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Ausgabe Nr. 29/2017 vom 18.07.2017, Fotos: Kauck/ Cynthia Vice Acosta
Tochter Renate liest ihrem Vater den Brief vor, den ihm seine Frau vor 72 Jahren schrieb.
Matrose Rolf und Virginia.
Das Haus, in dem der Brief 72 Jahre lang lag.
Ein Liebesschwur aus der Vergangenheit
In den Ritzen eines alten Hauses verbarg sich ein Liebesbrief, den Virginia Christoffersen ihrem Mann Rolf geschrieben hatte. Renovierungsarbeiten brachten das Dokument nach 72 Jahren wieder zum Vorschein. An ihrem sechsten Todestag erhielt der Witwer die Nachricht seiner Virginia.
Wie immer am Todestag seiner Frau saß Rolf Christoffersen hinter seinem Haus in Santa Barbara (Kalifornien, USA). Dort hatte seine vor sechs Jahren verstorbene Virginia einen Rosengarten angelegt. Inmitten eines roten Blumenmeeres gedachte der 96jährige Rentner seiner geliebten Virginia, als das Mobiltelefon klingelte.
„Papa“, sagte sein Sohn Rolf Christoffersen junior, „du musst dir etwas anhören.“ Es klang wichtig, also drückte der alte Mann den Hörer ans Ohr und lauschte. „Ich habe noch ein paar Minuten Mittagspause und habe von dir geträumt“, begann der Sohn, „deshalb dachte ich, ich sollte meinem Schatz einen kleinen Liebesbrief schreiben.
Vermisst du mich so sehr, wie ich dich? Rolf, ich liebe dich so sehr wie die warme Sonne. Das bist du in meinem Leben: die Sonne, um die sich für mich alles dreht.“
„Ich wusste gar nicht, dass du mich so sehr magst“, sagte der frühere Seemann, der für seine Schlagfertigkeit bekannt ist, belustigt. „Aber jetzt ernsthaft: Was soll das?“, fragte der Senior neugierig. „Du hast wirklich keine Ahnung? Es ist Mamas Liebeserklärung an dich“, sagte der 66jährige Sohn. „Ein Brief. Es hat ein wenig gedauert, bis er jetzt auftauchte. Sie schrieb ihn dir vor 72 Jahren, als sie meine Schwester Renate unter ihrem Herzen trug. Ich war damals noch nicht auf der Welt.“

Der alte Mann war minutenlang sprachlos. Eine Nachricht von seiner verstorbenen Frau an ihrem Todestag. „Ein Brief von Virginia?“, fragte er schließlich. „Von dem weiß ich gar nichts. Wo hast du ihn gefunden?“ Doch nicht der Sohn fand das frühe Dokument der Liebe. Ein unglaublicher Zufall brachte es 4.600 Kilometer von ihm entfernt in der keinen Stadt Westfield im US-Staat New Jersey ans Tageslicht. Dort hatte das Lehrer-Ehepaar Melissa und Ernest Fahy im Frühjahr 2017 ein kleines Haus in der Hazel Avenue renoviert. Melissa Fahys Vater Allen Cook hatte es auf sie überschrieben, lebte aber noch bei ihnen. Nun half er den jungen Menschen beim Anstreichen der Wände.

Beim Herrichten der Wand an der Stiege in den ersten Stock brach das morsche Holz, und ein Loch öffnete sich. Darin entdeckte Cook ein vergilbtes Papier, das sein Interesse weckte. „Ich steckte meine Hand hinein und zog es heraus“, erzählt er. Es war ein ungeöffneter Luftpost-Brief mit dem Poststempel vom 4. Mai 1945, vier Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Er war an Rolf E. Christoffersen, Kanonier, 2237, M/S Balle, Alcoa, Port-of-Spain, Trinidad gerichtet. Die M/S Balle war ein Kriegsschiff, auf dem der Sohn norwegischer Einwanderer pflichtgemäß seinen Dienst verrichtete. Als Absender stand auf dem Brief Virginia Christoffersen, Hazel Avenue, Westfield – die Heimatadresse des Seemannes.

Auf der linken Seite trug der Brief zwei offizielle Stempel, die besagten, er sei an den Absender zurückgeschickt worden. Offensichtlich, weil das Schreiben in der Karibik eintraf, als der Krieg vorbei war und sich das Schiff bereits auf dem Heimweg befand. Virginia Christoffersen lebte während der Abwesenheit ihres Mannes mit ihren Eltern in dem gelben Holzhaus. Sie hatten es 1940 erworben. Anscheinend war der Brief im ersten Stock in eine Ritze des Fußbodens gerutscht und blieb dann in der Wand stecken, nachdem er nach Westfield zurückgeschickt worden war.

Allen Cook gab den Brief seiner Tochter. Melissa Fahy öffnete ihn vorsichtig und las unter anderem, dass die Schreiberin ihrem Mann mitteilte, sie sei schwanger: „Ich werde schrecklich dick, aber ich bin stolz darauf, das Baby der Person zu tragen, die ich am meisten auf der Welt liebe.“ Unterschrieben war der Brief mit den Worten: „Bis dass der Tod uns scheidet, Virginia.“

Melissa Fahy beschäftigte die Frage, was wohl aus dem Ehepaar geworden sei. Am Abend setzte sich die Lehrerin an ihren Computer und begann, im Internet nach Rolf Christoffersen zu suchen. Sie fand einen Universitätsprofessor dieses Namens in Santa Barbara, auf der anderen Seite Amerikas, und rief ihn an.

„Ja“, sagte die Stimme am Telefon. „Mein Vater heißt auch Rolf, und meine Mutter hieß Virginia“, erklärte Rolf junior der Anruferin. „Wir haben einen Brief Ihrer Mutter an Ihren Vater“, eröffnete Melissa Fahy dem erstaunten Mann am anderen Ende der Leitung. Sie leitete eine Kopie des Schriftstückes per Mail nach Kalifornien weiter.

Wenige Tage später überreichte Renate Christoffersen, die Tochter des alten Mannes, Rolf senior das Original. „Er war so bewegt, dass er Tränen in den Augen hatte“, erzählt sie. „Meine Eltern schrieben einander viele Briefe“, weiß Rolf junior. „Sie gingen alle verloren, als wir von New Jersey nach Kalifornien zogen. Mamas Brief, den uns die Fahys nun geschenkt haben, ist der einzige, der noch existiert. Wir hüten ihn wie einen kostbaren Schatz.“
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