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Ausgabe Nr. 31/2017 vom 01.08.2017, Fotos: Cynthia Vice Acosta
Jahrzehntelang suchte Amanda Scarpinati nach der Frau, die sie als schwer verletztes Baby pflegte.
Die Krankenschwester mit dem Baby.
Das emotionale Wiedersehen nach 39 Jahren.
„Ihre Liebe rettete mich“
Als Baby erlitt Amanda Scarpinati schwere Verbrühungen. Eine Krankenschwester kümmerte sich im Spital liebevoll um das leidende Kind. Jahrzehntelang suchte die heute 40 Jahre alte Frau nach ihrer Retterin. In einer Facebook-Nachricht erhielt sie den entscheidenden Hinweis.
Ein Traum ist wahr geworden“, schluchzte Amanda Scarpinati und umarmte innig nach sprachlosen Sekunden die Frau, die ihr gegenüberstand. Es war der Moment, von dem die 40jährige Jahrzehnte geträumt hatte. Endlich konnte sie die Frau in die Arme schließen, die ihr vor 39 Jahren das Leben rettete. Und auch Susan Berger war von den Emotionen überwältigt. Die 61jährige hatte Tränen in den Augen, als sie sich von Scarpinati löste. „Du bist so schön geworden“, sagte Susan Berger und hielt dabei ihre Hand vor den Mund, um ihre Rührung zu verbergen.

Ihr Leben lang hatte Scarpinati die vergilbten Fotos im
Familienalbum angesehen. Sie zeigen Amanda vor 39 Jah-
ren, als Baby in den Armen einer Krankenschwester. Der Kopf des Kindes und dessen Körper sind in Verbandsmull gehüllt. Die Frau trägt einen weißen Kittel mit weiten Ärmeln, Perlenohrringe und hat eine Spange im Haar.
„Das ist die Frau, die dich nach dem Unfall betreute und deine Schmerzen linderte“, erzählte ihre Mutter.

Gerade drei Monate alt, war Amanda von der Couch im Wohnzimmer auf einen Verdampfer gefallen, der heißen Menthol-Wasserdampf im Zimmer versprühte. Sie erlitt schwere Verbrühungen am Kopf und an den Armen. Die Rettung raste mit dem schreienden Baby ins Spital von Albany, der Hauptstadt des Staates New York (USA).
Die Ärzte behandelten das lebensgefährlich verletzte Baby entprechend. Instinktiv nahm die Krankenschwester Susan Berger das leidende Kind in die Arme, wiegte es stundenlang und gab ihm menschliche Wärme. „Ihre Liebe rettete mich“, ist Scarpinati überzeugt. Ein Fotograf, der das Jahrbuch des Krankenhauses vorbereitete, schoss Bilder der berührenden Szene.

„Das kleine Mädchen musste große Schmerzen gehabt haben“, erinnert sich Berger. „Trotzdem verhielt sie sich friedlich. Ich kann mich genau an sie erinnern. Andere Babys schreien nach der Operation. Oder sie schlafen. Amanda blieb wach und freundlich, blickte uns Erwachsene voll Vertrauen an.“

Die Mediziner in Albany taten ihr Bestes, um das Kind zu retten. Trotzdem quälten ihre Narben Amanda oft während ihrer Jugend. Immer wieder unterzog sie sich kosmetischen Operationen. „In der Schule lachten andere Kinder wegen meines Aussehens“, erinnert sie sich.
„Ich weiß nicht, wie meine Familie zu den Jahrbuch-Fotos des Spitals kam“, erzählt Scarpinati, heute Personalchefin einer großen Firma. „Als ich älter wurde, fragte ich mich jedes Mal, wenn ich die Bilder sah, was wohl aus der Frau, meinem rettenden Engel, geworden ist. Die Fotos bewegten mich tief. Ich hätte die Frau, die mich so herzlich bemutterte, gern kennengelernt.“

Auch als sie selbst Mutter wurde, suchte Scarpinati noch nach der Krankenschwester. Ihr 14jähriger Sohn Aiden half ihr bei der Internet-Recherche. Sie besuchte sogar das Spital in Albany. „Aber sie fanden nichts mehr von ihr.“
Vor ein paar Monaten empfahl ihr schließlich eine Freundin: „Stell doch die Bilder einfach auf Facebook und schreib, dass du nach der Frau suchst.“ Gesagt, getan. Nach nur zwölf Stunden war der Beitrag 5.000 Mal geteilt worden. Es dauerte nur einen Tag, bis sich die entscheidende Person bei Scarpinati meldete. Angela Leary, eine pensionierte Krankenschwester, die in derselben Nacht wie Susan Berger Dienst hatte, erkannte ihre Kollegin. „Ich erinnerte mich sogar an ihre Ohrringe“, lacht sie. „Susan war genau so lieb und nett, wie sie auf den Bildern erscheint. Sie liebte ihre Arbeit und kümmerte sich rührend um Kinder und Erwachsene.“

Allerdings hatte Leary Susan Berger seit 35 Jahren nicht mehr gesehen. Um sie zu finden, schaltete sie einen Reporter der örtlichen Zeitung ein. Nachdem der Artikel veröffentlicht worden war, meldete sich Susan Berger bei dem Journalisten aus dem 230 Kilometer entfernten Syracuse, ebenfalls im Staat New York. Sie ist dort Direktorin des Gesundheitsbüros der Cazanovia Universität.

„Der Reporter gab mir Susan Bergers Telefonnummer“, erzählt Scarpinati und so beschloss sie, am nächsten Tag anzurufen. „Oh, mein Gott“, entfuhr es Susan Berger, als ihr die 40jährige am Telefon beschrieb, wer sie ist. „Natürlich, du bist das winzige Baby mit den Verbrühungen.“ Sie beschlossen, sich so bald wie möglich zu sehen. Das lang ersehnte Treffen wurde von Journalisten begleitet. Dabei entstanden genauso rührende Fotoaufnahmen wie vor 39 Jahren. „Ich war durcheinander und überhaupt nicht vorbereitet auf so viel Gemütsbewegung“, gesteht Scarpinati. „Es war, als würde ich meine Mutter umarmen.“ Der ehemaligen Krankenschwester erging es nicht anders. „Auch ich war aus dem Häuschen, als ich das Baby von damals wiedersah“, berichtet Berger. „Ich hielt sie erneut so lange fest, wie ich konnte.“ Dass sie Susan Berger wiedergefunden hatte, veränderte Scarpinatis Leben. Sie will nun mit Veröffentlichungen mehr Aufmerksamkeit für die aufopfernde Arbeit von Krankenschwestern wecken. Auf die Frage, ob dies der Beginn einer lebenslangen Freundschaft sei, lacht Scarpinati: „Es war schon immer eine lebenslange Freundschaft. Sie wusste es nur nicht.“
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