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Ausgabe Nr. 32/2017 vom 08.08.2017, Fotos: Children’s Hospital of Philadelphia
Zion Harvey ist das erste Kind überhaupt, dem zwei neue Hände transplantiert wurden.
Dr. Scott Levin leitete den fast elfstündigen Eingriff.
Endlich kann Zion seiner größten Leidenschaft nachgehen und Baseball spielen.
Auf Zion abgestimmte Therapien ermöglichten den rasanten Fortschritt beim Gebrauch seiner Hände.
Vor der Transplantation war Zion ganz auf fremde Hilfe angewiesen. Hier legt ihm seine Mutter die Beinprothesen an.
Neue Hände für Zion
Aufgrund einer Blutvergiftung verlor Zion Harvey aus Baltimore (USA) im Alter von zwei Jahren beide Hände. Jetzt kann sich der zehnjährige Bub wieder alleine anziehen und sogar einen Baseballschläger halten. Mediziner haben dem Buben in Philadelphia zwei neue Hände transplantiert.
Ich kann nach dem Baseball greifen, ich kann besser den Schlagstock halten, ich kann jetzt sogar Baseball-Handschuhe tragen“, sagt der kleine Zion Harvey aus Baltimore (USA)glücklich. Alles Tätigkeiten, die für amerikanische Kinder so normal und alltäglich sind, dass sie darüber keine Worte verschwenden. Im Fall des zehnjährigen Buben ist es aber eine medizinische Sensation. „Sein Gehirn sagt den Händen, dass sie sich bewegen sollen, und sie bewegen sich. Allein das ist bemerkenswert, denn für sechs Jahre seines Lebens war dieser Teil des Gehirns nicht aktiv“, erklärt Dr. Scott Levin, Chirurg am Kinderspital in Philadelphia (USA). Sechs Jahre lang konnte Zions Gehirn keine Informationen an die Hände senden, weil sie einfach nicht vorhanden waren. Der Amerikaner ist das erste Kind überhaupt, dem zwei neue Hände transplantiert wurden.

Der Bub war im Alter von zwei Jahren an einer Blutvergiftung erkrankt. Bakterien hatten seinen Körper überschwemmt und Gewebe absterben lassen. Ärzte mussten dem Kleinkind beide Hände und Füße amputieren. Beinprothesen erlaubten es ihm, sich zu bewegen. Er lernte, den Alltag mit seinen Armstümpfen zu bestehen. Weil sein Körper auf eine erste Transplantation gut reagierte, die Familie voll hinter dem Buben stand und er selbst aktiv bei der Therapie dabei war, trauten sich seine Ärzte den nächsten Schritt zu. Als Folge der Sepsis im Kleinkindalter hatte er bereits eine Niere bekommen, gespendet von seiner Mutter. Ziel der Mediziner war nun, dass der Bub künftig allein zur Toilette gehen, Verschlüsse an der Kleidung schließen, Zähne putzen und Lebensmittel schneiden kann. Eine Transplantation der Hände sollte ihm dies ermöglichen.

Zion selbst erwartete von der Operation ganz andere Fortschritte. „Er wollte Klettergerüste emporsteigen und einen Baseballschläger greifen können“, erinnert sich seine Mutter. Dann bekam er über eine Spenderliste Hände zugewiesen und die Ärzte wagten vor zwei Jahren den komplizierten Eingriff. In einer zehn Stunden und 40 Minuten dauernden Operation arbeiteten 40 Mediziner in vier Teams gleichzeitig, um die Unterarme und Hände zu transplantieren. „Die größte Herausforderung war für uns, die kleinen Nerven und Blutgefäße zu verbinden“, sagt Dr. Levin.

Sechs Tage nach der Operation begann für das Kind die Ergotherapie – zunächst sieben Wochen lang im Spital und danach ambulant in einem Krankenhaus in der Nähe des Wohnortes. Mit Videospielen, Bildern und Übungen an Puppen wurde zum Beispiel das Greifen geübt. „Innerhalb von Tagen konnte er die Finger ein wenig bewegen. Sechs Monate später spürte Zion leichte Berührungen an den Händen, konnte allein essen und mit einem Stift schreiben. Noch ein paar Wochen vergingen, bis es ihm gelang, eine Schere zu benutzen“, erinnert sich der Arzt an die rasanten Fortschritte des Buben. „Und es gab keinen Tag, an dem er nicht mitgemacht oder sich beschwert hätte. Er ist ein bemerkenswerter junger Mann.“

Allerdings hat die Transplantation ihm und seiner Familie viel abverlangt. Insgesamt acht Mal hatte der Körper des Buben versucht, das fremde Gewebe abzustoßen. „Um solche Abstoßungsreaktionen zu verhindern, erhält Zion vier verschiedene Medikamente, die sein Immunsystem unterdrücken“, sagt seine Ärztin Sandra Amaral. Die geschwächte Körperabwehr machte es Krankheitserregern leicht, sich auszubreiten, der Bub erkrankte mehrfach als Folge von Infektionen.

Bis zu diesem Eingriff wurden Hände fast ausschließlich Erwachsenen transplantiert. Bei Kindern zögern die Ärzte. Nicht nur, weil die Operation an den kleinen Blutgefäßen und Nerven schwieriger ist. Vor allem ethische Bedenken stehen für die Mediziner im Vordergrund. Denn ohne Hände kann ein Mensch leben, an den Folgen einer Transplantation kann ein Patient sterben. Ein Jugendlicher, dem Ärzte zuvor eine Hand übertragen hatten, schied kurz nach der Operation aus dem Leben.

Bei Zion Harvey war die Entscheidung nicht ganz so schwierig. Denn er muss aufgrund der Nierentransplantation ohnehin ständig Medikamente einnehmen, die sein Immunsystem unterdrücken. Dass die Familie diesen Eingriff gut gemeistert hatte, sprach ebenfalls für die Hand-Operation. Zion scheint sie jedenfalls nicht bereut zu haben. Noch immer übt der Bub täglich, seine neuen Finger zu benutzen und wird dabei immer geschickter. „Ich habe jetzt wieder eine linke und eine rechte Hand, die mir helfen aufzustehen, wenn ich falle“, erzählt er und hat eine Botschaft für alle Kinder da draußen. „Wenn ihr eine harte Zeit habt, gebt niemals auf.“
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