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Ausgabe Nr. 37/2017 vom 12.09.2017, Fotos: duty
Heidemarie Feucht wurde als Baby für tot erklärt.
Nur in starker Vergrößerung kann Feucht Texte lesen.
Im Garten findet die sehbehinderte Frau Entspannung.
Ehemann Karl ist ihr eine große Stütze.
Heidemarie Feucht
„Sehbehindert – na und?“,
Verlag Berger & Söhne, ca. 15,– Euro.
„Der Todes-Engel hat mich gestreift“
Kämpfen musste Heidemarie Feucht schon früh. Als Baby, als sie nach ihrer Geburt für tot erklärt wurde. Dann musste sie weiterkämpfen, um als sehbehindertes Kind akzeptiert zu werden. Mit ihrem Buch „Sehbehindert – na und?“ will sie anderen Mut machen.
So kann ich sogar die Rezepte lesen“, betrachtet Heidemarie Feucht, 54, die neue Ausgabe der WOCHE auf eine etwas andere Art, als es Leser für gewöhnlich tun. Denn die Buchstaben sind fünf Zentimeter groß, weil das Heft auf einem Lesegerät platziert ist, das den Text vergrößert auf einen Monitor projiziert. Nur mit dessen Hilfe kann die Niederösterreicherin lesen, da sie fast blind ist. Über ihren Leidensweg, der schon mit ihrer Geburt begann, hat Feucht ein Buch geschrieben. Mit „Sehbehindert – na und?“ will sie Menschen, die ein ähnlich schweres Schicksal zu tragen haben, Mut machen.

„Ich bin zweieinhalb Monate vor dem Termin geboren worden“, sagt Feucht, die selbst zweifache Mutter ist. „Ich schwebte zehn Tage zwischen Himmel und Erde und wurde notgetauft. Mehr als 40 Grad Fieber sowie schwerwiegende Lungenprobleme stellten sich ein. Mit zahlreichen Wehwehchen vegetierte ich dahin, bis ich schließlich für tot erklärt wurde.“ Wie durch ein Wunder entdeckte eine Ärztin, dass das winzige Baby doch atmete. „Die Flügelspitze des Todesengels hatte mich schon gestreift, aber ich kämpfte Tag für Tag, um auf dieser wunderschönen Erde zu leben.“ Diese Kraft sollte sie ihr Leben lang brauchen.

„Einige Wochen später wurde im Zuge einer Untersuchung bei mir ein großes Augenproblem festgestellt.“ Schwere Schädigung der Netzhaut, graue Netzhautareale beider Augen, Netzhautabhebungen, Blutungen in den Glaskörpern sowie Netzhautödeme, lautete die Diagnose im Spital in Wr. Neustadt (NÖ). Diese Frühgeborenenerkrankung wird in der Fachsprache „retrolentale Fibroplasie“ genannt.

„Gehen lernte ich erst mit zwei Jahren. Auch sonst war meine Entwicklung für mein Alter weit hintennach. Motorisch dauerte es, weil ich vieles nicht wahrnahm“, berichtet die Sehbehinderte von ihrer Kindheit. Vor ihrem Schuleintritt musste sie an beiden Augen operiert werden. Nach dem Eingriff wachte sie dick bandagiert auf. „Dieses Ungetüm von Mullbinden wollte ich mir immer wieder wegreißen“, erinnert sich Feucht. „Daher wurden meine Hände fest angebunden und die Gitter des Bettes hinaufgezogen.“

Trotz dicker Brille schrieb das Mädchen in der Schule „mit der Nase“. „Meine Augen verschlechterten sich stetig. Manchmal stand ich auf und ging zur Tafel, um Details etwas genauer zu betrachten.“

Vor der Hauptschulzeit wurde in einer weiteren Operation ihr rechtes, besser sehendes Auge nachkorrigiert. „Diesen zweiten Spitalsaufenthalt zur Nachkorrektur des rechten Auges habe ich in meiner Erinnerung total verdrängt.“ Psychisch litt das Mädchen durch die Spitalsaufenthalte bereits unter einer nervösen Störung. „Ich schlug mit dem Kopf nach links und rechts.“ Trotz der Eingriffe verschlechterte sich ihr Sehvermögen unaufhaltsam. „Mit 15 Jahren sah ich mit dem linken Auge fast nichts mehr und auf dem rechten hatte ich schon zehn Dioptrien.“

Ihren Traum, eine Lehre als Buchhändlerin zu beginnen, durchkreuzte aber nicht ihre Krankheit, sondern die Eltern. „Ich musste im Gasthaus meiner Familie eine Koch- und Kellnerlehre beginnen. Es war eine große Enttäuschung, keine eigene Berufswahl treffen zu dürfen.“

Obwohl sie für diesen Berufszweig denkbar ungeeignet war, schloss Feucht die Lehre ab. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter Verena im Jahr 1985 begannen ihre Netzhautprobleme akut zu werden. Die Presswehen waren für ihre kranken Augen zu viel. „Das linke Auge hatte einen äußerst hohen Augendruck, grüner Star genannt. Ich hatte Schmerzen, die mich fast in den Wahnsinn trieben“, erinnert sich Feucht. Im Wiener Allgemeinen Krankenhaus wurde ihr schließlich das linke Auge entfernt.

Mit nur noch acht Prozent Sehleistung auf ihrem verbliebenen rechten Auge ist die 54jährige seit dem Jahr 1994 in Pension. Nicht nur wegen der 320 Euro, mit denen sie als Frühpensionistin auskommen muss, ist sie auf ihren Mann Karl angewiesen. „Er ist auch mein ‚drittes Auge‘“, lacht Feucht. „Karl ist mir eine große Hilfe, wenn Probleme auftauchen.“ Und die gibt es für sie genug. Nicht nur um ihren Leidensweg zu schildern, hat die sehbehinderte Frau ihr Buch geschrieben. „Ich will Menschen ermutigen, trotz Sehbehinderung das Schöne und das Positive im Leben zu erfahren.“

Wer Heidemarie Feucht gerne kennenlernen möchte, kann bei einer ihrer Lesungen Kontakt zu ihr aufnehmen. Die nächsten Termine sind am 18.9. um 16.30 Uhr in Wien, Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen, Jägerstraße 36, sowie am 22.9. um 19 Uhr in Wr. Neustadt, Alte Kronenapotheke am Hauptplatz.
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