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Ausgabe Nr. 30/2017 vom 25.07.2017, Fotos: picturedesk.com, ÖHV, Andreas Scheiblecker
30 Fußballfelder werden täglich verbaut.
Große Trockenheit, Hitzewellen und Starkregen sind Symptome des Klimawandels.
Kurt Weinberger: „Wir sind bei der Zerstörung unserer Böden Europameister im negativen Sinn.“
Meteorologe Josef Lukas: Dürre vor allem im Osten.
Beton statt Grün
Mehr als hundert Millionen Euro hat das trockene Wetter die Bauern bisher schon gekostet. Vor allem das Getreide leidet unter der Dürre. Sie ist ein Symptom des Klimawandels, der unser Land bedroht. Die Temperaturen steigen, auch weil wir noch immer zu viel Boden zubetonieren.
Wer ist nicht schon einmal fassungslos vor einer Supermarkt-Baustelle am Ortsrand gestanden. Dort, wo vor Monaten noch grüne Wiesen zu sehen waren, ist es jetzt grau. Betongrau, genauer gesagt. Denn schließlich kann ein Supermarkt abseits des Ortszentrums ohne Parkplätze nicht überleben. Dafür werden Gstätten und Felder zubetoniert, auch wenn der Parkplatz außerhalb der Spitzenzeiten manchmal halbleer ist.

In den vergangenen zehn Jahren sind pro Tag im Schnitt 20 Hektar Äcker und Wiesen verbaut worden, das sind 30 Fußballfelder. Allein seit Jahresanfang ist uns eine freie Fläche „verlorengegangen“, die 200 durchschnittlich großen Bauernhöfen entspricht. „Wir sind bei der Zerstörung unserer Böden leider Europameister im negativen Sinn“, warnt Kurt Weinberger von der Hagelversicherung, die in einer Kampagne auf den Flächenfraß aufmerksam macht.

Das Zubetonieren verschandelt nicht nur die Landschaft, sondern beschleunigt auch den Klimawandel. „Der Boden als CO2-Speicher ist entscheidend für eine funktionierende Umwelt“, erklärt Weinberger. Er ist „ein wichtiger Klimaschutzfaktor.“

Große Trockenheit, Hitzewellen, Starkregen, all das sind Symptome des Klimawandels. Vor allem im Osten unseres Landes sind sie derzeit deutlich zu spüren. Schon seit einem Jahr regnet es zu wenig. „In vielen Gebieten ist es trockener als im langjährigen Schnitt“, sagt Josef Lukas vom Wetterdienst Ubimet. „Besonders betroffen sind weite Teile Niederösterreichs, der Osten Oberösterreichs, der Raum Wien, das südliche Burgenland sowie die nördliche Obersteiermark.“

Vor allem Pflanzen, die auf sandigen Böden wachsen, wie teils im Tullner Becken oder Leibnitzer Feld, und flach wurzeln, kommen schlecht mit der Trockenheit zurecht. Die meisten Getreidesorten, aber im Extremfall sogar Erdäpfel leiden unter der Dürre. Noch ist zudem nicht klar, wie sich die Wetterlage auf Herbstkulturen wie Mais oder Zuckerrübe auswirkt.

Damit sich die Natur erholen kann, wären „eine Woche lang anhaltende Regenfälle ideal“, weiß der Meteorologe Lukas. Dann könnte das Wasser ordentlich im Boden einsickern, während der Gewitter-Starkregen eher ein „Tropfen auf dem heißen Stein ist“, weil der ausgedörrte Boden das viele Wasser gar nicht aufnehmen kann.

Doch während für Straßen, Industriegebäude und Einkaufszentren unser wertvoller Boden geopfert wird, stehen laut Schätzungen gleichzeitig rund 40.000 Hektar an Häusern und Industriehallen leer. Eine Fläche so groß wie Wien.

In der Regel ist ein Neubau auf der grünen Wiese billiger, als auf leerstehende Industriehallen zurückzugreifen. Sie sind manchmal denkmalgeschützt oder müssen erst aufwändig saniert werden. Durch „finanzielle Anreize sollten sie wieder wirtschaftlich genutzt werden“, sagt der Hagelversicherungs-Chef Weinberger. Wer zubetonieren will, soll eine Bodenschutzabgabe zahlen müssen. Damit könnte die Instandsetzung brachliegender Häuser und Industriebauten gefördert werden.

Neben finanzieller Förderung gibt es laut Studien aber auch andere Maßnahmen. So sollte die Raumplanung
das Bauen innerhalb der Ortschaften bevorzugen. Oder Flächen nur dann in Bauland umgewidmet werden dürfen, wenn die Gemeinde nachweist, dass der Bedarf an Bauland anders nicht zu decken ist. Parkplätze können auch unter oder auf einem Einkaufszentrum errichtet werden. Das würde Beton-Fläche einsparen. Und Äcker, Wiesen und Gemüsefelder müssten besonders geschützt werden.

Noch wird aber fleißig weiterbetoniert. So entsteht etwa in Wien im rund 60 Hektar großen Donaufeld, zwischen den Bezirkszentren von Floridsdorf und Kagran, in den kommenden Jahren ein neuer Stadtteil. Wo heute Salat und anderes Gemüse angebaut wird, sind 6.000 Wohnungen geplant. Die äußerst fruchtbare Schwarzerde des Donaufeldes wird in ein paar Jahren großteils unter Straßen und Wohnbauten begraben sein.

Betonieren wir unsere Umwelt weiterhin in dem gleichen Ausmaß zu wie bisher, wird es in 200 Jahren keine Felder und Wiesen für die Heumahd mehr geben.

Auf den Klimawandel und die Temperaturen in unseren Breiten hat der Beton-Flächenfraß verheerende Auswirkungen. Das ist jetzt schon am Beispiel der Bundeshauptstadt zu sehen.

Während der Hitzewellen sinkt in der Wiener Innenstadt das Thermometer oft nicht mehr unter zwanzig Grad, was einer Tropennacht entspricht. Wenige Kilometer weiter, am Stadtrand im grünen Stammersdorf hingegen liegt die tiefste Frühtemperatur gleichzeitig bei 16 Grad.
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