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Ausgabe Nr. 34/2017 vom 22.08.2017, Foto: dpa
Jutta Speidel: "Wir haben von der Universitätsprofessorin über die Ärztin bis hin zur Frau aus Rumänien, die mit ihren Kindern sechs Jahre lang Tag für Tag auf der Straße gelebt hat, immer auf der Flucht vor ihrem Clan, alle Gesellschaftsschichten verteten."
„Ich gebe Müttern auf der Flucht ein Zuhause“
Sie hilft Frauen in Not. Mehr noch, obdachlosen Müttern mit ihren Kindern. Dafür hat die 63jährige Schauspielerin Jutta Speidel vor 20 Jahren den Verein „Horizont“ gegründet. Sie sammelt Geld und steckt auch viel eigenes Kapital in die Errichtung von Wohnungen. Ein Haus für Frauen hat sie bereits eröffnet, ein zweites Projekt ist derzeit in Bau. Dafür könnte die Münchenerin (D) noch Unterstützung brauchen.
Frau Speidel, Sie haben vor 20 Jahren den Verein „Horizont“ gegründet. Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie auf die Idee brachte, obdachlosen Frauen und deren Kindern zu helfen?
Es hat mir eine Zeitlang Spaß gemacht, für verschiedene Projekte Geld einzutreiben. Aber ich fühlte nie eine Identifikation mit diesen Organisationen. Da entstand bei mir der Gedanke, etwas Eigenes zu gründen. Eines Tages las ich in einer Obdachlosenzeitung einen Bericht über obdachlose Kinder in München (D). Ich war darüber erschrocken und konnte es gar nicht glauben. Im Anschluss informierte ich mich darüber, welche Unterbringungsmöglichkeiten es für obdachlose Kinder gab. Die Situation war ernüchternd, sodass ich ein Projekt entwickelte. Dann machte ich eine kleine Erbschaft und gründete mit dem Geld „Horizont“.

Müssen die Frauen und Kinder bestimmte Kriterien erfüllen, um von Ihrem Verein betreut zu werden?
Ja, wir haben drei Ausschlusskriterien. Das sind Drogensucht, Alkoholsucht und Prostitution. Für diese drei Bereiche fehlt uns die Betreuungsmöglichkeit, ansons-
ten nehmen wir alle auf.

Welche Frauen kommen zu Ihnen?
Es gibt keine Grenze. Ich kann nicht sagen, es kommen nur Frauen aus unteren Schichten. Wir haben von der Universitätsprofessorin über die Ärztin bis hin zur Frau aus Rumänien, die mit ihren Kindern sechs Jahre lang Tag für Tag auf der Straße gelebt hat, immer auf der Flucht vor ihrem Clan, alle Gesellschaftsschichten verteten. Es gibt wirklich alles bei uns. Es gibt die eingesperrte Frau, deren Mann aus einem anderen Land kommt und sie und ihre Tochter jahrelang eingesperrt hat, bis den beiden die Flucht gelang. Wir haben keine Flüchtlinge in dem klassischen Sinne, aber eigentlich ist bei uns jede Frau auf der Flucht. Vor wem auch immer.

Ist auch familiäre Gewalt ein Thema?
Oh ja, natürlich. Viele Frauen haben häusliche Gewalt erlebt. Hinzu kommt inzwischen ein hoher Prozentsatz an Armut. Was auch schwierig ist, es gibt viele junge Frauen, die ungewollt schwanger werden. Entweder durch eine Vergewaltigung oder aus einer vermeintlichen Liebschaft, der Mann haut aber nach einem Monat ab, und die Frauen stehen dann da und der Bauch wächst. Es gibt so viele schreckliche Schicksale. Es gibt eine Frau, die in einem der arabischen Länder mit ihren Kindern zuschauen musste, wie ihr Mann gesteinigt wurde. Einfach schrecklich. Alle Frauen sind hoffnungslos, wenn sie kommen. Aber wenn diese Frauen von „Horizont“ hören und bei uns sind, dann sagen alle nach zwei Wochen: „Ich habe nicht gedacht, dass ich so etwas jemals noch erleben kann.“ Die sind unglaublich froh über die Hilfe.

