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Ausgabe Nr. 32/2017 vom 08.08.2017, Fotos: picturedesk.com, Getty Images, Filmladen Filmverleih, imago
Ein großer Franzose ist zurück auf der Kino-Leinwand. Pierre Richard, 82, ist nicht nur im Film ein Tollpatsch.
Im Kreis der Familie
Richard mit seiner dritten Frau, dem brasilianischen Modell Ceyla.
Im neuen Film „Monsieur Pierre geht online“.
„Der große Blonde"
An der Seite von Gerard Depardieu feierte Richard in den 1980er Jahren besondere Erfolge.
„Ich habe meinen sechs Enkerln viel Blödsinn beigebracht“
Als „Großer Blonder mit dem schwarzen Schuh“ wurde er in den 70ern berühmt. In der Folge blödelte sich Pierre Richard durch eine Reihe von Komödien, oft mit Gérard Depardieu als Kollegen. Jetzt sorgt er wieder für Lacher.
Er war der große Blonde der 70er und 80er Jahre. Ein Mal mit dem schwarzen Schuh, dann mit den roten Haaren oder auf Freiersfüßen wandelnd. Der Franzose Pierre Richard hatte als Filmtollpatsch die Lacher stets auf seiner Seite. Dann wurde es ruhig um ihn. Jetzt ist er wieder da. In „Monsieur Pierre geht online“ spielt der mittlerweile 82jährige einen grantelnden Witwer, der im Internet eine junge Frau mit seinen gefühlvollen Briefen bezirzt. Dabei ist er nicht ganz ehrlich, was sein Alter betrifft. Als ihn die Auserwählte treffen will, nimmt das Chaos seinen Lauf. In der flotten Komödie läuft der aus wohlhabendem Haus stammende Franzose wieder zur Höchstform auf.

Er macht wieder unter seinem Künstlernamen von sich reden, der Teil seiner bürgerlichen Herkunft ist. Denn auf dem Geburtsschein steht neben dem Datum 16. August 1934 der Name Pierre Richard Maurice Charles Léopold Defays vermerkt, zur Welt gekommen im nordfranzösischen Valenciennes. Er blieb das einzige Kind des Unternehmers Maurice Defays und der italienischstämmigen Madeleine Paolassini. Sein Vater stammte aus einer aristokratischen Familie und verließ seine Mutter noch vor der Geburt des Sohnes, der größtenteils bei seinen Großeltern väterlicherseits aufwuchs. „Ich hatte nicht das ‚Glück einer schrecklichen Kindheit‘: Ich bin Aristokrat und bin in einem Schloss aufgewachsen“, erzählt der Künstler. Doch das privilegierte Leben bereitete ihm Sorgen. „Ich wurde von einem Chauffeur in die Schule gebracht, den ich darum bat, fünfzig Meter von der Schule entfernt stehen zu bleiben. Ich habe mich vor meinen Freunden geschämt, wenn er mich vor ihnen abgesetzt hat.“

Das Verhältnis zu seinem Vater blieb schwierig. „Er war ein charmanter Mann, der perfekte Freund, allerdings war er keineswegs der ideale Ehemann und schon gar nicht der perfekte Vater.“ Maurice Defays war selten für seine Familie da. „Er hatte Wichtigeres zu tun, er liebte die Jagd, Pferderennen, Frauen und Autos“, sagt Pierre Richard nicht ohne Bitterkeit. „Kein Spielzeug, so schön es auch sein mag, kann die Zuneigung eines Vaters ersetzen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe ihm richtiggehende Liebesbriefe geschrieben. Er hat keinen einzigen beantwortet. Bis zum heutigen Tag warte ich darauf, dass sie vom Himmel fallen.“

Er selbst hat es bei seinen beiden Söhnen Olivier und Christophe – sie stammen aus seiner ersten Ehe mit der Tänzerin Danielle Minazzoli – nicht besser gemacht. „Ich war kein guter Vater. Ich habe mich nicht genug mit ihnen beschäftigt, das werfe ich mir oft vor“, meint der 82jährige. Bei seinen sechs Enkerln jedoch konnte er einiges wiedergutmachen. „Ich habe ihnen viel Blödsinn beigebracht“, erzählt er lachend. Ernsthaftes konnte und wollte er sie nicht lehren. „Meine beiden Enkelinnen etwa, 19 und 23 Jahre alt, sind viel klüger, als ich es jemals war. Mit 19 war ich ein Dummkopf.“

