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Ausgabe Nr. 20/2017 vom 16.05.2017, Fotos: Kauck/Cynthia Vice Acosta
Nach 21 Jahren in Dunkelheit kann Mary Ann Franco wieder sehen.
Das Unfallauto.
Nach der Operation kann Franco sogar wieder Auto fahren.
Mit Bruder Rocky.
„Die Welt glänzt und strahlt wieder“
Vor 22 Jahren erblindete Mary Ann Franco nach einer Operation. Das Leben in Dunkelheit endete für sie im vergangenen Jahr. Nach einem Eingriff, der mit ihrer Erblindung nichts zu tun hatte, konnte die 70jährige plötzlich wieder sehen. Der behandelnde Arzt nennt Franco seine „Wunder-Patientin“.
Träume ich, oder ist das wahr?“, sagte Mary Ann Franco, als sie blinzelnd aus der Narkose erwachte. Zuerst sah sie nur undeutlich die Umrisse eines Mannes, der an ihrem Bett saß. Als sich der Schleier lichtete, erkannte die 70jährige das Lächeln in dem bärtigen Gesicht. „Hallo“, sagte ihr Bruder Rocky. „Ist das jetzt echt? Kann ich wirklich wieder sehen? Oh, mein Gott“, entfuhr es Mary Ann Franco. Dann fasste sie sich an den Kopf, berührte behutsam ihre Augen und strich über den Arm ihres Bruders. „Ich wusste gar nicht, dass du eine Brille trägst. Und dann dieser Bart.“ Als sie Rocky Powell das letzte Mal sah, hatte er noch keine Augengläser und war auch glatt rasiert. Seit einem Unfall vor 22 Jahren hatte sie in Dunkelheit gelebt.

Mary Ann Franco versuchte, sich etwas im Krankenbett zu bewegen, aber schlimme Schmerzen schossen durch ihr Genick, das gerade operiert worden war. „Hallo, Sie mit der rosa Bluse“, sagte sie zu einer Krankenschwester, „bitte geben Sie mir schnell ein starkes Schmerzmittel.“

„Im selben Augenblick wurde mir bewusst, dass ich nun auch Farben erkennen konnte“, berichtet die Patientin heute. „Ich bin mein ganzes Leben lang farbenblind gewesen. Gelb ist jetzt meine Lieblingsfarbe.“

Als Mary Ann Franco an einem Wintermorgen des Jahres 1995 mit ihrem grünen Honda Civic ins Parma Community Spital von Ohio (USA) fuhr, um dort ihren Dienst als Hebamme anzutreten, war die Welt kalt und dunkel. Es hatte geschneit. Die Straßen waren rutschig. An einer abschüssigen Stelle verlor sie die Kontrolle über ihr Auto. Der Wagen kam von der Fahrbahn ab, überschlug sich drei Mal und blieb in einem Graben liegen. „Die Retter erzählten mir, dass ich ‚Baby, Baby‘ gemurmelt habe“, berichtet Franco. „Ich hatte wohl im Kopf, dass ich im Spital bei einer Geburt helfen sollte.“

Sie schien Glück im Unglück gehabt zu haben. Der diensthabende Arzt in der Notaufnahme stellte bei ihr nur ein paar Abschürfungen fest und schickte sie heim.
Doch nur einen Monat später hatte Mary Ann Franco einen Schlaganfall. Im Zuge der Untersuchungen fanden die Ärzte im Spital eine Genickverletzung, die von ihrem Autounfall stammte. Eine Operation war unumgänglich. „Als ich aus der Narkose erwachte, konnte ich nicht mehr sehen“, erinnert sich die 70jährige. „Von einem Moment auf den anderen war ich erblindet.“

Mary Ann Franco ließ sich vom Schicksal nicht unterkriegen. „Ich bin eine harte Nuss“, lacht sie. Zusammen mit ihrem Mann zog sie zurück nach Okeechobee im warmen Florida (USA), besuchte eine Blindenschule und gewöhnte sich an das Leben in Dunkelheit.

Ihre Erblindung hielt sie nicht davon ab, das Leben ihres Mannes zu retten. „Wir aßen in einem Schnellimbiss, als ihm ein Stück Fleisch in der Kehle steckenblieb“, berichtet sie. „Ich befahl allen Neugierigen, zurückzutreten und führte die erforderlichen Maßnahmen durch, bis John das Fleisch ausspuckte.“ Als ihr Mann schwer krank wurde, pflegte sie ihn monatelang. Sein Leben konnte sie allerdings nicht retten.

Nach seinem Tod bot Francos Bruder an, sie bei sich aufzunehmen. Sie entschied, zusammen mit ihrer Katze im eigenen Haus zu bleiben. Ein schicksalsträchtiger Entschluss. Denn dort stolperte Mary Ann Franco im April 2016 und fiel auf ihren Rücken. Dabei lockerte sich die Verbindung zwischen dem unteren Kopfgelenk und der Halswirbelsäule.

Im Martin Medical Center in Stuart (Florida) gelang es Dr. John Afshar in einer vierstündigen Operation, den Wirbel zu reparieren. Obgleich niemand daran dachte, die Operation könne die Sehfähigkeit der Patientin wieder herstellen, gewann Franco dabei ihr Augenlicht zurück. Dr. Afshar sucht immer noch nach einer medizinischen Erklärung für das Wiedererlangen des Sehvermögens seiner „Wunder-Patientin“, wie er Franco nennt. „Vielleicht wurde bei der Genick-Operation im Jahr 1995 eine Arterie geknickt, und der gestoppte Blutdurchfluss führte zur Erblindung. Als wir Mary Ann wieder am Hinterkopf operierten, öffneten wir vielleicht unbewusst den Blutfluss zu dem Teil des Hirnes, der für das Sehvermögen zuständig ist. Aber das ist reine Theorie“, sagt der Chirurg.

„Alles glänzt und strahlt nun“, freut sich seine Patientin jedenfalls. „Es ist so schön, dass ich mich nicht mehr ständig daran erinnern muss, wo die Dinge im Haus liegen. Ich sehe sie jetzt.“ Allerdings war Franco geschockt, als sie sich im Spiegel wiedersah: „Ich hatte eine Frau in ihren Fünfzigern in Erinnerung. Nun war ich plötzlich alt.“ Und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Ich hätte besser nicht hingeschaut.“

Vor einer Woche besuchte die Seniorin ihre Tochter Michelle und deren sieben Kinder. Nach Kaffee und Kuchen unternahmen alle einen Ausflug in Omas Wagen. In dem Franco auch selbst am Steuer saß. Gerade hat sie ihren Führerschein erneuert.
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