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Ausgabe Nr. 20/2017 vom 16.05.2017, Fotos: Sabine Klimpt, Wilke
Ingrid Korosec, Markus Mattersberger
Mehr Kontrollen in Pflegeheimen?
125 Pflege-Einrichtungen besuchten die Kommissionen der Volksanwaltschaft im Vorjahr. Sie fanden teils Erschreckendes. In einem Tiroler Heim mussten inkontinente Bewohner sogar in Kot und Urin ausharren, weil Mitarbeiterinnen stritten und weder der Tagdienst noch der Nachtdienst die Windeln wechselte. Jetzt werden mehr Kontrollen gefordert. Doch Markus Mattersberger, der Präsident des Bundesverbandes der Alten- und Pflegeheime, fordert stattdessen Strukturverbesserungen.
JA: Ingrid Korosec,
Seniorenbund-Präsidentin

„Die Lage im Bereich der Pflege ist dramatisch. Es gibt keine staatliche Qualitätskontrolle. Das lässt sich am besten beim Personal feststellen. Dort hakt es an allen Ecken und Enden. Ein einheitlicher Personalschlüssel existiert nicht. Es ist nicht genügend Pflegepersonal da. Und es gibt keine adäquate Bezahlung für jene Menschen, die in der Pflege beschäftigt sind. Dass ein hochentwickeltes Land wie Österreich derart eklatante Mängel aufweist, liegt am fehlenden Gesamtkonzept. Das bestätigen auch die jüngsten Berichte von Rechnungshof und Volksanwaltschaft. Der Österreichische Seniorenbund fordert hier seit Jahren grundlegende Änderungen im Sinne der Hilfsbedürftigen und der Pflegenden gleichermaßen. Die Finanzierung der Pflege muss aus einer Hand kommen, nur so kann das verwirrende System überwunden werden. Die Qualitätskriterien müssen einer andauernden Kontrolle unterworfen sein. Letztlich geht es darum, Personal und Angehörige von Belastungen zu befreien, damit sie sich auf die Pflegebedürftigen konzentrieren können.“


NEIN: Markus Mattersberger,
„Lebenswelt Heim“

„Prinzipiell werden Kontrollen äußerst begrüßt, da sie den Einrichtungen eine Rückmeldung von außerhalb zur geleisteten Arbeit geben und geeignet sind, diverse Fehlentwicklungen frühzeitig aufzuzeigen. Die Pflegeeinrichtungen werden aktuell unter anderem von Heim- und Pflegeaufsichten, Patientenanwaltschaften, Bewohnervertretern, Volksanwaltschaft und Arbeitsinspektoraten kontrolliert. Es stellt sich die Frage, welche zusätzlichen Erkenntnisse durch noch mehr Kontrollen gewonnen werden könnten? Bessere Arbeit wird durch bessere Strukturen und Rahmenbedingungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ermöglicht, nicht durch stärkere Kontrollstrukturen. Ein Mehr an Kontrollen ist kontraproduktiv, da sie letztlich wertvolle Zeit unserer Mitarbeiter binden, die unseren Bewohnerinnen und Bewohnern zustehen sollte. Zudem sind sie andauernder Ausdruck des Misstrauens und Versagens, schaffen Doppelgleisigkeiten der Behörden und verschlingen dadurch zusätzliches Steuergeld. Kontrollen sollen jene Menschen unterstützen, die an der Lebensqualität für unsere älteren Menschen arbeiten und sie nicht behindern.“
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