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Ausgabe Nr. 30/2017 vom 25.07.2017, Fotos: picturedesk.com, dpa
Missbrauchs-Skandal um den berühmten Knabenchor aus Regensburg (D).
Benimm ist wieder in
Die Regensburger Domspatzen agieren als Knabenchor des Regensburger Doms. Das Bild oben aus den 70er Jahren zeigt den damaligen Leiter Georg Ratzinger. Die Chrogründung geht zurück auf Bischof Wolfgang von Regensburg, der im Jahr 975 eine Domschule gründete, in der die Knaben auch musikalisch geschult wurden. Im 16. Jahrhundert wurde ein Internat für die Domschüler gegründet. Heute gehören dem Konzertchor 80 Buben an, die bereits von der Volksschule an musikalischen Unterricht erhalten. Deren Motto sollte wohl in erster Linie für die Lehrer gelten. Es lautet, „Benimm ist wieder in.“
Ratzinger fand Schläge erzieherisch.
Missbrauchsopfer Alexander Probst brachte den Stein ins Rollen.
Domspatzen litten unter
dem Bruder des Alt-Papstes
Ein erschütternder Bericht über einen der berühmtesten Knabenchöre der Welt sorgt für Aufsehen. Demzufolge sollen vor allem in den 60er und 70er Jahren die Buben des Chores regelmäßig geschlagen und sexuell missbraucht worden sein. Als Täter wurden Lehrer und Aufsichtspersonen identifiziert. Pikantes Detail, Georg Ratzinger, 93, der Bruder des Alt-Papstes Benedikt XVI. leitete über Jahrzehnte den Chor. Auch ihm werden schwere Verfehlungen vorgeworfen. Konsequenzen muss er nicht befürchten, weil die Taten verjährt sind.
Ihre Stimmen klangen so hell und rein. Wie es in ihren Seelen aussah, wusste niemand. Erst recht nicht, dass die Seelen ihrer kirchlichen Lehrer rabenschwarz waren. Denn sie sollen jahrzehntelang ihre Schützlinge geschlagen und sogar sexuell missbraucht haben. In einem unvorstellbaren Ausmaß, wie ein Bericht jetzt belegt.

Der Skandal wurde im Jahr 2010 vom ehemaligen Domspatz Alexander Probst, 57, ins Rollen gebracht. Er erhob auch schwere Vorwürfe gegen den Papst-Bruder Georg Ratzinger. Der 93jährige leitete von 1964 bis 1994 den berühmten Chor aus dem deutschen Regensburg. „Ratzinger war ein notorischer Schläger, nicht der gute Opa. Das ist mein Bild, und das wird sich auch nicht mehr ändern“, sagt Probst. Insgesamt 124 Opfer und Zeugen haben sich im Bericht über den Skandal bei den Domspatzen über Ratzinger geäußert. Nicht alle sind so anklagend wie Probst, dennoch zeichnen sie kein gutes Bild von dem hohen Würdenträger. Ratzinger sei streng und perfektionistisch gewesen, heißt es. Einmal habe er sein Gebiss verloren, weil er so jähzornig war. Ein anderer erklärte, er habe vor dem Tourbus Schläge erhalten, weil er mit einem Eis einsteigen wollte. Ratzingers Begründung für die Hiebe: „Ein Solist darf kein Eis essen.“ Ein anderer erklärte, dass er und seine Kollegen nur Stimmmaterial gewesen seien. „Wenn wir als Sänger versagten, wurden wir gedemütigt.“

Ratzinger selbst wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern, räumte jedoch bereits im Jahr 2010 ein, Schüler geschlagen zu haben. Dies sei früher der übliche Erziehungsstil gewesen, meinte der Papst-Bruder. Zum jetzt vorgelegten Bericht des Rechtsanwaltes Ulrich Weber, der von der zuständigen Diözese mit der Untersuchung des Missbrauchs-Skandals beauftragt wurde, meinte ein Sprecher: „Er nimmt großen Anteil an der Aufarbeitung. Vom sexuellen Missbrauch hat er außer in einem Fall nichts gewusst.“

Dabei ist die Zahl der von Misshandlungen betroffenen Knaben, die Weber ans Tageslicht brachte, enorm. Mindestens 547 ehemalige Domschüler wurden seit 1945 Opfer, 49 Personen wurden von Anwalt Weber in zweijähriger Arbeit als Täter entlarvt. Neun von ihnen sind sexuell übergriffig geworden. Seinem Bericht zufolge haben 500 Chorkinder körperliche Gewalt erlitten, 67 sexuelle Gewalt. Es gebe aber eine Dunkelziffer, räumt Weber ein. Er gehe von mindestens 700 Opfern aus.

Die beschreiben ihre Zeit bei den Domspatzen heute als „Gefängnis, Hölle und Konzentrationslager“ oder als „schlimmste Zeit ihres Lebens, geprägt von Angst, Gewalt und Hilflosigkeit“. Vor allem in der Vorschule des Chores seien die Übergriffe umfassend gewesen, meint Weber.

Wenn Georg Ratzinger von erzieherischen Schlägen spricht, wird der frühere Domspatz Michael Sieber, 60, wütend. „Es herrschte ein System der Angst, eine Lagerhaltung. Die Art von Schlägen, die wir erleben mussten, ging weit über das Maß hinaus, das in den 60er Jahren üblich war. Blutende Ohren sind keine Ohrfeige mehr.“ Sein Streben, bereits in den 70er Jahren auf die Missbrauchsfälle aufmerksam zu machen, scheiterte, meint der 60jährige. Weil ihm niemand glaubte.

Natürlich hatte die Chorleitung höchstes Interesse, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Jeder Versuch wurde im Keim erstickt. Das ist für den Ermittler Weber Tatsache. „Es herrschte eine Kultur des Schweigens. Die Regensburger Domspatzen sollten als Institution vor der Rufschädigung geschützt werden.“

Einen Schutz, den die betroffenen Schüler nie genossen haben. Und sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass ihre Peiniger straffrei bleiben, denn nach gültiger Rechtslage sind deren Taten heute verjährt. Die für die Domspatzen zuständige Diözese hat allerdings den Opfern sogenannte Anerkennungsleistungen zugesagt. Sie liegen pro Person zwischen 5.000 und 20.000 Euro. Über den jeweiligen Zuspruch wird in einem gesonderten Gremium, dem auch Opfervertreter angehören sollen, entschieden. Basis dafür ist der 450-seitige Bericht des Rechtsanwaltes Weber, dessen Arbeit bei den Domspatzen Spuren hinterlassen hat. Die Schülerzahl ist merklich zurückgegangen.
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