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Ausgabe Nr. 35/2017 vom 29.08.2017, Fotos: zvg
Am 1. September demonstrieren die rebellischen „Omas“ am Wiener Heldenplatz für gerechtere Pensionen.
Gertraud Burtscher (in Orange) mit drei ihrer vier Töchter.
Burtscher beim Wandern in England.
Die Oma-Revolte
Sie wollen eine gerechte Berechnung der Kindererziehungszeiten auch für ältere Mütter. Und sie sehen nicht ein, warum diese Jahre nicht für die höhereMindestpension von 1.000 Euro gelten. Angezettelt hat dieRevolte die Vorarlbergerin Gertraud Burtscher.
Die Biographie von Gertraud Burtscher ist ungewöhnlich. Mit 60 Jahren begann die siebenfache Mutter und Oma von 24 Enkerln Rechtswissenschaften zu studieren. In der Rekordzeit von drei Jahren schaffte sie den Abschluss und fand eine Stelle in einer Steuerberatungskanzlei. Bis zum Vorjahr arbeitete sie Vollzeit, jetzt ist sie noch 32 Stunden pro Woche beschäftigt. Allzu viel Freizeit hat die 74jährige allerdings nicht. Denn sie hat die „Oma-Revolte“ angezettelt.

„Ich bin mir, wie viele andere Mütter, immer schon ungerecht behandelt vorgekommen“, erzählt Gertraud Burtscher. Das Fass zum Überlaufen brachte aber ein Artikel in der Arbeiterkammer-Zeitung. „Darin stand, dass manche bereits das Recht auf die höhere Ausgleichszulage von 1.000 Euro haben, wenn sie nur 13 Monate in unserem Land Beiträge geleistet haben“, erzählt Gertraud Burtscher. „29 Jahre können sie irgendwo im EU-Ausland eingezahlt haben.“ Da ist ihr der Kragen geplatzt. „Nicht, dass ich es diesen Menschen nicht gönne, das sind genauso arme Teufel.“ Aber dass Müttern andererseits die Kindererziehungszeiten auf die 30 Beitragsjahre für die 1.000-Euro-Mindestpension nicht angerechnet werden, geht ihr gegen den Strich. „Noch frecher finde ich fast, dass die elf Jahre, die ich nach dem Pensionseintritt gearbeitet habe, nicht in die 30 Jahre eingerechnet werden. Obwohl der Staat hohe Versicherungsbeiträge von mir bekommt.“
Schon im Mai sind zu einer Demonstration in Bregenz (V) Hunderte Unterstützer gekommen. Jetzt protestieren die „rebellischen Großmütter“ in der Bundeshauptstadt. Am 1. September, ab 16 Uhr, stellen sie am Wiener Heldenplatz ihre Forderungen.

Sie wollen eine „gerechte Berechnung der Kindererziehungszeiten, auch für Frauen, die vor dem Jahr 1955 geboren wurden. Und die Auszahlung der Beträge an alle Mütter, auch an jene, die sonst keine Pension erhalten“. Zudem sollen die Kindererziehungszeiten für die höhere 1.000-Euro-Mindestpension eingerechnet werden, ebenso wie die Erwerbstätigkeit nach Pensionseintritt.

Mit einem Bus fahren Gertraud Burtscher und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus Vorarlberg nach Wien, übernachtet wird in einer Jugendherberge. Aber auch aus den anderen Bundesländern kommen Unterstützer. Wie genau die Politiker für Mütter-Gerechtigkeit sorgen, überlässt Gertraud Burtscher ihnen. „Aber es muss tatsächlich etwas herausschauen, nicht nur 2,50 Euro. Viele Frauen haben mir gesagt, es geht ihnen nicht nur um das Geld. Natürlich können wir das brauchen, aber es geht vor allem darum, dass wir uns diskriminiert vorkommen, dass unsere Arbeit nichts wert ist.“

Würde sie nicht arbeiten, bekäme die streitbare Vorarlbergerin lediglich die niedrigere Mindestpension von derzeit 890 Euro. „Ich möchte nur so viel Pension, dass ich nicht mehr von Sozialleistungen abhängig bin“, wünscht sie sich. „1.200 Euro würden schon reichen. Wenn ich auf diese Höhe komme, wäre ich zufrieden. Ich brauche keinen Luxus.“

So wie Gertraud Burtscher geht es vielen Frauen ihrer Generation. Sie haben gearbeitet, aber zuhause. Sie erzogen ihre Kinder, die heutigen Steuerzahler. Oft pflegten sie noch die Eltern und Schwiegereltern. Bei der Pension schauen sie jetzt durch die Finger. Manche bekommen gar keine Rente, weil sie die erforderlichen Beitrags- oder Versicherungsmonate nicht zusammenbringen. Andere erhalten nur ein paar hundert Euro und beziehen eine Ausgleichszulage, damit sie auf die Mindestpension von 890 Euro kommen.

Mit dem Pensionskonto, das für Arbeiter und Angestellte gilt, die ab dem Jahr 1955 geboren wurden, werden Kindererziehungszeiten höher bewertet. Derzeit wird ein theoretisches Gehalt von 1.777 Euro angenommen. Bei Frauen, die vor 1955 geboren sind, sind es nur 1.140 Euro. Höchstens vier Jahre pro Kind werden Müttern für die Pension angerechnet. Wer seine Kinder in einem kürzeren Abstand bekommt, zahlt drauf. Denn mit der Geburt des nächsten Kindes endet die anrechenbare Erziehungszeit für den ersten Sprössling.

Unterstützt wird Getraud Burtscher von Politikern aus fast allen Lagern. Von den Grünen ebenso wie von der FPÖ und dem ÖVP-Seniorenbund, und auch von manchen SPÖ-Vertretern.

Dass sich jetzt im Wahlkampf viele für eine gerechtere Behandlung älterer Mütter aussprechen, ist nicht verwunderlich. Wie es nach der Wahl ausschaut, ist meist etwas anderes. „Ich bin optimistisch“, sagt Gertraud Burtscher. „Aber ich habe schon da und dort zart angedeutet, dass ich die Angelegenheit beobachte. Wenn sich bis zum September 2018 nicht ernsthaft eine Lösung abzeichnet, dass zumindest schon im Parlament darüber debattiert wird, dann werde ich zehn Mütter auftreiben für einen Hungerstreik vor dem Parlament. Mit einem großen Transparent: Österreich lässt alte Mütter hungern.“
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