Kommen auch Frauen alleine zu Ihnen oder nur mit Kind?
Wir haben nur Mütter. Frauen ohne Kinder gehen ins Frauenhaus, wir haben kein Frauenhaus, wir haben ein Mutter-Kind-Haus.

Ein Haus haben Sie bereits bauen lassen, nun folgt ein zweites, größeres …
Stimmt. Wir bauen jetzt das zweite Haus mit dem Schwerpunkt Familie. Weil wir auch viele Frauen haben, die von ihren Männern getrennt werden, die haben vier Kinder, davon ist der Älteste 16 und der Jüngste zwei Jahre alt und für sie gibt es keine Unterbringung, in die sie als Familie hingehen können. Denn du musst ja alle betreuen. Also wird so eine Familie getrennt, die wollen natürlich aber wieder zusammenleben. Dafür bauen wir das zweite Haus und hoffen, dass wir im Jänner, Februar und März mit so vielen Frauen wie möglich aus unserem ersten Haus ins zweite übersiedeln können. Dort haben wir einen Kindergarten und eine Kinderkrippe und die Schule ist gleich gegenüber.

Das zweite Haus sollte doch erst im Sommer nächsten Jahres fertig sein, nicht wahr?
Ja, aber ich denke, wir werden schon Anfang des Jahres einziehen können und im Mai werden wir mit allen Projekten beginnen können. Das neue Haus hat 48 Wohnungen. Im Haus eins gibt es 24 Wohnungen, in denen bis zu 70 Personen leben, davon 45 Kinder.

Fehlt noch Geld?
Für den Bau nicht. Aber natürlich fehlt immer Geld. Wir brauchen das Geld vor allem für unsere soziokulturelle Ausstattung, dafür benötigen wir etwa 800.000 Euro. Wer möchte, kann uns unterstützen. Und zwar mit dem Kauf einer Aktie, die es in verschiedenen Werten gibt. Sie sind über das Internet erhältlich. Von 100 Euro bis 10.000 Euro. Wir haben jemanden, der hat die ganze Tischlerei finanziert, das war natürlich viel Geld. Wir brauchen noch Geld für die Küche, für die Schulungsräume, für die Kinderkrippe, für den Kindergarten, fürs Restaurant und für die Kulturbühne.

Was sagt es Ihrer Meinung nach über unsere Gesellschaft aus, dass immer mehr Mütter mit Kindern in Not geraten?
Immer mehr Familien brechen auseinander und Armut sowie Arbeitslosigkeit betreffen jeden.

Sie sind zweifache Mutter und wurden heuer erstmals Oma. Machen Sie sich Sorgen, dass Ihre Töchter auch einmal in Not geraten?
Ich hoffe nicht, dass es meine Töchter jemals trifft. Aber dann haben sie in jedem Fall einen Hafen, in den sie zurückkommen können. Denn wir sind eine gut
vernetzte Familie.
ZUR PERSON
Jutta Speidel wurde am 26. März 1954 in München (D) geboren. Ihre Karriere vor der Kamera begann früh. Schon mit 15 Jahren erhielt sie eine Rolle im Film „Die Lümmel von der ersten Bank“. Sie verließ die Schule, absolvierte eine Schauspielausbildung und stand fortan regelmäßig vor der Kamera und auf der Theaterbühne. Speidel war mehrfach liiert, unter anderem mit ihrem Kollegen Herbert Hermann. Ein Mal war Speidel verheiratet. Ihre Töchter stammen von zwei Vätern. Franziska, 34, machte die Schauspielerin im Jänner zum ersten Mal zur Oma, Antonia, 31, betreibt einen Laden mit Naturprodukten. Speidel engagiert sich neben der Schauspielerei für alleinerziehende Mütter ab 19 Jahren, für die sie mit Hilfe ihres Vereines „Horizont“ Häuser baut.
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