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Ausgabe Nr. 35/2017 vom 29.08.2017, Fotos: Peter Just
Dominik Holzer, Student: „Ich wollte mir nur einen Weisheitszahn anschauen lassen. Jetzt habe ich Schmerzen und mein Geschmackssinn auf der Zunge ist weg. Das wird immer so bleiben.“
Patientenanwältin Schiwek vor dem großen Stapel mit Beschwerden.
Die Angst der Patienten vor dem Zahnarzt
Unzureichende Behandlungen und überzogene Honorare, darüber beklagen sich zahlreiche Patienten in der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt. Ihr Zahnarzt schlampt. Der Patientenanwaltschaft liegen bereits 60 Beschwerden vor. Selbst die Gebietskrankenkasse wollte bereits im Jahr 2015 den Vertrag kündigen und streitet bis heute darum.
Zum Zahnarzt geht niemand gern. Alleine schon die Vorstellung von schrillen Bohrern sowie die Ungewissheit, was wohl kommen möge, lässt die Handflächen feucht werden. Da hilft es ungemein, Vertrauen in den Zahnarzt haben zu können. Das scheint in Klagenfurt (K) abhanden gekommen zu sein. Mehr noch, es häufen sich die Beschwerden, dass einer der Dentisten, der seit Jahrzehnten eine Praxis betreibt, falsch oder ungenügend behandelt. In einem Fall sogar mit tragischen Folgen, die ihm teuer zu stehen gekommen sind.

„Mein Zahnarzt (der Name ist der Redaktion bekannt) hat mir im Jahr 2011 zwei Zahnimplantate gesetzt, die 10.000 Euro gekostet haben. Durch die Behandlung wurde mein Unterkiefernerv irreparabel beschädigt. Seitdem lebe ich mit brennenden Schmerzen im Mund, beiße mir ständig in die Lippen und es fühlt sich so an, als ob ich Ameisen im Mund hätte. Das ist unerträglich“, berichtet ein pensionierter Anästhesist. „Nach langem Kampf wurde mir nun durch einen Prozess eine Entschädigung von 20.500 Euro zugesprochen und der Zahnarzt muss auch für alle Folgekosten aufkommen.“ Das Grazer Gericht stufte in seinem Fall die Behandlung als „Kunstfehler“ ein. Der Fall musste in die Steiermark verlegt werden, weil sich in Klagenfurt zuvor alle Zivilrichter für befangen erklärt haben, was den Prozess um viele Monate verzögerte.

Der Grund dafür dürfte sein, dass dem Mediziner gute Kontakte zum Landesgericht Klagenfurt nachgesagt werden. Das macht es Patienten schwer, gegen Behandlungsfehler rechtliche Schritte einzuleiten. Zumal selbst Patientenanwaltschaft und Gebietskrankenkasse gegen den Arzt einen schweren Stand haben. „Bei uns türmen sich mittlerweile 60 Beschwerden über Behandlungsfehler oder falsche Abrechnungen. Das ist wirklich eine auffällige Häufung“, erklärt die Patientenanwältin Angelika Schiwek. „Wir versuchen, für unsere Patienten außergerichtlich etwas zu regeln. Dass etwa Honorare geringer oder nicht zu zahlen sind. Doch wir stoßen an unsere Grenzen, denn der Zahnarzt verweigert Gespräche.“

Einer dieser Fälle ist der 28jährige Student Dominik Holzer (Bild). „Ich wollte mir eigentlich nur einen Weisheitszahn anschauen lassen, der noch nicht ganz durchgebrochen war. Ich ging ohne Schmerzen zu diesem Zahnarzt. Nach der Behandlung war ich nicht nur alle vier Weisheitszähne los, die er mir gerissen hat, sondern muss nun seit einem Jahr mit starken Zungenschmerzen leben und mein Geschmackssinn ist auch weg.“ Als Holzer bei einem neuerlichen Termin darauf hinwies, dass er starke Schmerzen habe, meinte der Arzt, dies könne ein Jahr lang so bleiben. Damit wollte sich der Student allerdings nicht zufrieden geben und suchte andere Zahnärzte auf, die ihm bestätigten, dass hier gepfuscht wurde und eine Heilung nicht mehr möglich sei. Das wird sogar von einem Gutachter bestätigt, auf eine Entschädigung wartet der Student noch immer.

Kurios, der beschuldigte Arzt ist selbst als Gerichtssachverständiger tätig. Warum der in Verruf geratene Arzt, der eine Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung ebenso ablehnte wie dessen Anwältin, immer noch als Gutachter tätig sein kann, begründet Manfred Herrnhofer, Vizepräsident des Landesgerichtes Klagenfurt, damit, „dass für den Arzt die Unschuldsvermutung gilt“.
Dabei versucht sich sogar die Gebietskrankenkasse, vom Arzt zu distanzieren. „Wir haben dem Mediziner im September 2015 den Kassenvertrag gekündigt. Die Gründe dafür darf ich nicht nennen. Aber er hat dagegen Einspruch erhoben“, sagt Maximilian Miggitsch, Direktor der Kärntner Gebietskrankenkasse. Ein Schiedsgericht muss in diesem Fall entscheiden, hat es aber bis heute nicht getan. „Das mag vielleicht daran liegen, dass ein pensionierter Richter, der im Kündigungsverfahren der Kasse dem Schiedsgericht vorsteht, mit dem Zahnarzt befreundet ist“, erklärt ein Berufskollege, der nicht genannt werden möchte.

Dabei wäre sogar der Ausschluss aus der Ärztekammer denkbar. „In entsprechend schwerwiegenden Fällen ist es nach Durchführung der dafür vorgesehenen Verfahren möglich, Mitgliedern die Berufsberechtigung vorübergehend oder dauernd zu entziehen. Etwa wenn die gesetzlichen Voraussetzungen für die Berufsausübung nicht mehr vorliegen, wie beispielsweise fehlende gesundheitliche Eignung, mangelnde Vertrauenswürdigkeit, nach Einleitung eines Strafverfahrens bei Gefährdung des öffentlichen Wohles oder aufgrund von Disziplinarerkenntnissen“, heißt es aus der Österreichischen Zahnärztekammer.

Dominik Holzer muss also weiter warten und auf eine Lösung hoffen. Die scheint jedoch in weiter Ferne, denn eine Klage können sich Patienten in den meisten Fällen nicht leisten. Bliebe nur die Möglichkeit einer Sammelklage, die wiederum darf aber die Patientenanwaltschaft nicht einbringen.

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