Gerade in dem Alter beschloss der Franzose, sich von seinem vorgezeichneten bürgerlichen Lebensweg abzuwenden und Schauspieler zu werden. „Meine Familie wollte, dass ich Fachschulingenieur werde wie mein Großvater. Nach und nach haben sie ihre Erwartungen heruntergeschraubt. Ich sollte zumindest Politikwissenschaften studieren, dann Wirtschaftswissenschaften, schlussend­lich meinten sie, ach, Autoverkäufer wäre perfekt“, erinnert sich der Künstler lachend. Er selbst hatte andere Pläne. Bei der Matura durchgefallen, sah er sich im Kino einen Film mit dem amerikanischen Komiker Danny Kaye an. „Er war groß, er war blond, er konnte tanzen und singen. Ich kam aus dem Kino und sagte mir: ,Das ist es, was ich machen will.‘“

Bevor er jedoch wie sein Vorbild die Leinwand erobern konnte, musste er sich als Jugendlicher gegen seinen Vater durchsetzen. „Das ist der Vorteil eines Scheidungskindes. Als ich meiner Mutter erzählte, dass mein Vater nein zu einer Schauspielausbildung gesagt hatte, gab sie mir ihren Segen, nur um meinem Vater zu widersprechen.“ Also zog Richard im Jahr 1953 zu seiner Mutter nach Paris und besuchte die Schauspielschule. Um seine Familie in Valenciennes zu beruhigen, absolvierte er nebenher eine Ausbildung zum Physiotherapeuten.

Richard begann seine Karriere Ende der 50er Jahre als Kabarettist. 1968 machte er in „Alexander, der Lebenskünstler“ erstmals als Filmschauspieler auf sich aufmerksam. Die Rolle des zerstreuten, linkischen Normalbürgers, der unbedarft von Abenteuer zu Abenteuer stolpert, schien ihm auf den Leib geschrieben.

Seinen internationalen Durchbruch verdankt der Franzose allerdings einem deutschen Regisseur. „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“ war nach der Premiere 1972 in Frankreich nur mäßig erfolgreich. Erst der Synchron-Regisseur der deutschen Fassung erkannte das Potenzial des Streifens als geniale Agentenpersiflage. Er schnitt den Film etwas um, woraufhin er ein Riesenerfolg im deutschen Sprachraum wurde und in Frankreich eine zweite Chance erhielt. Von dort eroberte der Streifen die Kinos dieser Welt. Es folgte eine Reihe weiterer Komödien, in denen Richard als liebenswerter Tollpatsch überzeugte.

Besonderen Erfolg feierte er in den 1980er Jahren an der Seite von Gérard Depardieu. In drei Komödien gab Richard den zerstreuten und unbeholfenen Spaßvogel, während Depardieu als sein hartgesottener und bärbeißiger Partner wider Willen glänzte. Die beiden verbindet bis heute eine enge Freundschaft. „Pierre Richard ist ein wahrer Komödiant. Er ist lustig ohne zu spielen. Eine Eigenschaft, die allen großen Komödianten gemein ist“, schwärmt Depardieu, der im Gegensatz zu seinem Kollegen stets im Gespräch blieb. Richard hielt sich zurück, spielte viele Jahre nur Theater. „Weil mir in meinem Alter meist Dreh-
bücher angeboten werden, die mit einer Szene im Spital und einem Rollator beginnen. So etwas lese ich gar nicht mehr. Ich habe keine Lust, Greise zu spielen.“

Nach dem Lesen des Drehbuches zu „Monsieur Pierre geht online“ sagte der Schauspieler dagegen sofort ja. „Ich liebe meine Rolle.

Pierre ist alt, mürrisch, griesgrämig und manipulierend. Aber der alte Brummbär findet wieder Freude am Leben und das mit Hilfe eines Kastens, der ,Computer‘ heißt.“

Dass durch dieses Gerät in der modernen Welt die Romantik verlorengegangen sein könnte, glaubt Richard allerdings nicht. „Ich kann doch genauso flammende E-Mails verschicken wie Liebesbriefe. Warum soll sich das geändert haben, nur weil die Menschen nicht mehr zu Tinte und Feder greifen?“

Seine dritte Frau Ceyla wusste der Schauspieler vor 25 Jahren ohne technische Hilfsmittel zu umwerben. Er eroberte das brasilianische Mannequin mit seinem Humor. „Der ist vielleicht nicht nötig, wenn jemand so aussieht wie Alain Delon. Aber wer nicht Delons Gesicht besitzt, dem hilft Humor ungemein. Am besten wäre natürlich beides.“
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