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Ausgabe Nr. 19/2017 vom 09.05.2017, Fotos: Gepa, FOTObyHOFER/Christian Hofer
Die grün-weiße Fußballkrise bestürzt die Anhänger.
Der enttäuschte, aber treue Anhänger.
Rapid-Legende Hans Krankl, fassungslos.
Rapid in Not
In Hütteldorf, einst die Hochburg selbstbewusster Anhänger und Fußballer, herrscht Ratlosigkeit. Statt um den Meistertitel zu kämpfen, ist Rapid in Not. Die Anhänger melden sich nun mit scharfer Kritik zu Wort und der Ex-Rapidler Andreas Herzog, 48, wäre bereit, den Karren als Trainer aus dem Dreck zu ziehen.
Pfiffe von den eigenen Anhängern kassierten Rapids Kicker schon in St. Pölten, doch nach dem 0:3 gegen Ried stoppten die aufgebrachten Anhänger sogar den Teambus, um ihrem Unmut freien Lauf zu lassen. „Wir haben der Mannschaft auf einem LKW-Rastplatz die Leviten gelesen“, verrieten die „Ultras“ in einer Stellungnahme. „Denn wir befinden uns in der wahrscheinlich schlechtesten Saison der 118jährigen Vereinsgeschichte.“

Jürgen Hartmann, 55, ist auch ein Ultra und überdies der treueste und extremste aller Rapid-Anhänger. Er schläft in grün-weißer Bettwäsche und hat in den vergangenen 44 Jahren lediglich drei Spiele aufgrund eines Lungeninfarktes versäumt. Doch an eine derart schlimme Krise wie derzeit kann er sich nicht erinnern. „Ich habe Angst, unsere Mannschaft könnte absteigen“, meint er und gesteht, dass seine Lebensqualität derzeit leidet wie selten zuvor. „Wenn nicht sofort ein Aufwärtstrend kommt, packen auch die Spieler das nervlich nicht mehr.“

Seine Warnung scheint die Mannschaft am Wochenende gehört zu haben. Mit einem klaren 4:0-Erfolg daheim gegen die Kärntner aus Wolfsberg verschaffte sie sich etwas Luft im Abstiegskampf. Dennoch ist Rapid in Not. Abgeschlagen auf Rang sechs zu liegen, ist eines 32-fachen Meisters unwürdig. Nur mit dem Cupsieg am 1. Juni im Finale gegen Salzburg könnte die Saison noch gerettet werden. Aber auch die Statistiken bei Torschüssen und Laufleistungen wiesen den Wienern bislang verheerende Werte aus. Für die Vereinsikone Hans Krankl eine Sünde, die auf das Konto der Geschäftsführung geht. „Rapid wird immer mehr ein Klub ohne Seele“, kritisiert er. „In der Rapid-Führung ist kein Mann, der sich im Fußball auskennt.“

Auch Hartmann sieht die Schuld in der Chefetage. „Es ist ein Drama, was gerade passiert“, klagt er. „Derzeit könnten uns nicht einmal Startrainer wie Mourinho oder Guardiola helfen, weil das ganze System krankt. Laufbereitschaft und Schnelligkeit fehlen, der Verein hat seit neun Jahren keinen Titel gewonnen, das ist erbärmlich.“ Vor allem die Spielerpolitik ist ihm ein Dorn im Auge. „Seit Jahren lässt der Klub die besten Kicker ziehen und holt solche, die es nicht verdienen, das Rapid-Leiberl zu tragen. Legenden wie Steffen Hofmann und Mario Sonnleitner werden abmontiert.“

Der inzwischen entlassene Rapid-Sportdirektor Andreas Müller beklagte in seiner Abrechnung mit dem Verein das angeblich zu enge Verhältnis des Vorstandes zu den Ultras, steht allerdings selbst noch viel mehr in der Kritik. „Für mich ist Müller sozusagen der Urvater der Krise, neben einigen anderen Vätern“, meint Kersten Bogner, 45, Vertreter des zweitältesten Rapid-Fanklubs im Stadtteil Speising. „Müller hatte das größte Spielerbudget der Vereinsgeschichte, doch insgesamt ein Dutzend seiner Spieler haben nicht eingeschlagen. Deren Verträge laufen langfristig und sind eine schwere Hypothek für die Zukunft des Vereines.“

Der Speisinger Anhänger würde gerne das Vereins-Urgestein Andreas Herzog als neuen Trainer sehen, eine Galionsfigur mit grün-weißem Hintergrund. „Ich wünsche mir einen, der Rapid im Herzen trägt.“ Herzog, 48, selbst wäre einem Hütteldorfer Abenteuer nicht abgeneigt und sucht derzeit ohnehin nach einer neuen Aufgabe. „Rapid als nächste Station ist für mich sicher ein Thema, aber das hängt auch vom Verein ab, ob hier etwas zustandekommt.“

Den Karren bald wieder aus dem Dreck zu ziehen hält er für möglich, denn er sieht beim SCR brachliegendes Potenzial. „Die wahre Qualität der Mannschaft entspricht hundertprozentig nicht der derzeit schlechten Leistung, doch dem Kader fehlt Schnelligkeit. Neue Spieler wie Ivan Mocinic oder Arnor Traustason müssen endlich die Eingewöhnungsphase beenden. Viel halte ich auch vom Mittelstürmer Giorgi Kwilitaia, dem traue ich 15 Tore pro Saison zu.“

Herzog würde vor allem bei der Einstellung ansetzen, um die Mannschaft wachzurütteln. „Dass sich die Spieler immer wieder hängen lassen, ist ein Wahnsinn und gehört zu Saisonende knallhart angesprochen und ihnen ausgetrieben. Es kann nicht sein, dass du für Rapid spielst und keine Siegesmentalität hast.“ So ein Geist wie beim Sieg gegen die Wolfsberger am vergangenen Samstag müsse herrschen, meint Herzog. Das sei Rapid.

Einen Neustart sehnt auch Jürgen Hartmann herbei, der bis zum Lebensende nach „Sankt Hanappi“ pilgern will. „Bis zu meinem 81. Lebensjahr darf ich kein Spiel mehr versäumen“, schmunzelt er. „Denn ich habe mir zum Ziel gesetzt, meinen eigenen Rekord von 1.188 besuchten Pflichtspielen in Folge in der Zeit vor meinem Lungeninfarkt zu übertreffen.“
Wolfgang Kreuziger
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