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Ausgabe Nr. 28/2017 vom 11.07.2017, Fotos: Michael Timm/Fotofinder, Grafik-Atelier Riediger/Fotofinder, stockdevil/Fotolia
Bei Beschwerden im Ellbogen hat sich die Stoßwellentherapie bereits bewährt.
Mit Stoßwellen gegen Kalkablagerungen in der Schulter.
Häufiges Einsatzgebiet: „Fersensporn“
Auch bei schlecht heilenden Brüchen soll die Stoßwellentherapie helfen.
Ein Anstoß zur Selbst-Heilung
Mit Hilfe kurzer, heftiger Druckwellen behandeln Ärzte Nierensteine, Gelenksverkalkungen und Bänderverletzungen. Neueste Studien zeigen‘s, da geht noch mehr.
In der Natur werden sie durch Blitze oder Explosionen erzeugt, auch ein Überschallflugzeug kann sie produzieren, sogenannte Stoßwellen. Sie sind hörbare, mit Überschallgeschwindigkeit sich ausbreitende Druckwellen, die sich durch ihre hohe Energie auszeichnen.

Die außergewöhnliche Kraft der Stoßwellen machen sich seit einigen Jahren Ärzte zunutze, seit medizinische Geräte entwickelt wurden, die Stoßwellen künstlich erzeugen. „Stoßwellen werden seit mehr als dreißig Jahren erfolgreich zur nicht-operativen Entfernung von Nierensteinen so gut wie komplikationslos eingesetzt“, erklärt Dr. Wolfgang Schaden vom Stoßwellenzentrum Wien und weltweit anerkannter Pionier dieser Technologie. Ihre Kraft, die von außen auf den Körper und die erkrankte Region einwirkt, zerstört nicht nur Steinchen in den Nieren und Harnleitern, sondern auch Kalk in Gelenken, etwa der Schulter.

Bald stellte sich heraus, dass Stoßwellen nicht nur zerstören können, sondern auch Beschwerden an weichen Körpergeweben lindern, etwa bei Entzündungen und Verletzungen an Sehnen, Bändern und Muskeln. „Patienten mit einer Entzündung der Sehnenplatte der Fußsohle werden heute ebenso erfolgreich mit der Stoßwellentherapie behandelt wie Patienten mit einem ‚Tennisellbogen‘, also bei Schmerzen der Sehnenansatzpunkte am Ellenbogen oder jene mit Sehnen- und Schleimbeutelentzündungen am Hüftgelenk.“

Forscher lüften das Geheimnis der Stoßwellen

Lange war nicht klar, was Stoßwellen im Körper bewirken, warum sie zum Beispiel entzündliche Vorgänge lindern. Doch der Schleier lüftet sich, unter anderem, weil Forscher an der Fachhochschule (FH) Technikum Wien dabei sind, das Geheimnis der Stoßwellen zu enträtseln.
„Erste Ergebnisse zeigen, dass die Stoßwelle im Gewebe eine biologische Antwort auslöst. Das heißt, es werden verschiedene Eiweiße gebildet und aktiviert, die zum Beispiel über eine vermehrte Neubildung von Blutgefäßen die Heilung einleiten“, erklärt Anna Weihs der FH Technikum Wien. Seit Herbst erforscht die Wissenschaftlerin mit ihrer Kollegin Christiane Fuchs die Wirkungsweise von Stoßwellen.

Weitere Studien, etwa an der Uniklinik Innsbruck zeigen, dass Stoßwellen bei Herzinfarktpatienten den geschwächten Herzmuskel stärken könnten, und erste Versuche bei gelähmten Menschen, die geschädigten Nerven mit Hilfe von Stoßwellen wieder zu aktivieren, machen Hoffnung. „Die neuen Erkenntnisse haben dazu geführt, dass die Stoßwelle auch bei der Behandlung von chronischen Wunden, der Behandlung von Narben, Gelenksabnützung, nicht heilenden Knochenbrüchen und Parodontitis erprobt wird“, ergänzt Dr. Schaden.

Ganz ohne Schmerzen geht‘s leider nicht

Die Stoßwellentherapie hat, wie es scheint, eine große Zukunft vor sich und ist für Patienten eine schonende Alternative zur möglichen Operation, auch wenn ihre Anwendung nicht immer angenehm ist.

Sechzig bis dreihundert Stöße pro Minute werden auf die zu behandelnde Stelle losgelassen. Als Knattern oder ähnlich einem konstanten Händeklatschen machen sich die Stoßwellen bemerkbar, aber auch die Stoßstärke spüren die Patienten. „Die Anwendung wird als leicht- bis mittelgradig schmerzhaft beschrieben. Weil die Stoßwelle selbst einen schmerzlindernden Effekt bewirkt, wird die Behandlung nach einiger Zeit kaum noch als unangenehm empfunden“, beruhigt Dr. Schaden. Ein bis drei Behandlungen sind im Durchschnitt notwendig. Pro Sitzung müssen die Patienten mit fünf bis fünfzehn Minuten Zeitaufwand rechnen.

Fraglos gehört das Stoßwellen-Gerät in erfahrene Hände, denn bei nicht sachgerechter Handhabung kann es zu Blutergüssen, Schwellungen oder Schäden am gesunden Gewebe kommen, etwa an Knochen, Nerven und Sehnen. Nach der Therapie sollten Patienten je nach Erkrankung drei bis acht Wochen auf Sport verzichten und sanfte Bewegung und Dehnung ausüben.

Noch ist die Stoßwellentherapie von den Patienten mit Beträgen zwischen einhundert und einhundertfünfzig Euro pro Sitzung selbst zu zahlen, denn für die gesetzlichen Kassen sind die bisherigen Studienergebnisse noch kein Beweis für eine tatsächliche Wirksamkeit der Stoßwellentherapie.

Dass sich das eines Tages ändert, daran arbeiten Wissenschaftler und Mediziner mit Eifer.
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