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Ausgabe Nr. 28/2017 vom 11.07.2017, Fotos: dpa, facebook, Shutterstock
Wenn sich ein Hund einmal für ein Herrchen entschieden hat, folgt er ihm überall hin.
Mit „Gobi“ am Arm beendete Dion Leonard den Wüstenlauf als Zweitplatzierter.
Unzertrennliche Freunde in der Wüste ...
... und beim Ausruhen.
Der Läufer plakatierte in China die Vermisstmeldung. Und fand so „Gobi“ wieder.
Hund und Herrchen glücklich vereint.
Der Kleine lief dem Großen einfach nach – quer durch die Wüste
Bei einem Ultra-Marathon quer durch die Wüste Gobi in China, reihte sich mitten im Lauf ein streunender Hund ein, der Dion Leonard nicht mehr von der Seite wich. Als der Läufer den treuen Begleiter mit nach Hause nehmen wollte, war das Tier plötzlich verschwunden.
Dion Leonard ist wohl das, was wir einen „harten Hund“ nennen. Der 42jährige läuft Ultra-Marathons. Das sind Laufveranstaltungen, die über eine Strecke führen, die länger als die Marathondistanz von 42,195 Kilometer ist. Im vergangenen Jahr startete der Schotte beim „4 Deserts Marathon“ auf dem asiatischen Kontinent. Sieben Tage lang und 250 Kilometer weit durch unwirtliches Gebiet. Dabei durchqueren die Läufer auch die chinesische Wüste Gobi. Was er bei diesem Lauf erlebte, rührte auch den Extremsportler zu Tränen.

„Am zweiten Tag des Rennens stand sie plötzlich bei der Startlinie neben mir und schaute zu mir herauf“, erinnert sich Leonard genau an jenen Moment, als er in zwei pechschwarze Augen blickte. Sie gehörten einer kleinen hellbraunen Hundedame. „Ich wedelte ein bisschen mit dem Fuß, um sie zu verjagen. ‚Geh weg, geh weg‘, sagte ich zu ihr. ‚Du wirst gleich zertreten.‘ Dann biss sie mir verspielt in die Schuhspitze.“

Nach dem Startschuss begleitete ihn der kleine Hund noch etwa einen Kilometer. „Dann war sie auf einmal weg.“ Nach vielen Stunden, in denen er durch einen steilen Wald lief, gelangte er auf freies Gelände. „Und plötzlich war sie wieder da. Sie ist mir heimlich gefolgt.“ Die letzten zehn Kilometer wich ihm die Hundedame nicht von der Seite. „Als wir am Ende des Tages die Ziellinie überquerten, bemerkte ich, dass die Menschen mehr dem Hund als mir zujubelten“, lacht Leonard. Ein Helfer brachte dem Tier eine Schüssel Wasser und der Läufer holte aus seinem Zelt ein Stück trockenes Fleisch, um sich zu stärken. Als er es im Schatten seines Vordaches zum Mund führte, bemerkte er, dass die Augen des Tieres auf ihn fixiert waren. „Sie musste halb verhungert sein, aber sie versuchte, nirgends etwas zu stehlen. ‚Hier hast du‘, rief ich und warf ihr die Hälfte meines Stückes zu. Sie schnappte es sich, kaute, schluckte gierig – und innerhalb von Sekunden kuschelte sie sich an mich und schnarchte.“ Andere Läufer kamen, um ihrem Konkurrenten zu sagen, wie süß Leonards neuer Freund schlief. Gemeinsam überlegten sie einen Namen, der auch schnell gefunden war. „Gobi.“

Zu Beginn der dritten Etappe standen sie schon gemeinsam an der Startlinie. „Wir kamen zu einem breiten Fluss. Ich watete konzentriert durch das hüfttiefe Wasser. Bis ich auf halbem Weg hörte, wie sie bellte und winselte. Sie stand noch am Ufer und mit jedem meiner Schritte wurde ihr Klagen verzweifelter.“ Also kehrte Leonard um, nahm seine wasserscheue Gefährtin auf den Arm und watete mit ihr durchs Wasser. „Sie drückte ihren Kopf fest an mein Gesicht und als ich sie ansah, konnte ich in ihrem Blick so etwas wie Zuneigung und Dankbarkeit sehen“, erinnert sich der Extremsportler.

Für die heißeste Etappe ließ Leonard seine vierbeinige Freundin im Begleitkonvoi transportieren. „Ich hatte Angst, dass ‚Gobi‘ bei Temperaturen bis zu 60 Grad Celsius sterben könnte“, erklärt der 42jährige seinen Entschluss, alleine zu laufen. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie mir so sehr fehlen würde. Ich konnte es kaum erwarten, sie wieder zu sehen.“ Bei Einbruch der Dämmerung erreichte er das Lager. „Ich bog um die letzte Kurve. Als sie mich in der Ferne erkannte, sprintete sie los. Ihre Ohren und die kleine Zunge flatterten im Wind.“

In dieser Nacht fasste der Läufer den Entschluss, „Gobi“ mit nach Schottland zu nehmen. „Doch zuerst musste ich mit meiner Frau Lucja darüber sprechen.“ Also nahm er das Satellitentelefon und wählte beklommen ihre Nummer, weil er nicht wusste wie Lucja reagieren würde. „Ich konnte kaum mehr als ‚Hallo‘ sagen, da fragte sie mich schon nach ‚Gobi‘. ‚Deine Konkurrenten haben Bilder von dir und ‚Gobi‘ ins Internet geladen. Alle reden von euch‘, berichtete sie mir begeistert. ‚Bitte, bring sie nach Hause.‘“
Alles schien somit geregelt, doch nach dem Rennen, das Leonard, mit „Gobi“ auf dem Arm, als Zweiter beendete, war sie plötzlich verschwunden. „Sie hatte sich in der Großstadt verlaufen und war unauffindbar.“ Leonard brachte eine spendenfinanzierte Suchaktion ins Rollen und gab die Hoffnung nicht auf. Er verbrachte sogar einen Monat in China, um an der Suche selbst teilzunehmen.
Mehr als ein halbes Jahr, nachdem „Gobi“ verschwunden war, entdeckte ein Paar das Tier in einem Park. Durch die Vermisstmeldung auf einem Poster waren sie auf die Hündin aufmerksam geworden und hatten sich dann gemeldet. Leonard fuhr selbst zu der Familie, um sich zu überzeugen, dass es tatsächlich „Gobi“ war. „Mein Herz klopfte bis zum Hals, als ich läutete. Als sich die Tür öffnete, sah ich nur einen hellbraunen Strich durch den Flur schießen. Dann sprang ‚Gobi‘ auf meine Knie und bellte mich wütend an“, erinnert sich der 42jährige an das Wiedersehen.

Mittlerweile läuft Dion Leonard mit „Gobi“ durch Edinburgh in Schottland. „Unsere Lieblingsroute führt über einen grasbewachsenen Hügel, etwas außerhalb der Stadt. ‚Gobi‘ rast vor mir den Hang hinauf. Oben wartet sie mit hängender Zunge und sieht mich an, als wollte sie sagen: ‚Komm schon, wir haben noch einen weiten Weg vor uns.‘“
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