingt später in Heime übersiedeln. Es ist zwar möglich, weitere Pflegeleistungen zusätzlich zu buchen, aber das wird nicht in allen Fällen möglich sein. Auch Demenz ist ein Problem, dem sich mit diesem Wohnkonzept kaum begegnen lässt.“

Das beste Mittel gegen Demenz ist aber ohnehin, soziale Kontakte zu pflegen sowie sich geistig und körperlich fit zu halten. Alles das ist beim „Betreuten Wohnen“ möglich, findet Grohmann. „Bei uns gibt es gemeinschaftliches Mittagessen, Turnen und Gedächtnistraining. Das nehme ich gerne in Anspruch und sonntags hat es sich eingebürgert, dass wir Hausbewohner zusammen Ausflüge unternehmen. Zudem gönne ich mir einmal wöchentlich eine Massage.“ Seine Eigenständigkeit kann er sich beim
„Betreuten Wohnen“ trotzdem bewahren, denn es muss nicht alles mit der Hausgemeinschaft unternommen wer-
den. Regelmäßig trifft Grohmann seine Enkerl, macht Wanderungen in die Föhrenberge oder spaziert durch die Altstadt, zum Fotografieren oder um dem Leiblichen zu frönen. „Ich gehe gerne auswärts essen. Daher war es eine meiner ersten Aktivitäten nach dem Einzug, die Wirtshäuser in der Gegend zu zählen. Dabei habe ich festgestellt, es befinden sich 16 Gaststätten innerhalb von fünf Gehminuten, das reicht“, schmunzelt Grohmann.
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